Terroristen in Moscheen nicht salonfähig

Bekir Alboga im Chat

Nachdem deutsche Konvertiten unter Terrorverdacht festgenommen wurden, haben Politiker gefordert, Übertritte zum Islam scharf zu kontrollieren. Bekir Alboga wehrt sich im "Forum am Freitag"-Chat gegen solche Überlegungen.

Bekir Alboga in der Sihitlik-Moschee in Berlin Quelle: ZDF
Festgenommener Terrorverdächtiger Quelle: dpa



Frage:
Wieso denken Sie, dass Moscheen keine Terrorzentren sind?



Bekir Alboga: Ich lebe seit 1980 in Deutschland, verbringe wöchentlich mehrere Tage und Stunden in den verschiedenen Moscheen in Deutschland. Sollte ich die Wahrheit verdrehen? Ich habe bis heute keinen einzigen Terroristen in einer Moschee erlebt. Ich bitte Sie diese Realität zu akzeptieren.



Frage: Was denken Sie, warum überhaupt die Meinung aufkommt, dass Moscheen ein Terrorumschlagsplatz sein könnten?



Alboga: Das ist ein falscher Eindruck. Möglicherweise stehen diese Menschen unter dem Einfluss der Fernsehbilder. Andererseits wissen die Sicherheitsbehörden ziemlich genau, was in welcher Moschee geschieht. Sie würden keine Sekunde zögern, einzugreifen, wenn sie dort Terroristen fänden. Muslime selbst würden diese Terroristen auch nicht dulden.

Moscheen sind keine Terrorzentren


Frage: Sie sagten, dass Sie Ihre Gemeindemitglieder aufgefordert haben, potentielle Terroristen an die Sicherheitskräfte zu melden - wie viele wurden denn angezeigt?


Alboga: Ich freue mich sehr, dass wir in den Moscheen mit solchen Fällen bis heute nicht konfrontiert worden sind. Sie können sicher sein: Muslime lehnen schon Terrorismus völlig ab!


Frage: Natürlich lehnen wir alle Terror ab und dulden ihn nicht. Und ich glaube mit Ihnen, dass die konvertierten Deutschen sicher nicht sonderlich religiöse Motive haben können. Aber wieso sind diese Menschen in Ulm nicht aufgefallen?


Alboga: Selbstverständlich haben die Terrorführer Interesse an einheimischen Muslimen. Ich las letzte Woche in "Welt kompakt", dass ein deutscher Muslim auch angesprochen worden sei. Er habe sich sofort von diesen Menschen und vom Gespräch mit ihnen distanziert. Also: Sie sind weder blauäugig noch naiv.


Frage: Es ist schon verwunderlich, dass die Festnahmen gerade jetzt, da die Diskussion um die Kontrolle von PC's ihren Höhepunkt erreicht hat, stattgefunden haben. Glauben Sie da an einen Zufall?


Alboga: Ich weiß, dass die deutschen Sicherheitsbehörden an einer Eskalation kein Interesse haben. Wir dürfen als Muslime unser Vertrauen in sie nicht verlieren. Sie sind unser Partner, mit dem wir gemeinsam gegen Rechtsradikalismus, Neonazismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit entgegentreten.


Frage: Herr Beckstein sprach gestern im Fernsehen von 300 bis 500 gewaltbereiten islamischen Extremisten. Was können die muslimischen Verbände unternehmen, um diesen gewaltbereiten Menschen Herr zu werden?



Alboga: Wenn wir diese Menschen in den Moscheegemeinden ansprechen könnten, könnten wir versuchen, sie davon zu überzeugen, dass Terrorismus mit dem Islam nicht zu vereinbaren ist. Sie halten ihre Sitzungen und Gespräche jedoch nicht in den Moscheen. So wie wir beobachten können, sind unsere Sicherheitsbehörden gut informiert und darauf gut vorbereitet. Wir werden in unseren Moscheen weiterhin so predigen, dass die Terroristen und Extremisten nicht salonfähig werden.

Positive Rolle der Konvertiten?


Frage: Ich habe gelesen, dass deutsche Islamkonvertiten zu Unrecht in der Kritik stehen, da sie z.B. Deutschunterricht geben, patriarchalische Strukturen hinterfragen und damit eine ganz eigene Note mit in die islamische Welt bringen. Sind also nicht gerade die deutschen Islamkonvertiten ein wichtiger Integrationsfaktor für die immigrierten Muslime?


Alboga: Für eine Entfaltung der islamischen Frömmigkeit und aufgeklärtes Religionsverständnis werden die deutschen Muslime mit ihrem säkularen Hintergrund einen wichtigen Beitrag leisten. Das ist die wahre Integration, den Islam als Religion und den kulturellen Hintergrund miteinander zu verknüpfen. Insofern kann ich diese Meinung teilen.


Frage: Sehnen sich Islam-Konvertiten vielleicht auch nach einem Konservativismus, der in Deutschland lange verlacht wurde (und es noch wird)?


Alboga: Ich habe doch gerade von einer Chance gesprochen, durch diese Muslime neuen Wind für ein aufgeklärtes Religionsverständnis zu erfahren. Es gibt jedoch eine Schicht in Deutschland, die mit dem Säkularismus, der Demokratie oder der Aufklärung nicht zufrieden ist. Dabei spielt die Religion kaum eine Rolle.

Daher es kann durchaus vorkommen, dass manche deutsche Muslime eher zum Konservativismus neigen als zum liberalen Islam. Diese Tendenz finden Sie aber auch unter freien evangelischen Gemeinden. Also es ist eher ein allgemeines Phänomen.



Frage: Können Sie uns erklären, warum islamische Fundamentalisten terroristische Handlungen begehen, und evangelische Fundamentalisten nicht?



Alboga: Nicht alle Muslime, die von Fundamentalisten und Extremisten beeinflusst werden, begehen terroristische Handlungen. Die meisten von ihnen lehnen Gewalt und Terror ab. Diejenige absolute Minderheit unter ihnen, die Gewalt und Terror befürworten, handeln politisch. Zum Beispiel als eine politische Reaktion auf die amerikanische und englische Kriegsführung im Irak.

Sie dürfen nicht vergessen, dass Präsident Bush zu den evangelischen Fundamentalisten gehört, der ebenfalls politisch handelt und dabei die Religion des Christentums instrumentalisiert, was die meisten Amerikaner nicht befürworten. Dabei will ich natürlich nicht den Eindruck erwecken, dass Präsident Bush mit Terroristen gleichgestellt oder verglichen werden kann.

Moschee in Köln Ehrenfeld


Frage: Zur staatlich-türkischen Großmoschee in Ehrenfeld: Dass die beiden geplanten Minarette (Tayyip Erdogan verglich sie einst metaphorisch mit "Speerspitzen des Islam") für viele Menschen eine dominierende und in Zeiten der islamistischen Gewalt auch bedrohliche Symbolik haben, ist Ihnen bekannt?



Alboga: Zur Reife unserer Menschlichkeit gehört, dass wir Religions- und Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt verteidigen. Es sind 120.000 Muslime in Köln, die seit ca. 40 Jahren dort leben als Kölner Musliminnen und Muslime. Man kann nicht einerseits fordern, sich zu integrieren und andererseits die Bereitschaft ablehnen, dass man am sozialen und religiösen Leben öffentlich partizipiert.



Frage: Was halten Sie von deutschsprachigen Imamen in deutschen Moscheen? Sollten diese auch hier ausgebildet werden?


Alboga: Meiner Meinung nach sollten schon alle Imame auch Deutsch können, sogar gut Deutsch. Wir als DITIB legen schon großen Wert darauf, dass unsere Imame so schnell und so gut wie möglich Deutsch lernen.

Die deutsche Politik und der Staat haben bis heute leider vernachlässigt, theologische Hochschulen in Zusammenarbeit mit Muslimen einzurichten. Daher sind wir in Deutschland noch nicht soweit, dass unsere Imame in Deutschland ausgebildet werden. Solange diese Möglichkeit nicht angeboten ist, müssen wir unsere Imame aus der Türkei holen.

Unsere Imame lernen in Ankara beim Goethe Institut etwa sechs Monate lang Deutsch, bevor sie nach Deutschland kommen. Immerhin ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Bekir Albogas persönlicher Glaube


Frage: Warum sind Sie überzeugter Muslim?



Alboga: Ich bin überzeugter Muslim, weil der Islam mich glücklich macht. Der Islam gibt mir die Möglichkeit, unabhängig von allen vergänglichen Gottheiten mit meinem Schöpfer unmittelbar im Kontakt stehen zu können. Ich weiß, dass Er mich aus Liebe erschaffen hat und mit Seiner Barmherzigkeit überall und jeder Zeit begleitet.

Außerdem finde ich die spirituelle Allianz der Monotheisten der Juden, Christen und Muslime im Islam einmalig. Mit den universellen Werten, wie Menschenrechte, kann ich mich sehr gut befreunden und sie verteidigen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet