Türkische Zeitungen, Radio und TV in Deutschland

Akzent auf Integration?

Das Herz der türkischsprachigen Presse in Deutschland schlägt bei Frankfurt am Main. Dort befinden sich die Redaktionen von Milliyet, Sabah, Türkiye, Zaman und Hürriyet, dem hierzulande bekanntesten und ältesten Blatt. Nach dem Anwerbeabkommen kam Hürriyet per Post aus der Türkei, seit 1969 wird sie hier gedruckt.

Cover türkischer Zeitungen in Deutschland
Cover türkischer Zeitungen in Deutschland Quelle: ap

Zuständig für die Wirtschaft- und Politikseiten ist die Hauptredaktion in Istanbul, für die Europa-Ausgabe werden in Mörfelden-Walldorf täglich sechs Seiten zusammengestellt. Neben zwölf angestellten Redakteuren zählen zum hiesigen Hürriyet-Team zahlreiche freie Mitarbeiter. Ähnlich sind die Abläufe auch bei den anderen Printmedien.

Ein Türke liest Zeitung
Türke liest Zeitung Quelle: dpa

Europa in der türkischen Presse

Die Europaseiten der Zeitungen setzen sich zusammen aus Nachrichten aus Deutschland und Europa, die für Türkischstämmige relevant sind, Berichte über Aktivitäten einzelner Vereine und Verbände sowie über Ereignisse, in die Türkischstämmige verquickt sind. Während Hürriyet und Milliyet zum Konzern des Medienzars Aydin Dogan gehören, ist Sabah im Besitz eines Unternehmens, das der AKP-Regierung nahe steht. Türkiye wird von einer islamisch-konservativen Medienholding (Ihlas) verlegt. Zaman wiederum steht der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen nahe, der sich selbst als Vertreter des liberalen Islams versteht. Seine Kritiker hingegen werfen ihm vor, den Laizismus untergraben zu wollen.

Obwohl Zaman seit 1992 in Deutschland erscheint, ist sie weniger bekannt. Die Zeitung mit Redaktionssitz in Offenbach wird nämlich nicht am Kiosk verkauft, sondern nur übers Abonnement vertrieben. Sowohl im Layout als auch in der Berichterstattung hebt sich das Blatt von den anderen ab und entspricht optisch dem, was hierzulande mit Qualitätsjournalismus verbunden wird. Die Macher türkischsprachiger Printmedien setzen nach eigenem Bekunden den Akzent auf Integration. Dieser Anspruch spiegelt sich allerdings nicht immer in der Berichterstattung. Kritik von deutscher Seite erntet zumeist Hürriyet, zuletzt nach dem Brandunglück in Ludwigshafen, bei dem im Februar 2008 neun türkischstämmige Kinder und Erwachsene umkamen.

Auflagen türkischer Zeitungen rückläufig

Zeitungen waren das Medium der Gastarbeitergeneration, ihre Nachkommen interessieren sich immer weniger für Gedrucktes in türkischer Sprache. Bei etwa 150.000 lag die Zahl der verkauften Exemplare von Hürriyet zu Hochzeiten, heute verkauft sie etwa 40.000 Stück. Zaman hat rund 40.000 Abonnementen, Türkiye ist nach eigenen Angaben mit etwa 20.000 Exemplaren auf dem Markt, Sabah gibt als Zahl verkaufter Exemplare 13.000 an und gerade mal 5.000 Mal verkauft sich Milliyet.

Wer sich auf Türkisch über Ereignisse in der Türkei und in Deutschland informieren möchte oder Unterhaltung in dieser Sprache sucht, der greift vor allem zur Fernbedienung. Via Kabel und Satellit sind in Deutschland inzwischen dutzende türkische Fernsehprogramme zu empfangen - wie etwa Kanäle des staatlichen Senders TRT und des Dogan-Medienkonzerns (Euro Star, Euro D, CNN Türk), Privatsender wie Samanyolu, Fox, ATV, Show Türk, TV8, Kanal 1, NTV, SKY Türk und Haber Türk.

Deutschtürkisches Radio und Fernsehen

Einige Sender haben spezielle Programme für Auslandtürken. Zwei ausschließlich aus Deutschland sendende Programme sind Kanal Avrupa und Türk Show. Mit türkischsprachigen Fernsehkanälen können die Printmedien kaum konkurrieren; sie verlieren Leser und Werbekunden an die Sender und somit auch Einnahmequellen. Türkische Zeitungen in Deutschland zu verlegen, ist für die Medienunternehmen kein lukratives Geschäft, wohl aber eine Frage des Prestiges.


Hauptinformationsquelle türkischer Einwanderer war neben Zeitungen lange Zeit "Köln Radyosu", das der Westdeutsche Rundfunk (WDR) seit 1964 sendet. Das gemeinsame Hören der halbstündigen Sendung gehörte zu den abendlichen Familienritualen. Viele Jahre war diese Sendung nicht nur Brücke in die Heimat, sondern auch "ein Kompass, um im ungewohnten deutschen Alltag klar zu kommen" (WDR-Intendantin Monika Piel). Berichte aus der Türkei und Deutschland, Musik sowie Informationen über das Sozial- und Arbeitsleben sind weiterhin Bestandteil der Sendung, die im WDR-Integrationsprogramm Funkhaus Europa angesiedelt ist. Nunmehr richtet sich der Fokus stärker auf hiesige Themen. "Das macht unsere Stärke aus, denn kein türkischer Fernsehkanal informiert so umfangreich über gesellschaftliche und politische Ereignisse in Deutschland", sagt WDR-Redakteur Murad Bayraktar.

Türkische Medien nicht überbewerten

Nach Ansicht des Kommunikations-wissenschaftlers Kai Hafez darf die Wirkung des Konsums türkischsprachiger Medien nicht überbewertet werden. Viele bevorzugten türkischsprachige Medien aus kulturellen Gründen. "Das wiederum führt nicht zwangsläufig zur Parallelgesellschaft. Die politische Brisanz türkischsprachiger Medien wird überbewertet", erklärt Professor Hafez.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet