Türkische Community besser als ihr Ruf

Celal Altun im Chat

Celal Altun stand im "Forum am Freitag"-Chat eine Stunde lang Rede und Antwort. Sein Thema: Alltagsprobleme der Muslime in Deutschland.

Celal Altun
Celal Altun Quelle: ZDF


Frage:
Mit welchen Alltagsproblemen haben Türken in Berlin zu kämpfen? Und wie kann die türkische Gemeinde helfen?



Celal Altun: Die Alltagsprobleme liegen hauptsächlich in den Bereichen Arbeit und Mangel an Ausbildungsplätzen für Migranten. Viele Schulen haben das Problem, dass sie hauptsächlich von Migrantenkindern besucht werden. Eine gesunde Mischung von Migrantenkindern und Deutschen fehlt. In Berlin haben wir Zuwanderer aus fast 180 Nationalitäten, und dies zeigt sich besonders in den Schulen. Die türkische Gemeinde übernimmt verstärkt die Mittlerrrolle zwischen den Migranten und den Bildungsinstitutionen. Sie muss sich mehr in die Bildungsarbeit einmischen als bisher.



Frage: Wie gehen Sie persönlich mit den Alltagsproblemen um?



Altun: Wenn Sie mich persönlich meinen, gehe ich mit meinen Problemen recht gut um. Aber dafür ist meine Biografie und meine Situation eine andere. Wenn Sie aber die Institution meinen: Wir greifen mit unseren Möglichkeiten unterstützend in die Community ein. Mit unseren Beratern helfen und zeigen wir Wege, wie sie am besten ihre Probleme bewältigen können. Dabei koordinieren wir auch die Vereine und die Bevölkerung im Rahmen unserer Möglichkeiten.



Frage: Werden Muslime in Deutschland hauptsächlich gut akzeptiert?



Altun: Generell ist die Akzeptanz dort gut, wo Kontakt und Dialog zwischen Muslimen und Deutschen stattfindet. Deswegen ist es wichtig, den Dialog zwischen den Kulturen zu fördern, und es müssen noch mehr Gemeinsamkeiten geschaffen werden. Dort wo Kontakt fehlt, sehen wir in beide Richtungen die Gefahr von Entfremdung und Missgefühlen.

Integration durch Wahlrecht?


Frage: Sie fordern politische Partizipation, also kommunales Wahlrecht auch für Nicht-EU-Ausländer in Deutschland. Glauben Sie, mit dieser Forderung haben Sie Erfolg?



Altun: Wir sehen eine besondere Bedeutung für das kommunale Wahlrecht. Es wird die Migranten mehr in ihr Umfeld einbinden und ihnen das Gefühl und die Sicherheit geben, akzeptiert zu sein. Das Wahlrecht wird ihre Bereitschaft, mit ihrem Umfeld zu leben und es mitzugestalten, deutlich voranbringen. Dies zeigt die Erfahrung von Migranten, die an politischer Arbeit teilnehmen.



Frage: Herr Altun, viele Muslime wollen sich doch gar nicht integrieren. Oder? Wie weit soll der Staat diesen Leuten noch entgegen kommen?



Altun: Mann muss erstmal deutlich machen, was man unter Integration versteht. Heißt das am gesellschaftlichen Teilnehmen oder assimilieren? Zunächst muss man sagen, dass viele sich integriert haben. Das absolute Problem ist ihr differierendes Kulturverhalten und ihre Religion. Deswegen ist es wichtig, hier ein gemeinsames Kulturverständnis zu entwickeln. Randverhalten ist in jeder Gesellschaft normal und sollte nicht überbewertet werden.

Alte oder neue Werte?


Frage: Wieso fällt es Muslimen, auch der jüngeren Generation, so schwer, neue kulturelle Werte in ihr Denken aufzunehmen? Muss man als (moderner) Muslim immer noch Uraltwerten nachhängen?



Altun: Ich glaube, man muss hier die Fage stellen, was sind Uraltwerte? Welche gehören der Religion an - und welche sind nur Traditionen? Welche Werte sind der Gesellschaft dienlich und förderlich, und welche hemmen den gesellschaftlichen Fortschritt? Die muslimischen Gemeinden erkennen inzwischen, dass es archaische Werte aus der Vergangenheit gibt, die in die Religion eingebracht worden sind. Die Werte, die gesellschaftlich nicht passend und zeitgemäß sind und Barrieren für die Menschen bilden, verschwinden von Tag zu Tag. Die Selbstkritik in der muslimischen Community hat sehr stark zugenommen



Frage: Viele Türken gerade in Berlin ziehen sich in ihre Ghettos zurück, wollen sich abschotten. Wie kann man die Jugend - konkret - für sich gewinnen ?



Altun: Diese Frage kann nicht mit wenigen Zeilen geklärt werden. Ich akzeptiere erstmal nicht, dass es Ghettos sind. Die Ballungszentren haben ihre eigene Geschichte und Entwicklung, die soziales und räumliches Verstehen nötig machen. Ich habe schon erwähnt, dass in Berlin über 180 Nationalitäten leben. Viele davon in den so genannten türkischen Gebieten. Und sie alle haben ihre eigenen Biografien, die auf unsere auch mitwirken. Die türkische Community ist besser als ihr Ruf, wenn man bedenkt, welche Hintegründe die Menschen hatten, als sie nach Deutschland gekommen sind, und was sie geschaftt haben. Allein in Berlin haben türkischstämmige Gewerbetreibende über 6000 Betriebe aufgebaut. Wir haben eine immense Anzahl von Akademikern. Das zeigt deutlich unsere Beritschaft, uns in die Gesellschaft einzubringen, wenn die Möglichkeiten da sind.

Überall die gleichen Probleme ...


Frage: Können Sie mir sagen, warum überall in Europa (Skandinavien, Holland, Großbritannien, Spanien) oder auch in Australien haargenau die gleichen Integrationsprobleme auftauchen? Ist es da nicht Zeit, mal die Probleme in erster Linie bei der eigenen Kultur zu suchen?



Altun: Die Probleme der Integration liegen vor allen Dingen in der sozialen Biografie dieser Menschen. Dies als kulturelles Problem zu bezeichnen, ist eine falsche Herangehensweise. Schaut man sich die einzelnen Menschen an, sieht man, dass hier teilweise eine andere Sozialisation herrscht. Das generelle Problem liegt zunächst am befremdlichen Äußeren. Wenn man sich aber näher kommt, sieht man: Die Ideale und Wünsche dieser Menschen sind nicht sehr anders als die eigenen! Sofern man religöse Unterschiede einmal außer Betacht lässt.



Frage: Die Muslime kommen aber als einzige mit keiner anderen Kultur zurecht. Reicht doch der Blick zu den Buddhisten nach Thailand, den Philipinos oder den Hindus. Die Balinesen haben auch Angst vor dem Islam!



Altun: Das ist wahrlich eine Annahme, die nicht in der Form stimmt. Vor allem die Muslime haben in den Jahrhunderten zuvor sehr gut mit anderen Kulturen und Religionen gelebt. Die gespannte Situation in diesen Regionen ist mehr politischen Natur als einer religiösen.



Frage: Ich habe mit Indern, Balinesen und Thais diskutiert. Verkaufen Sie mir keine andere Wirklichkeit! Der Islam duldet keinen Kulturen - ihm gleichwertig - neben sich. Das wissen wir doch beide!



Altun: Ich verkaufe Ihnen keine andere Wirklichkeit. Sie gehen vom jetzigen Augenblick aus. Aber die von Ihnen genannten Kulturen leben ja seit Jahrhunderten nebeneinander und miteinander. Wenn das so wäre, wie Sie sagen, dann dürfte es in den muslimisch regierten Regionen in den vergangenen Jahrhunderten keine andere Religion und keine andere Kultur mehr geben. Was aber nicht der Fall ist. Mischen wir doch nicht poltische Ambition und die Religion miteinander. Dann müsste man ja auch sagen, dass der christliche Bush die islamische Welt zerstören will. Damit kämen wir auf dieselbe Augenhöhe.

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