Türkische Teestuben in Deutschland

Kommunikativer Treffpunkt für Männer

Die türkischen Cafés sind wichtige Orte des geselligen Lebens in Deutschland, in denen viele der männlichen Bewohner täglich mehrere Stunden ihrer Freizeit verbringen. Hier trifft man sich, trinkt Tee, Kaffee und spielt Karten. Neben den Moscheen sind es diejenigen Orte, in denen am häufigsten außerfamiliäres Leben im Stadtteil stattfindet.

Erste Teestuben in den 80ern

Die Café-Tradition in den Städten mit hohem Anteil an Bewohnern türkischer Herkunft ist ein Import aus dem Herkunftsland der Migranten. Laut Schätzungen existieren allein in der Türkei ca. 350.000 dieser "Kahvehane". Diese sind sowohl in den Dörfern als auch in den Städten des Landes anzutreffen. Es handelt sich bei diesen Einrichtungen zum größten Teil um Stadtviertel-Cafés.
In Deutschland öffneten die ersten Teestuben, was sie nach dem hauptsächlich ausgeschenkten Getränk eigentlich sind, in den achtziger Jahren. Die erste Generation der Ausländer ging in Rente und suchte Orte, an denen man mit etwas Abstand zur Familie den Feierabend oder einige Stunden des Wochenendes verbringen konnte. Deutsche Kneipen kamen nicht in Frage, wegen des Ausschanks von Alkohol und der Sprachbarriere. Die große Zeit der Teestuben waren aber die Neunziger, als die zweite Generation nach Abwechslung vom Alltag suchte. Man sprach jetzt besser Deutsch, aber der Wunsch zum Treffen unter Deutschtürken blieb. Ähnlich wie sich Deutsche in verrauchten Stammtischlokalen der deutschen Provinz treffen.

Hier sind die Männer unter sich und stundenlang mit Diskussionen, Kartenspiel oder Fußball beschäftigt. Frauen ist der Zutritt zwar nicht verboten, aber Teestuben sind Männerorte, es wird gequalmt und geflucht. Die Frauen treffen sich privat in der Nachbarschaft. Eingerichtet sind die meisten Cafés ähnlich: Fliesenboden, kurze Theke, wenige, aber große Tische mitten im Raum, damit möglichst viele Männer daran Platz finden. Beim Kartenspiel sitzen dann mehr beratende Beobachter dabei als Mitspieler.

Großer Fernseher ist Pflicht

Mittelpunkt und wichtigster Einrichtungsgegenstand jedes Lokals ist zweifellos der im "Civanim" in einer Ecke unter der Decke angebrachte Fernseher: Minimum 70 Zentimeter Diagonale, doch mehr Begeisterung kommt bei Riesenbildschirmen auf. Cafés, die etwas auf sich halten, entrollen bei Bedarf eine Großleinwand. Das Programm "Premiere" ist Standard, ebenso sind es große Parabolantennen, um die türkischen Programme zu empfangen.

Teestuben sind in den letzten Jahren auch zu Treffpunkten für Männer geworden, die mit ihren Problemen kommen, wie etwa der Arbeitslosigkeit . Manche von ihnen sitzen täglich mehr als 10 Stunden dort, treffen ihre Freunde und spielen Karten, beobachtet der Duisburger Sozialwissenschaftler Rauf Ceylan, selber Türke, der eine Studie zu dem Thema verfasst hat: "Mir haben Arbeitslose gesagt, was soll ich den ganzen Tag machen, ich kann mich nicht in einem deutschen Café stundenlang hinsetzen, ohne etwas zu bestellen, aber hier im Café habe ich meine Freunde. Bevor ich auf meine Frau und Kinder zuhause losgehe, sitze ich lieber hier zwölf Stunden, fünfzehn Stunden, baue meinen Stress ab und gehe."

Das Café - ein identitätsstiftender Ort

Da viele Männer die traditionelle Rolle des Ernährers der Familie nicht mehr erfüllen können, bieten diese Cafés ihnen auch eine Schutzfunktion, sich von dem Druck der Gesellschaft zurückzuziehen. Die meisten Cafés werden noch traditionell geführt. Die Finanzierung speist sich ausschließlich aus dem Verkauf der Getränke. Ein Glas Tee für ein Euro scheint beim ersten Hinschauen keinen großen Verdienst zu versprechen. Doch die Gewinnspanne liegt hier bei bis zu 90 Prozent je Glas. Bei den enormen Mengen, die am Tag konsumiert werden, ergibt dies eine gute Tageseinnahme.

Doch einige Teestuben finanzieren sich auch auf andere Weise. Dabei sind Fälle von Glücksspiel, Drogen und Prostitution nicht selten. Manche Zocker verspielen dort ihr legales Einkommen. Viele beschaffen sich Geld durch Drogenhandel und Hehlerei oder leihen es sich beim bereitstehenden Zinswucherer. Am Ende verkauft nicht selten die Ehefrau den Schmuck, um die Schulden abzubezahlen. "Oft erfährt man das durch die Frauen, die dann zur Polizei gehen, um ihre eigenen Männer anzeigen zu wollen, weil diese bereits das ganze Gold verpfändet haben, das eigentlich den Frauen gehört. Wir brauchen Zugang zu diesen Menschen, um sie dann auch für Maßnahmen, für Therapien zu gewinnen", erläutert Rauf Ceylan. Der Wissenschaftler bewertet das türkische Café als Institution jedoch nicht rundherum negativ. Nach wie vor seien die Teestuben für die meisten Türken identitätsstiftende Orte, an denen sie ein großes Maß an Solidarität erlebten.

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