Verheimlichter Glaube?

Die schiitische Praxis der Taqiyya

Die Taqiyya (arab. Furcht, Vorsicht, auch Selbstschutz) ist im schiitischen Islam die Erlaubnis, unter Gefahr oder Zwang rituelle Pflichten zu missachten und den eigenen Glauben zu verheimlichen.

Frau mit Pflaster über dem Mund
Frau mit Pflaster über dem Mund Quelle: mev

Die Taqiyya entwickelte sich im Islam im 9./10. Jahrhundert als Reaktion der schiitischen Minderheit im Islam auf Verfolgungen durch die sunnitische Mehrheit. Um die Sicherheit einzelner Glaubensbrüder oder der Gesamtgemeinde in feindlicher Umgebung zu gewährleisten, aber auch im Kampf um politische Ämter kam den Schiiten die Tatsache zugute, dass die Gelehrten der Schia eine spezifische Lehre vom Erlaubtsein des bewussten Verschweigens des eigenen Bekenntnisses entwickelten.

Bewusstes Verschweigen

So war es den Schiiten erlaubt, ja sogar geboten, das eigene Bekenntnis und den eigenen Glauben in einer feindlich gesonnenen Umwelt oder zum Schutz der schiitischen Gemeinde bewusst zu verschweigen und zu verbergen. Taqiyya ist also erlaubt, ja dringend geboten, wenn dies der persönlichen Sicherheit in einer feindlichen Umwelt oder dem Schutz der schiitischen Gemeinde und ihrer Interessen dient. Ein Schiit darf also seinen Glauben verbergen oder verleugnen, wenn er dadurch der Verfolgung entgeht. Damit die Taqiyya angewendet werden darf, muss jedoch eine massive Verfolgung oder Bedrohung vorliegen.

Dieses Verhalten kam in zwei Fällen zur Anwendung: Wenn Muslime als Fremde einer anderen Gesetzgebung unterstanden und bei islamischen Minderheiten, wenn etwa die sunnitischen Machthaber die vermeintlichen Ketzer verfolgten. So konnten viele Sekten wie etwa die schiitische Sekte der Ismailiten mithilfe der Geheimhaltungsstrategie der Taqiyya ihr Überleben sichern.

Erlaubt der Koran Taqiyya?

Umstritten ist indes, ob der Koran in Notsituationen die Verheimlichung oder gar Verleugnung des Glaubens erlaubt, solange man innerlich glaubt (Sure 16,Vers 106). Kritiker wie der tunesische Schriftsteller und Intellektuelle Abdelwahab Meddeb sprechen der Taqiyya jegliche theologische oder religiöse Legitimation ab. Da die Mehrheit der Muslime weltweit Sunniten sind und die Taqiyya eine schiitische Angelegenheit war, spielt die Praxis des verheimlichten Glaubens im Islam eigentlich keine große Rolle und wird von den Sunniten abgelehnt. Auch weil Sunniten der Auffassung sind, dass die Taqiyya die Auffassung vom heiligen Krieg und vom Märtyrertum schwäche. Kritiker der Taqiyya etwa halten einen Gläubigen für ehrenwerter, der unter der Folter stirbt als einen, der unter Anwendung der Taqiyya den Glauben mit einem Lippenbekenntnis leugnet, um sein Leben zu retten.

Besonders nach den Ereignissen des 11. September und des Zusammenpralls der Kulturen und Religionen führen Islamkritiker die Praxis der Taqiyya oft als Erklärung für Äußerungen von Muslimen an, die sich in westlichen Gesellschaften nach außen hin als liberal darstellen wollen, insgeheim jedoch fundamentalistisch geprägt extremistisches Gedankengut mit sich führten. Die liberale Meinung sei nicht aufrichtig, so die Kritiker, sie verheimliche die wahre Position und Absicht dessen, der sie geäußert hat. Die Taqiyya wird häufig auch dazu benutzt, Muslimen generell zu unterstellen, aus Nutzenkalkül heraus, das heißt, weil es der Ausbreitung und der Idee des Islam dienlich sei, die "Ungläubigen" über ihre wahren Absichten täuschen zu wollen.

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