Vom "bösen Blick" getroffen - oder depressiv?

Psychische Belastungen von Migranten

Arbeitslosigkeit, Anpassungsdruck, kulturelle Differenzen - Migranten sind häufig hohen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt, die sich in Depressionen, Isolation bis hin zu familiärer Gewalt äußern können. Sind also Migranten physisch und psychisch anfälliger für Krankheiten? Und welche Rolle spielt die Religion?

Ein Stahlarbeiter überwacht den Abstich. Quelle: dpa

Eine halbe Million der 7 Millionen in Deutschland lebenden Ausländer sind älter als sechzig Jahre. Im Jahr 2010 werden es 1,5 Millionen sein. Der Wunsch nach Rückkehr in die alte Heimat, ein Leben lang auf später verschoben, wird im Alter zur Illusion.

Anpassungsdruck macht krank

Viele werden alt in einem Land, das für sie immer eine provisorische Heimat darstellte. Viele Migranten haben mit physischen Problemen zu kämpfen, die durch Akkordarbeit und Schichtdienst verursacht sind. Daher ist nicht nur das Risiko, ein Pflegefall zu werden, bei Migranten aufgrund von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten außerordentlich hoch. Besonders die Wirkung räumlicher und kultureller Veränderungen auf die Psyche von Migranten wurde bislang unterschätzt.


Gerade muslimische Migranten sind einer Vielzahl von sozialen und kulturellen Anforderungen ausgesetzt. Das ständige Oszillieren zwischen zwei Welten, zwei Kulturen und Sprachkreisen, der Drahtseilakt zwischen Anpassung und Selbstaufgabe überfordert viele und resultiert nicht selten in Depressionen und physischem Leid. Um das Leiden zu lindern, aber auch erst zu begreifen, bedarf es meist professioneller Hilfe.

Scham und Angst

Doch neben den Sprachbarrieren ist die Psychotherapie für viele Migranten - speziell für Muslime - immer noch ein Tabu. Nicht nur mangelnde Sprachkenntnisse erschweren den Arztbesuch; Scham und Angst vor der eigenen Schwäche aber auch vor der Bloßstellung vor der eigenen Gemeinde führen dazu, seelische und psychische Probleme zu verschweigen und zu verbergen. Das Gefühl der Kontrolle durch die eigenen Landsleute und die Unfähigkeit über all diese Probleme zu sprechen, erzeugen ein Gefühl der Dauerbelastung der Psyche, die sich nicht selten in Orientierungslosigkeit, Isolation und auch in Form von Krankheit oder familiärer Gewalt äußert.

Für Muslime ist es nicht leicht, ihr Inneres vor einem psychologisch geschulten Fremden auszubreiten. "Vor Jahren war das ganz undenkbar", sagt die Buchautorin und Psychotherapeutin Betül Licht, die selbst im Alter von zehn Jahren nach Deutschland kam. Sie hat das Leiden vieler Migranten am eigenen Leib erfahren - die Spannungen, die aus den Normen und Werten ihrer Herkunftskultur und den Anforderungen des Lebens in einer neuen Heimat erwachsen. In ihrem jetzt erschienenen Roman "In meiner Not rief ich die Eule" zeigt Licht das Schicksal eines jungen Mädchens, dessen Familie bei dem Versuch scheitert, in Deutschland heimisch zu werden. Sie beleuchtet vor allem die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, Kontakte zu Deutschen zu knüpfen und in der neuen Heimat Fuß zu fassen, aber gleichzeitig auch den religiösen und moralischen Anforderungen und Verboten der Familie zu folgen.

Bedeutung der Religion

Die Bedeutung der Religion für das seelische Befinden wird meist unterschätzt. Zwar sind Ursachen für seelische Dauerbelastungen und Krankheiten meist weltlicher Art und daher nicht notwendigerweise auf die Religion oder Herkunft eines Menschen zurückzuführen. Doch Studien wie die des Psychiaters Harold Koenig aus dem Jahre 1999 belegen, dass Menschen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, seelisch ausgeglichener und körperlich gesünder sind als diejenigen, die allein zu Hause beten. Immer mehr US-Ärzte schließen deshalb bei der Anamnese die religiöse Biografie und die aktuellen Glaubensüberzeugungen mit ein.

Betende Muslimin Quelle: reuters


Doch Religion kann nicht nur heilsam wirken, sondern kann auch zu Problemen führen etwa bei der Betonung eines zu strengen Gottesbildes. Allgemein scheint für viele gläubige Muslime das Thema Psychotherapie immer noch ein Tabu zu sein. Religiöse Patienten sprechen meist nicht offen über ihre Krankheit, auch aus Angst vor Getuschel in der Moschee. Denn in Moscheen fehlt es oft an Verständnis von Psychotherapie und auch die ärztliche Schweigepflicht gilt beispielsweise für einen Hodscha, der beratend tätig wird, nicht. Auf der anderen Seite gilt Religion den meisten Medizinern im Westen immer noch als eine private Angelegenheit, die in Gesundheits- und Krankheitsbelangen kaum eine Rolle spielt.

Kirchliche Hilfe für christliche Einwanderer

Während sich in Deutschland zu Beginn der ersten Gastarbeitereinwanderung in den 60er Jahren die christlichen Kirchen um die ebenfalls der christlichen Konfession angehörenden Spanier, Griechen und Italiener kümmerten, wurden die muslimischen Türken und Bosnier später zumeist durch die "psychologischen Dienste" der Arbeiterwohlfahrt und später der Caritas betreut. Das Bemühen dieser Organisationen, religiös neutral zu bleiben, führte jedoch nicht selten dazu, dass der Islam als lebensbestimmendes Element der Klienten in den Hintergrund geriet.

Bis heute, so schreibt die Zeitschrift "Psychologie heute" in ihrem Januarheft 2009, führen viele Beratungsstellen keine religiöse Anamnese durch. Teilweise finde bei den Therapeuten sogar eine aggressive Ablehnung des Islam als vermeintliches Integrationshindernis statt, so die Erfahrung der muslimischen Psychologen Ibrahim Rüschoff und Maslika Laabdallaoui, die einen Ratgeber für Muslime geschrieben haben. Sie wollen Gläubigen aber auch Kollegen eine erste Orientierung im Schnittfeld zwischen Islam und Psychologie geben.

Volksfrömmigkeit und Aberglaube

Eine gründliche religiöse Anamnese wäre aber hilfreich, denn das Verständnis von Krankheit und Heilung im Islam ist ein anderes als in der westlichen Medizin. Heilung aus islamsicher Perspektive bedeutet die Wiederherstellung des Gleichgewichts auf der leiblichen, seelischen und auch der sozialen Ebene. Der Koran enthält diesbezüglich Beschreibungen allgemeiner metaphysischer Heils- und Unheilsmomente für den Menschen, die auf das Verständnis von Gesundheit und Krankheit hinweisen. Der Koran argumentiert, dass das rituelle Pflichtgebet zur "seelischen Gesundheit" beitrage, weil "der Gedanke an Gott den Herzen Frieden bringt" (13:28). Islam und Iman (Glaube) bilden für Muslime unverzichtbare Elemente einer umfassenden, gesunden und harmonischen Lebensordnung.

Sie fördern Ausgeglichenheit und inneren Frieden, tragen bei zur Befreiung von Angst und Bewältigung von Schicksalsschlägen. Sie bilden damit eine Voraussetzung für körperlich-seelische Gesundheit. Was das Krankheitsverständnis betrifft, so ist neben dem Teufel auch der Mensch für Krankheit und Leid auf Erden verantwortlich, indem er mit seinen bösen Taten mannigfaltiges Unheil über sich und seine Mitmenschen bringt. Das Leiden hat im Koran einen doppelten Sinn: es ist sowohl verdiente Strafe für die Frevelhaftigkeit der Menschen als auch eine Prüfung Gottes. Eine nicht unwesentliche Rolle hinsichtlich der psychologischen Verfassung von Muslimen spielen auch Volksfrömmigkeit und Aberglaube. So gibt es in islamischen Kulturen des Mittelmeerraums bis heute einen starken Dschinnen-, also Geister- oder Dämonenaberglauben, der zur dortigen Kultur gehört. Nicht selten werden solche "Symptome" jedoch von westlich geprägten Psychiatern aus Gründen der Unkenntnis statt als Volksglaube als Wahnvorstellungen diagnostiziert.

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