"Schmerzliche Heimat"

Semiya Simsek schreibt über ihren ermordeten Vater

Kultur | Forum am Freitag - "Schmerzliche Heimat"

Semiya Simek ist die Tochter des ersten Opfers der NSU-Mordbande. Jetzt hat sie die Erinnerungen an ihren erschossenen Vater im Buch "Schmerzliche Heimat" aufgeschrieben.

Beitragslänge:
14 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.03.2018, 23:55

Enver Simsek war das erste Mordopfer der NSU-Rechtsterroristen. Jahrelang wartete seine Familie auf die Aufklärung der Tat - und musste belastende Ermittlungen erleben. Jetzt schildert Simseks Tochter ihre Sicht des Geschehens im Buch "Schmerzliche Heimat"."Forum am Freitag"-Moderator Kamran Safiarian hat sie getroffen.

Semiya Simsek musste zweimal um ihren erschossenen Vater trauern. Nach seinem Tod im September 2000 und elf Jahre später, als herauskam, dass er das erste Opfer einer terroristischen Neonazi-Mordserie war. Wie die Tat in Nürnberg und die folgenden Ereignisse sie, ihre Familie und ihr Verhältnis zu Deutschland erschütterten, erzählt die 26-Jährige in dem Buch "Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater".

Glückliche Kindheit in Schlüchtern

Mit liebevollem Blick und kleinen Anekdoten beschreibt Simsek die glückliche Kindheit mit dem Vater im osthessischen Flieden und Schlüchtern und seine Karriere vom türkischen Einwanderer zum erfolgreichen Blumengroßhändler. Denn darum geht es der Tochter: Sie will Enver Simsek ein Gesicht geben. "Es war mir wichtig, gerade meinen Vater zu beschreiben. Elf Jahre lang haben andere von ihm erzählt, aber nicht wie er wirklich war", sagt sie über ihr Buch. Dass andere die Deutungshoheit über den Vater besaßen, hatte traumatische Folgen für die Familie, wie Simsek eindringlich schildert.

Elf Jahre lang konnten "wir nicht einmal in Ruhe um ihn trauern", schreibt sie etwa. Da seien die demütigenden Ermittlungen der Polizei gewesen, die Verdächtigungen und Vorurteile. All die Jahre hätten die Behörden einen rassistischen Hintergrund ausgeschlossen, dafür Familienmitglieder verdächtigt oder vermutet, der Vater sei ins Drogenmilieu verstrickt gewesen. "Er hatte ein normales Leben geführt, nur an seinem Ende war nicht das Geringste normal gewesen", sagt Simsek. "Die Ermittlungen infizierten sein Leben nachträglich. Es war paradox: Brutal ermordet worden zu sein, verwandelte meinen Vater posthum in einen Verdächtigen."

Bittere Erkenntnis

Als ans Licht kam, dass mutmaßlich der Fremdenhass der Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) ihren Vater getötet hatte, war das ein neuer Schock für Simsek: "Diese Erkenntnis hat mich fast zerrissen."

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