Verbotene Werke

Zensur in der islamischen Welt

Von Mauretanien bis Indonesien: Es vergeht kein Tag, an dem Journalisten, Autoren und Kulturschaffende in der islamischen Welt nicht bei ihrer Arbeit behindert werden. Fast in allen Ländern der islamischen Welt herrscht Zensur. Trotz einiger Verbesserungen ist es ein langer, steiniger Weg, bis Presse- und Meinungsfreiheit garantiert werden kann. Das Zeitalter des Internet und der Raubkopien lässt die Klauen der Zensur jedoch immer mehr erschlaffen.

Frau mit Pflaster über dem Mund Quelle: mev

Tabuthemen Sex und Religion

"Ägypten schreibt, der Libanon druckt, der Irak liest" - so ließen sich lange die Paradoxien in der islamischen Welt im Hinblick auf Meinungsfreiheit am Besten beschreiben. Mit Ausnahme des Libanon, wo es eine weitgehende Veröffentlichungsfreiheit gibt, werden Tabuthemen wie Sex, religiöse Probleme und nicht zuletzt politische Inhalte, die die herrschende Elite kritisieren, zensiert.


Zensur gestaltet sich in jedem arabischen Land anders, die roten Linien verschieben sich manchmal täglich. So kann es passieren, dass ein Roman oder eine Zeitung, deren Publikation oder Verkauf genehmigt wurde, kurz darauf wieder verboten wird. Meist ist die Zensur staatlich institutionalisiert in Form einer Zensurbehörde, wie beispielsweise das "Ministerium für islamische Sitten und Kultur (Ershad)" in der Islamischen Republik Iran . Hier werden Zeitungen, Büchermanuskripte, aber auch Filmmaterial auf "sittenwidrige" Inhalte untersucht. Die iranische Regisseurin Tahmineh Milani beschreibt in einem TV-Interview mit dem 3sat Magazin "Kulturzeit" anschaulich eine der Paradoxien, mit denen Autoren und Kulturschaffende in der islamischen Welt und speziell im Iran fast täglich zu kämpfen haben. "Als ich einen Film bei der Zensurbehörde einreichte, erfuhr ich, dass der im Ministerium für islamische Sitten und Kultur zuständige Filmzensor blind war. Er ließ sich die Filmszenen von einem Assistenten beschreiben, um diese dann entweder freizugeben oder herauszuschneiden", so die Regisseurin.

Zensur Quelle: dpa


Manchmal hält sich jedoch der Staat auch zurück und überlässt das Zensieren und das Bücherverbieten den religiösen "Institutionen". So gibt es in Ägypten beispielsweise offiziell keine Zensur. Dennoch werden bis heute zahlreiche Bücher von den Religionswächtern der Kairoer Al-Azhar-Universität, eine der angesehensten Bildungsinstitutionen der islamischen Gemeinschaft, unter die Lupe genommen. So wurde nicht nur der Roman "Der Sturz des Imam" der bekannten ägyptischen Feministin und Regimekritikerin Nawal el-Saadawi verboten. Die Zensur machte sogar vor dem Sohn des Begründers der Muslimbrüderschaft, Gamal al-Banna, nicht halt. Al-Banna, der ein Vertreter eines aufgeklärten Islam ist, hatte ein Werk über das Scheitern des islamischen Staates verfasst.

Keine "offiziellen Richtlinien" für Zensur

Es gibt keine offiziellen Richtlinien, nach denen Zeitungen, Bücher und auch Filme der Zensur zum Opfer fallen. "Pornografie, Gotteslästerung und Judenfreundlichkeit sind häufige Kriterien", so der irakische Schriftsteller Najem Wali. "Es gibt natürlich die Möglichkeit, auch zwischen den Zeilen zu schreiben", so Wali. Doch häufig seien die Zensoren auch ehemalige Schriftstellerkollegen, die die verborgenen Botschaften dechiffrieren und so die Bücher erst Recht verbieten würden, so der Schriftsteller. Bevor ein Buch in Ländern wie Syrien oder Jordanien in die Buchläden kommt, muss es einer Behörde vorgelegt werden. Der 51-jährige Wali hat die Zensur am eigenen Leib erfahren. Die Originalausgabe seines Romans "Die Reise nach Tell al-Lahm", die 2004 in Beirut erschien, hat schon etliche islamische Zensurbeauftragte in Rage gebracht. In Kuwait, Ägypten, Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien steht das Buch bereits auf dem Index. Dabei sei Zensur unter arabischen Schriftstellern häufig kein Makel, schreibt die Journalistin Julia Gerlach in ihrem ZEIT-Artikel "Die verbotenen Bücher". "Da klingt eher Stolz mit", so die Islamwissenschaftlerin.


Auch gegen Journalisten richtet sich der Würgegriff der Zensur. Im Nahen Osten, so die Reporter ohne Grenzen (ROG) in ihrem Bericht "Rangliste der Pressefreiheit 2007", setzen die Behörden ihre Aggressionen gegen Journalisten unverändert fort. Der Iran ist derzeit das größte Gefängnis für Journalisten in der Region (derzeit neun Inhaftierte). Viele Journalisten werden wegen ihrer Berichte über Korruptionsfälle oder Steinigungen und wegen ihrer Arbeit für ausländische Medien mit absurden Anklagen konfrontiert. Für die Länder Nordafrikas fällt die Bilanz gemischt aus. Den kaum merklichen Fortschritten in Algerien und Tunesien stehen beunruhigende Rückschritte in Marokko und Ägypten gegenüber, so der ROG-Bericht weiter.

Gefährdete Pressefreiheit

In beiden Ländern gibt es eine hohe Zahl von Strafverfahren gegen die Presse. Für die Maghrebländer Marokko und Algerien ist Pressefreiheit noch eine leere Worthülse. Insbesondere Kritik an König Mohammed VI. wird mit Repressionen beantwortet. In den letzten Jahren galt Marokko zwar als ein Land, in dem die Pressefreiheit große Fortschritte verzeichnen konnte. Doch ein Bericht der amerikanischen NGO "Comitee to protect Journalists" (CPJ) warnt davor, dass die Pressefreiheit in Marokko in den letzten fünf Jahren "beträchtliche Rückschritte" hinnehmen musste. Auch die Pressefreiheit in Algerien, eingeführt 1988 und bislang fast einmalig in der arabischen Welt, ist ernsthaft gefährdet, seit Journalisten verhaftet und Zeitungen geschlossen werden. In Algerien ist man auch nicht bereit, private Fernseh- und Radiosender zuzulassen.

Positive Entwicklungen in Sachen Meinungsfreiheit sind in Indonesien und der Türkei zu verzeichnen. In Indonesien, wo die größte muslimische Gemeinde weltweit lebt (über 200 Millionen Menschen), hat die Freiheit der Medien in den letzten Jahren zugenommen, wie ein Report der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Situation der Medienfreiheit aus dem Jahre 2006 bestätigt. Auch die türkischen Medien können heutzutage kritischer berichten, obwohl nach wie vor einige Artikel des türkischen Strafrechts massiv die Pressefreiheit bedrohen. Davon sind besonders unabhängige und staatskritische Medienschaffende betroffen.

In letzter Zeit haben sich insbesondere elektronische und gedruckte Medien am Persischen Golf zu einem Schrittmacher für die Meinungsbildung in der arabisch-islamischen Welt gemausert. Der aus Qatar berichtende TV-Sender Al-Dschasira oder Abu Dhabi TV aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sind Beispiele dafür.

Raubkopien im Internet

Dank Internet und Raubkopien kommen auch immer mehr arabische Leser in den Genuss zensierter Literatur oder Filme. Gerade junge Schriftsteller setzen mithilfe "Neuer Medien" die herrschende Zensur außer Kraft, umgehen Verbote und veraltete Strukturen in der Verlags- und Medienwelt oder veröffentlichen in Online-Zeitschriften. Wer seine Beiträge beispielsweise bei "Jehat" veröffentlicht, braucht kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

In Saudi-Arabien hat sich in den vergangenen Jahren eine sehr aktive Bloggerszene entwickelt, obwohl das Internet im Königreich kontrolliert wird. Auch im Iran ist das in der islamischen Welt immer populärer werdende Internet zum Medium des Protestes gegen die herrschenden Mullahs geworden. Es gibt mehr als 65.000 iranische Internet-Tagebücher, sogenannte Weblogs. Mithilfe des Internets unterläuft insbesondere die Jugend die Zensur im Gottesstaat. Die Autorin Nasrin Alavi erzählt in ihrem Buch "Wir sind der Iran - Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene", wie über das World Wide Web Diskussionen über Repression und Widerstand, Religion und Medien und über verbotene Musik und Parties stattfinden.

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