Studie über Zwangsheirat

Erkenntnisse des Bundesfamilienministeriums

Sie ist eine schwere Menschenrechtsverletzung, mittlerweile sogar ein eigener Straftatbestand: Die Zwangsverheiratung. Dennoch wird sie in Deutschland laut einer Studie tausendfach praktiziert.

Kristina Schröder
Kristina Schröder Quelle: dapd

Junge Frauen und Männer, oft aus streng religiösen, muslimischen Familien werden - nicht selten unter Androhung von Gewalt - zur Ehe gezwungen. Viele dieser Ehen werden in den Herkunftsländern der Betroffenen geschlossen. Doch wie viele dieser Fälle es in Deutschland tatsächlich gibt, lässt sich nicht verlässlich sagen.

Hohe Dunkelziffer

Eine 160 Seiten umfassende Studie mit dem Titel "Zwangsverheiratung in Deutschland", die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt wurde, gibt nun aber immerhin Aufschluss über Geschlecht, Alter, Herkunft, Staatsangehörigkeit und den sozialen Kontext der Betroffenen. Ausgewertet wurden die Angaben von bundesweit 830 Beratungseinrichtungen, die im Jahr 2008 insgesamt 3443 Fälle von angedrohten oder bereits erfolgten Zwangsverheiratungen dokumentiert hatten.

Ministerin Schröder wies aber bei der Präsentation der Studie am 9. November darauf hin, dass die Studie nicht repräsentativ sei. Die Dunkelziffer sei hoch, deshalb könne nicht zuverlässig abgeschätzt werden, wie viele Zwangsverheiratete es in Deutschland gebe, so die Ministerin.

Viele Opfer sind Minderjährig

Von Zwangsverheiratung betroffen sind demnach in erster Linie Mädchen und Frauen aus Migrantenfamilien. Die meisten von ihnen aus der Türkei (43,8 Prozent), gefolgt von Familien aus Serbien, Kosovo und Montenegro (9,7 Prozent) sowie Irak (7,1 Prozent). 30 Prozent der Opfer, die sich an die Beratungsstellen wandten, waren noch minderjährig, die Mehrzahl der Betroffenen (40 Prozent) zwischen 18 und 21 Jahre alt. Bedroht sind also vor allem sehr junge Frauen und Mädchen. Für knapp dreißig Prozent von ihnen bedeutet die Zwangsverheiratung auch einen Schul- oder Ausbildungsabbruch.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU) will deshalb mit Aufklärung über das Thema in den Schulen zum Kampf gegen die Zwangsheirat beitragen. Neben gesetzlichen Maßnahmen gelte es "niedrigschwellige Hilfsangebote" auszubauen. Die Zahl der Beratungsstellen soll flächendeckend erhöht werden, kündigte sie an.

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Zu wenig Mutige in der Beratung

Bislang, so ergab die Studie, wandte sich nur ein Drittel der von Zwangsheirat Bedrohten aus eigenem Antrieb an eine Beratungsstelle. Ein weiteres Drittel musste von Freunden oder Bekannten dazu überredet werden. Für das verbleibende Drittel übernahmen Dritte den Kontakt zur Beratungsstelle.

"Nur die Mutigen lassen sich beraten", resümierte Familienministerin Kristina Schröder und kündigte an, ein Hilfstelefon für betroffene Frauen und Männer einzurichten, das Ende 2012 einsatzbereit sein soll.

Kritik an der Darstellung

Wenige Tage nach Erscheinen der Studie handelte sich die Bundesfamilienministerin Vorwürfe von Beratern ihres Ressorts ein. Die Ministerin schüre antimuslimische Ressentiments, so die Stimmen. Mehrere Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der in Schröders Auftrag erstellten Studie zeigten sich in einer gemeinsamen Stellungnahme empört und hielten Schröder vor, sie für ihre Zwecke hinters Licht geführt zu haben. "Die öffentliche Darstellung und Auswertung der Studie durch Ministerin Schröder wird den Befunden in wichtigen Punkten nicht gerecht", heißt es in einer zweiseitigen Stellungnahme der Experten.

Die Kritik entzündete sich an einem Gastbeitrag der Familienministerin in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 8. November. Darin fasste Schröder einen Tag vor der Veröffentlichung die Ergebnisse der von ihr in Auftrag gegebenen Studie "Zwangsverheiratung in Deutschland" zusammen. Allerdings verkürzte sie einige Ergebnisse so stark, dass sie nach Ansicht der Berater im wissenschaftlichen Beirat "schlichtweg falsch" dargestellt wurden.

Experten verärgert über Ministerin

So hatte Schröder ihren Text mit den Worten eingeleitet, die Beratungsstellen in Deutschland hätten für das Jahr 2008 "3443 Fälle von Zwangsverheiratungen" registriert. In der Studie dagegen heißt es, "die Zahlen betreffen rund 60 Prozent angedrohte und 40 Prozent vollzogene Zwangsverheiratungen. In den erfassten Fällen sind auch in einem bestimmten Umfang Mehrfachzählungen enthalten." Die Berater werfen Schröder nun vor, angedrohte Straftaten mit tatsächlich stattgefundenen gleichzusetzen.

Schwer verärgert sind die Experten auch darüber, wie Schröder die Religionszugehörigkeit der Eltern der von Zwangsheirat Betroffenen geschildert hatte. Im Gastbeitrag schrieb Schröder: "Nach Angaben der Betroffenen sind 83,4 Prozent der Eltern Muslime." Die Experten im Beirat stellten jedoch klar, dass Betroffene "zu keiner Zeit im Rahmen dieser Studie direkt befragt worden" seien. "Es handelt sich bei der genannten Zahl vielmehr um das Ergebnis einer Befragung von Menschen, die in Beratungseinrichtungen tätig sind; diese sollten im Jahre 2009/10 Auskunft über Fälle von (angedrohter) Zwangsverheiratung im Jahr 2008 geben." Dabei könne es sich auch um bloße Vermutungen handeln.

Keine Propaganda schüren

"Wer solche Differenzen als beiläufig abtut, spricht empirischen Studien implizit jeden Sinn ab", kritisieren die Beiratsmitglieder. "Man kann sich die Mühe dann lieber gleich sparen." Die Berater hatten nach eigener Darstellung die Religionszugehörigkeit aus der Studie heraushalten wollen - aus Sorge, sonst könne antiislamische Propaganda geschürt werden.

Schröders Ressort habe die Bedenken dann zerstreut mit dem Hinweis, man wolle sich nur für Nachfragen aus dem Bundestag wappnen. "Der in der ,FAZ` erschienene Artikel - mit seiner sehr eigenwilligen beziehungsweise tendenziösen Darstellung der Religionszugehörigkeit - lässt sich hiermit kaum in Einklang bringen und gibt uns das Gefühl, hinters Licht geführt worden zu sein."

Die Gesetzeslage

Seit Juli 2011 ist die Zwangsverheiratung nach Paragraph 237 des Strafgesetzbuches (StGB) ein eigener Straftatbestand. Das neue Strafgesetz umfasst ausdrücklich auch den Vorgang, dass eine Frau unter Vortäuschung falscher Tatsachen ins Ausland gebracht, dort zur Ehe gezwungen und an der Rückkehr nach Deutschland gehindert wird. Bereits seit 2005 war Zwangsheirat nach Paragraph 240 StGB ein besonders schwerer Fall der Nötigung. Sie wird mit einer Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren bestraft.

Strafbar ist auch bereits der Versuch der Zwangsverheiratung. Bestraft werden können die Ehemänner der zwangsverheirateten Frauen, aber auch deren Familienangehörige. Im Ausland Zwangsverheiratete, die sich als Minderjährige in Deutschland aufgehalten haben, erhielten mit der Neuregelung für die Dauer von zehn Jahren ein Rückkehrrecht in die Bundesrepublik.

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