Unglaube im Islam

Darf ein Muslim einen anderen Muslim als Ungläubigen bezeichnen?

Nach islamischen Grundsätzen ist es nicht erlaubt, einen anderen Muslim als Ungläubigen zu bezeichnen. Von dem Propheten Muhammad ist der Ausspruch überliefert: "Wenn ein Muslim einen Muslim ungläubig nennt, ist er selbst ein Ungläubiger", aber auch "Der Gläubige ist der, vor dem die Menschen in Sicherheit sind". Doch schon früh in der islamischen Geschichte begannen Muslime, sich gegenseitig den Unglauben vorzuwerfen.

Aiman A. Mazyek
Aiman A. Mazyek Quelle: ZDF

Vom ersten Kalifen Abu Bakr wird berichtet, dass er einige arabische Stämme des Unglaubens bezichtigte, da sie die verpflichtende Handlung der Armensteuer nicht anerkennen wollten. In seinen Augen machte sie dies zu Ungläubigen.

Macht sündigen ungläubig?

Im ersten Bürgerkrieg richtete der vierte Kalif und Schwiegersohn des Propheten, Ali, in der Auseinandersetzung mit Mu'awiya, dem syrischen Statthalter, sein Urteil über die Zukunft des Kalifats nach einem Schiedsspruch auf der Basis des Koran. Dies brachte ihm die Opposition einer kleinen Gruppe ein, die einen radikalen Puritanismus vertrat. Sie sahen in den Verhandlungen einen Verrat am Islam und spalteten sich ab.

Bekannt wurden sie unter dem Namen "Kharidschiten", abgeleitet von dem arabischen Wort "kharadscha ala", "kämpfen gegen". Sie richteten ihr Handeln alleine nach Gottes offenbartem Gebot aus; derjenige, der eine große Sünde beging, war kein Muslim mehr und wurde aus der Gemeinschaft der Muslime verbannt. Aufgrund der Aufnahme von Verhandlungen hatte Ali in den Augen der Kharidschiten eine Todsünde begangen, da er sich nicht dem Urteil Gottes unterwarf. Dadurch war er für sie zum "Ungläubigen" geworden. Wenig später wurde Ali von einem Anhänger der Gruppe ermordet.

Abweichler galten als ungläubig

Während der Herrschaft der Abbasiden in Bagdad im Mittelalter erhob der Kalif Ma'mun das Dogma der Erschaffenheit des Korans zum Staatsdogma. Eine islamische Inquisition sollte diesem Dogma allgemeine Anerkennung verschaffen. Die Gegner wurden zu Ungläubigen erklärt, verfolgt und getötet. Bald stellte sich jedoch die konservative sunnitische Geistlichkeit gegen diese religiöse Staatslehre, und zwei Jahrzehnte später, im Jahre 848, hob der Kalif Mutawakkil das Dogma wieder auf, worauf dessen ehemalige Anhänger nun wiederum als Ketzer verfolgt wurden.

Über viele Jahrhunderte hinweg waren besonders die Anhänger der kleineren islamischen Sekten - wie der Ahmadiyya und der Ismailiten - davon betroffen, als Ungläubige zu gelten, aufgrund ihrer abweichenden Glaubensgrundsätze. Auch die Schiiten waren zeitweise nicht davon ausgenommen, da ihre Glaubensgrundsätze von der sunnitischen Mehrheit angezweifelt wurden.

Wer ist ein "kafir"?


Die islamischen Theologen sind sich über eine ausreichende Rechtfertigung von "takfir" uneinig. Damit ist die Praxis gemeint, einen Muslim zum "kafir", zum "Ungläubigen", zu erklären. Die orthodoxe sunnitische Position vertritt folgende Auffassung: Allein die Tatsache, dass jemand eine Sünde begehe, sage nicht grundsätzlich etwas darüber aus, dass er kein Muslim mehr sei. Alleine die Verneinung von entscheidenden islamischen Prinzipien führe dazu.

So schreibt der pakistanische Gelehrte Muhammad Ali in seinem 1994 auf Deutsch erschienenen Buch "Die Religion des Islam": "Ein Gläubiger ist fähig, Böses zu tun, und ein Ungläubiger ist fähig, Gutes zu tun, und jedem soll für das, was er tut, vergolten werden. Aber niemand hat das Recht, irgendjemand von der Bruderschaft des Islam auszustoßen, solange er die Einheit Gottes und das Prophetentum Muhammads bezeugt."

Islamistische Extremisten seit den 60ern

Im arabischen Raum wurde die Praxis des "takfir" zunächst von ägyptischen Islamisten in den 1960er und 1970er Jahren wieder aufgenommen. Sie erklärten diejenigen Muslime für ungläubig, die in der angeblich unislamischen ägyptischen Gesellschaft lebten. Viele von ihnen hielten den bewaffneten Kampf gegen den Staat, seine Herrscher und Bewohner für eine grundlegende religiöse Pflicht.


Besonders deutlich machte sich hierbei der Einfluss des wahhabitischen Islams saudi-arabischer Prägung, in dessen Ideologie die Exkommunizierung von Muslimen bereits seit dem 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte. Mit Hilfe des saudi-arabischen Staates gelang es, diese Ideologie in den 1960er Jahren zu verbreiten. So begannen in den frühen 1970er Jahren militante Islamisten in Ägypten, Anschläge auf staatliche Einrichtungen und Regierungsangehörige zu verüben.

Besonders hervor tat sich dabei die "Gemeinschaft der Exkommunizierung und der Auswanderung" (Al-Takfir wa-l-Hijra) unter der Führung des ehemaligen Muslimbruders Schukri Ahmad Mustafa, die 1977 den ägyptischen Religionsminister ermordete. Die Gruppe wurde aufgelöst, doch ihre Ideologie lebte in anderen militanten Bewegungen weiter. Ehemalige Mitglieder waren 1981 an der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat beteiligt. Das Gedankengut dieser Strömung wirkt bis heute. So wird vermutet, dass die Attentäter vom 11. April 2004 in Madrid, aber auch der Mörder des holländischen Filmemachers Theo van Gogh, Mohammed Bouyeri, von der Ideologie dieser Gruppe beeinflusst waren.

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