Seelsorge im Islam

Neue Aufgabe für Imame

Der Islam kennt das Phänomen der Seelsorge ursprünglich nicht. Da es nach islamischer Auffassung keinen Vermittler zwischen Gott und dem einzelnen Gläubigen gibt, ist jeder Mensch selber verantwortlich für sein Seelenheil. Der Koran sagt dazu: "Und hütet euch vor einem Tag, an dem keine Seele für eine andere etwas begleichen kann..." (Sure 2, Vers 48). Seinem Wesen nach bedarf der Islam keiner Vermittler und keiner Amtsträger zum Vollzug bestimmter Rituale. Vielmehr ist jeder erwachsene und vernünftige Muslim, der um seine Religion weiß, zur Vornahme der entsprechenden rituellen Handlungen berechtigt. Das heißt mit anderen Worten: Jede Muslima und jeder Muslim kann "Seelsorger" sein.

Gefängnis Quelle: ZDF

Viele Muslime, gerade in der Diaspora, haben nicht genug Kenntnis von ihrer Religion. Deshalb wird der Bedarf an theologisch ausgebildeten Beratern in Deutschland immer größer. Seelische Krisen schaffen bei den Menschen zudem ein steigendes Verlangen nach Betreuung. Besonders stark betroffen davon sind die Bereiche Gefängnisse, Krankenhäuser, Altenheime und Bundeswehr.

Muslime im Gefängnis

Zu den Strafgefangenen in deutschen Gefängnissen zählen heute auch viele Muslime. Für sie gibt es bisher allerdings keine geregelte geistlich-religiöse Betreuung, wie sie für christlich getaufte Gefangene traditionell durch die Seelsorger der Kirchen wahrgenommen wird. Zwar versuchen die meisten christlichen Seelsorger in den Justizvollzugsanstalten, auch die Muslime in ihrer schwierigen Situation zu begleiten - etwa durch ehrenamtliche islamische Betreuer. Allerdings fühlen sich viele Inhaftierte muslimischen Glaubens mit ihren Problemen alleingelassen.

Zumindest für die türkischstämmigen muslimischen Gefangenen erfolgt die Betreuung in den letzten Jahren oft provisorisch durch die Vorbeter des Verbandes der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) oder der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt der Religion (DITIB). Doch die Zahl dieser Imame ist gering. Da muslimische Gefangene einen rechtlichen Anspruch auf geistliche Betreuung haben, gehen immer mehr Vollzugsanstalten dazu über, die Gefangenen von ehrenamtlichen muslimischen Seelsorgern betreuen zu lassen, wie etwa der ausgebildete Pädagoge Ahmet Özdemir. Er betreut muslimische Gefangene in der Jugendvollzugsanstalt der Stadt Münster. "Wir feiern jedes Jahr zusammen unsere Festtage: Ramadan und Opferfest", erzählt Özdemir. "Als erstes kommt das Gebet, aber es gibt auch Kaffee und Kuchen. Wir bekommen dafür auch Unterstützung." Neben der religiösen spiele auch die soziale Betreuung der Gefangenen eine wichtige Rolle, erzählt Özdemir. Schließlich seien fast alle Muslime in Deutschland ursprünglich ausländischer Herkunft - oder zumindest Kinder von ausländischen Einwanderern.

Professionelle Ausbildung

Den Vollzugsbehörden wäre am liebsten, wenn die unterschiedlichen islamischen Organisationen in Deutschland für eine adäquate Ausbildung von muslimischen Gefängnisseelsorgern sorgen würden. Doch dafür fehlen bisher nicht nur passende Ausbildungsstätten. Erschwerend kommt hinzu, dass die muslimischen Gemeinden in Deutschland - anders als die Kirchen - nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts haben, und damit auch keinen Anspruch auf staatliche finanzielle Unterstützung.

Ein solcher Status würde voraussetzen, dass die Muslime sich auf eine einheitliche Interessenvertretung einigen könnten - was bisher am Widerstand einzelner, gewichtiger Organisationen gescheitert ist. Aus eigenen Mitteln können die islamischen Organisationen die Mittel zur Finanzierung hauptamtlicher Geistlicher jedoch nicht aufbringen, betont Wolf Ahmad Aries vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Dennoch seien die Verbände bereit, sich so weit wie möglich ehrenamtlich in den Gefängnissen zu engagieren.

Religion hilft in Krisen

Muslime kennen im Alltag eine Reihe von religiösen Regeln. Diese zu befolgen ist ihnen gerade auch bei einem Krankenhausaufenthalt oder bei Tod und Trauer wichtig. Traditionell lassen Muslime ihre kranken Angehörigen nicht alleine. Sehr zum Leidwesen der deutschen Patienten, die sich häufig durch die vielen Besucher gestört fühlen. Besonders für viele ältere Muslime ist es zudem wichtig, auch während ihres Krankenhausaufenthaltes die fünfmal täglich zu verrichtenden Pflichtgebete einzuhalten.

Im Bethesda-Krankenhaus in Essen hat man hierfür vor einem Jahr eigens einen Gebetsraum eingerichtet - bisher einzigartig in Nordrhein-Westfalen. Bei einem Anteil von zwölf Prozent an muslimischen Patienten ist dies für Krankenhausseelsorger Dr. Egon Schröder durchaus normal: "In Krisensituationen wird die Religion für Menschen wichtiger. Das ist bei Muslimen nicht anders als bei Christen. Deshalb müssen wir ihnen einen Ort geben können, wo sie sich im Rahmen ihrer Religion geborgen fühlen." Zumal, so Schröder, der muslimische Gebetsraum mehr besucht sei als der ebenfalls im Krankenhaus untergebrachte christliche Andachtsraum. Gerade für viele todkranke Patienten stellt das Gebet aber auch eine Vorbereitung auf das Leben im Jenseits dar.

Unbekannte Seelsorge

Im Gegensatz zum Christentum kennt der Islam die Institution der Seelsorge nicht. In diesem Fall sind die Angehörigen gefragt: "Wenn wir von Seelsorge sprechen, dann ist jedes Familienmitglied ein Seelsorger, egal ob Vater, Mutter, ein Freund oder ein Bekannter" erklärt der Kölner Islamwissenschaftler Rafet Öztürk. Es geht in erster Linie darum, den Sterbenden auf seinem Weg vom Diesseits ins Jenseits zu begleiten.

In der Stunde des Todes versammeln sich die Muslime daher am Sterbebett und tragen Verse aus dem Koran vor. "Es ist auch ein religiöser Brauch, dass man den Kopf des Sterbenden in Richtung Kaaba richtet" erläutert Rafet Öztürk. "Hat er sein Leben ausgehaucht, wird das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen: 'Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Gesandter'. Danach wird ein muslimischer Verein angerufen, der zuständige Vorbeter oder Prediger kommt vorbei und nimmt den Verstorbenen in die Moschee mit." Dort wird der Leichnam in einem speziell dafür eingerichteten Waschraum (türkisch: ghaselhane) dem islamischen Ritus entsprechend dreimal mit fließendem Wasser gewaschen. Danach wird der Körper in ein weißes Tuch gehüllt. Nach islamischem Brauch werden die Toten ohne Sarg beigesetzt. Diese Praxis ist in Deutschland allerdings noch nicht erlaubt.

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