Was macht ein Ayatollah?

Ein einflussreiches Amt im Iran

Das Wort "Ayatollah" bedeutet eigentlich "Zeichen Gottes" und taucht erstmals im späten dreizehnten Jahrhundert im Zusammenhang mit einem der führenden schiitischen Theologen auf. Als der Prophet Muhammad im Jahre 632 stirbt, steht seine noch junge und kleine Gemeinde vor einem Problem: Da Muhammad es versäumt hatte, zu seinen Lebzeiten seine Nachfolge zu regeln, entstand nun unter seinen Anhängern ein Streit um die Führung der Gemeinschaft.

Ayatollah Khamenei
Ayatollah Khamenei Quelle: reuters

Eine kleine Gruppe von Muslimen vertrat die Ansicht, dass nur ein Mitglied aus der Familie des Propheten allein dazu berechtigt sei, der Gemeinde als Oberhaupt, als "Imam", vorzustehen. Für diese auch Schiiten genannten Muslime gilt dabei Ali, der Vetter und Schwiegersohn Muhammads, als erster Imam. Auf ihn folgen seine beiden Söhne, Hassan und Hussein.

Warten auf den Erlöser

Die Kette der Imame reißt dann allerdings im Mittelalter ab, als der zwölfte Imam unter mysteriösen Umständen verschwindet. Bis heute warten die Schiiten auf seine Wiederkehr und verehren ihn als den künftigen Retter, den sogenannten "Mahdi". Doch wer sollte nun in der Abwesenheit des Imams die Gemeinschaft der Gläubigen leiten? Die Rechtsgelehrten beließen es nicht allein dabei, darüber zu diskutieren, wer den "Verborgenen Imam" vertreten sollte. Im Laufe der Jahrhunderte begannen sie stattdessen immer mehr, dessen Aufgaben an sich zu ziehen und das Machtvakuum zu schließen.

So entwickelte sich innerhalb des schiitischen Islams - im Gegensatz zu der sunnitischen Variante - eine Art eigenständiger Klerus, aufgrund der starken Trennung von säkularem und religiösem Bereich. Doch im Gegensatz zum Christentum sind die Träger der religiösen Tradition im Islam keine Priester, sondern Gelehrte. Sie haben keine Weihe empfangen und verwalten auch keine Sakramente. Sie haben ein Studium absolviert, das zu einem großen Teil aus Rechtskunde besteht. Innerhalb dieser Klasse der schiitischen Rechtsgelehrten entstand dann im Laufe der Jahre eine Art Hierarchie.

Das Recht interpretieren

Hierzu schreibt der Tübinger Islamwissenschaftler Heinz Halm in seinem 1994 erschienenen Buch "Der schiitische Islam": "Der erste Ehrentitel, den ein Rechtsgelehrter erwerben kann, ist 'Autorität des Islams und der Muslime', diesen Titel trägt zum Beispiel der ehemalige iranische Staatspräsident Rafsandschani. Die nächste Stufe ist 'Zeichen Gottes', also 'Ayatollah'. Der Erwerb dieser Ehrentitel geschieht auf recht informelle Weise: Der Rechtsgelehrte erhält sie - bei entsprechender persönlicher Autorität - durch die eigene Klientel zugesprochen; entweder setzt sich die Anrede durch oder nicht."

Die wichtigste Aufgabe eines Ayatollah besteht darin, islamisches Recht auch durch eigene rationale Anstrengung in gewissen Grenzen neu zu interpretieren. Er darf also mehr tun als ein sunnitischer Jurist, der sich zu stützen hat auf die Überlieferung und die schriftlich fixierten Rechtstraditionen. Trotz dieser relativ hohen Stellung des schiitischen Rechtsgelehrten ist zu betonen, dass seine Entscheidungen als fehlbar gelten, im Gegensatz zu den nicht mehr vorhandenen Imamen, und natürlich auch im Gegensatz zum Propheten selbst. Seine Entscheidungen gelten nur während seines eigenen Lebenszeitalters und sind sofort nach seinem Tode durch einen Nachfolger oder einen Vertreter revidierbar.

Sonderrolle der Ayatollahs im Iran

Doch mit der Islamischen Revolution im Iran im Jahre 1979 wandelte sich die Rolle der Rechtsgelehrten und damit auch die der Ayatollahs grundlegend. Nach Auffassung von Revolutionsführer Ayatollah Khomeini kennen alleine die Rechtsgelehrten die geoffenbarte Rechtsordnung, die Scharia. Aus diesem Grund können nur sie entscheiden, welche Handlungen der Regierung rechtmäßig sind. Bis zur Wiederkehr des "Verborgenen Imam" müssen daher die Rechtsgelehrten die Regierungsgewalt übernehmen. Khomeini nennt dies "wilayat al-faqih", die "Regierung des Experten".

Hierzu schreibt Heinz Halm in seinem Werk "Der schiitische Islam": "Bisher hatten die Gelehrten oder Experten allenfalls die Kontrolle über die Maßnahmen der Regierung beansprucht; sie wollten dem weltlichen Arm lediglich auf die Finger sehen. 'Wilaya' aber bedeutet 'Ausübung von Herrschaft'; das von Khomeini neu formulierte Prinzip meinte die direkte Ausübung der Herrschaft durch die Geistlichen, falls denn keine andere Regierung zur Hand sei." Die Verfassung der Islamischen Republik Iran von 1979 betont ausdrücklich, dass die Regierungsgewalt und die Leitung der Gemeinde beim Experten liegen, den die Mehrheit der Bevölkerung zur Führung beruft.

Regierung des Experten

Doch das Amt des politischen Führers hat in der schiitischen Tradition kein Vorbild; auch diese Neuerung geht auf Khomeini zurück. Das Prinzip der "Regierung des Experten" war somit ein Gewand, dass Khomeini für sich selbst angefertigt hatte. Sein Nachfolger im Amt des Revolutionsführers, Ayatollah Khamenei, verfügt zwar auch über eine große Machtfülle, doch muss er sich diese Macht seither mit dem zweiten starken Mann im Staate, dem Staatspräsidenten, teilen.

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