"Suren lassen sich nicht einfach ersetzen"

Rabeya Müllers Antworten

Sie konnten nach dem "Forum am Freitag"-Gespräch im ZDF-Diskussionsforum "Frauenrechte durchsetzen!" Ihre Fragen zu Rabeya Müllers feministisch-islamischer Theologie stellen. Die Antworten der islamischen Theologin lesen Sie hier.

Rabeya Müller beim Studieren Quelle: ZDF


Frage: Sehr geehrte Frau Rabeya Müller, im Interview haben Sie angedeutet, dass es falsch wäre, Suren zur Sklaverei zu streichen, da es ja passieren könnte dass es irgendwann mal wieder Sklaverei gibt. Sie sagten, dann würde man diese Suren wieder benötigen. Warum werden denn nicht heute im Rahmen der Reformation des Korans oder Islams diejenigen Suren, die Regeln zur Sklaverei beinhalten, nicht durch solche Suren ersetzt, die die Sklaverei generell ablehnen und verdammen?



Rabeya Müller: Suren und Verse lassen sich nicht einfach ersetzen, da es sich nach islamischer Auffassung beim Koran um eine göttliche Offenbarung handelt. Die Suren hinsichtlich der Sklaverei sind nur ein Beispiel dafür, dass der Originaltext des Korans erhalten bleibt, aber nicht immer alle Suren beziehungsweise Ayat (Verse) Anwendung finden. Die Ablehnung der Sklaverei zeigt sich durch die stetigen Bestimmungen diese abzuschaffen. Es wäre vielleicht interessant diese auf den Menschenhandel (eine moderne Art der Sklaverei?) anzuwenden.

Diskussion statt Stänkerei


Frage: Sie sprechen von "popularistischen Forderungen von Islamkritikerinnen", mit denen man in muslimischen Kreisen nicht durchkommen würde; welche Forderungen meinen Sie damit genau?



Müller: Es geht um eine undifferenzierte Sichtweise auf den Islam, die darin gipfelt, den Islam eigentlich abzuschaffen oder gar zu verbieten. Es wäre nützlicher, vor allem für muslimische Frauen, wenn durch einen kritischen Diskurs innerhalb der muslimischen Gemeinschaften Verbesserungen der momentanen Situation erarbeitet würden.



Frage: Haben Nichtmuslime das Recht auf kritische Auseinandersetzung mit der islamischen Lehre und, wenn ja, warum kommen Muslime mit der Kritik von Nichtmuslimen nicht zurecht?



Müller: Das Recht auf Kritik, gleich von welcher Seite, bleibt unangetastet. Kritik nützt allerdings nur etwas, wenn sie entsprechend vorgetragen und konstruktiv gemeint ist. Oft haben die Musliminnen und Muslime allerdings das Gefühl, dass es sich nicht um ernstgemeinte Kritik sondern nur um Angriffe handelt und die "Kritikerinnen und Kritiker" nur ihren Frust, leider oft auch ihren Hass, entladen wollen. Allerdings muss auch die muslimische Seite lernen, offener und besser mit der auch existierenden ehrlichen Kritik umzugehen. Denn: keine Kritik ohne Selbstkritik.

Kleine Prinzen?


Frage: Der muslimische Junge wird doch wie ein Prinz erzogen. Später wird er dann beispielsweise seine Schwester bespitzeln, sie nie alleine ausgehen lassen und sogar bestimmen, ob sie wegen ihres westlichen Lebensstils getötet werden sollte. Auch werden sie meist so erzogen, dass sie im Kindergarten oder in der Grundschule kein Respekt vor Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen (also weiblichen Personen) haben. Muss sich nicht in der Erziehung der Jungen etwas ändern?



Müller: Die Erziehung der muslimischen Jungs sollte selbstverständlich geschlechtergerechter ausgerichtet werden. Die von Ihnen zunächst angesprochene Problematik ist meist ethnisch bedingt und kein islamisches Problem. Trotzdem muss sich die muslimische Gemeinschaft damit auseinandersetzen. Es ist wichtig diesen patriarchalen Vorstellungen die theologische Grundlage zu entziehen, damit niemand mehr ein Unrecht im Namen des Islams begehen kann. Übrigens wird das von vielen Seiten innerhalb der muslimischen Gemeinschaft auch versucht.


Frage: Ihr Wunsch ist ein geschlechtergerechtes muslimisches Denken. Eine Forderung, die auf die Fähigkeit zur Modernisierung des Islam, insbesondere der muslimischen Männer, hofft. Was mich nun irritiert: Wieso übernehmen Sie als Konvertitin das Tragen des Kopftuches? Eine Erklärung für das Kopftuch ist ja, den männlichen Blick auf's Frauenhaar zu verunmöglichen. Die feministische Antwort darauf sollte doch sein: Das Problem ist der Männerblick, nicht das Frauenhaar. Die Männer sollen ihre Impulse zu kontrollieren lernen! Wie verträgt sich also Ihr Kopftuch mit dem Feminismus?



Müller: Wenn das die einzige Erklärung für das Kopftuch wäre, würde ich Ihnen absolut zustimmen - dann wäre es tatsächlich nur das Problem der Männer. Das Tragen des Kopftuchs ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich selbst verbinde damit keine moralischen Bedenken. Für mich ist eher der Satz im Vers 33:59 "... damit sie als muslimische Frauen erkannt werden ..." das ausschlaggebende Element. Dabei geht es mir um Identität. Ich bin allerdings der Meinung, dass das Tragen oder Nichttragen des Kopftuchs in der Entscheidung der Frau selbst liegen sollte. Niemand hat das Recht ihr dabei Vorschriften zu machen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet