Weiblich, türkisch und suizidgefährdet

Hohe Selbstmordrate bei türkischstämmigen Frauen

Unter jungen Frauen mit türkischer Abstammung gibt es in Deutschland fast doppelt so viele Selbstmorde wie unter gleichaltrigen Deutschen. Dass Türkinnen sich deutlich öfter das Leben nehmen, ist inzwischen durch mehrere Studien belegt - warum das so ist, erforscht derzeit eine Studie der Berliner Charité und der Universitätsklinik Hamburg.

"Die Gründe für die Probleme der Türkinnen sind vielfältig und je nach Alter sehr verschieden", umreißt Meryam Schouler-Ocak, Oberärztin der Psychiatrie der Charité, die Trends nach dem ersten Untersuchungsjahr. Die befragten 18- bis 35-jährigen Deutschtürkinnen litten vor allem unter kulturellen Konflikten: Verbote durch Väter, Zwangsehen, Frustration der Eltern, die sich in Deutschland schwer zurechtfänden.

Suizidraten verdoppelt

Unter dem Titel "Suizidraten und Suizidprävention bei Berliner Frauen mit türkischem Migrationshintergrund" werden seit Anfang 2009 Daten erhoben. "Junge Frauen wachsen mit dem Ehr- und Reinheitsbegriff der Eltern auf, aber gleichzeitig sehen sie, wie Gleichaltrige leben", so Schouler-Ocak. Stark gefährdet unter den jungen Frauen scheinen jene zu sein, die nach Deutschland kommen, um einen Türken zu heiraten.

"Sie haben massive Anpassungsprobleme. Ihr Traum vom Leben in Deutschland scheitert, gleichzeitig müssen sie den bisherigen Lebensstil aufgeben." Bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren ergaben die Untersuchungen ein anderes Bild. Hier führen eher häusliche Gewalt, die Abhängigkeit vom Mann und Geldsorgen zu Krisen. Türkinnen über 55 klagten über Vereinsamung, Gefühle der Nutzlosigkeit und Angst, nicht in der Großfamilie zu altern, sondern als Pflegefall zur Last zu fallen.

Konflikte um Traditionen und Werte

Die in türkischen Familien präsenten Konflikte um Traditionen, Werte und die Vorstellungen von der Tochterrolle kämen bei Deutschen ohne Migrationshintergrund praktisch nicht vor, meint Schouler- Ocak. Sie könnten aber eine junge türkischstämmige Frau durchaus dazu verleiten, einen Suizidversuch zu unternehmen. "Wir vermuten als Grund für die gesteigerte Suizidrate Konflikte in den Familien", sagt Meryam Schouler-Ocak. Vor allem die Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Eltern und denen der Gleichaltrigen böten viele Reibungspunkte.

"Zum Beispiel wollen die Mädchen vielleicht einen Freund haben, oder sie wollen mit ihrem Freundeskreis losziehen, in die Disco gehen - aber die Eltern sagen Nein. Das kann zu massiven Konflikten führen. Oder stellen Sie sich mal vor, wenn die Mädchen jemanden heiraten sollen, den sie nicht heiraten wollen." Auch die Studie "Suizidsterblichkeit unter Türkinnen und Türken in Deutschland" der Epidemiologen Hajo Zeeb und Oliver Razum aus dem Jahr 2004 kommt zu diesem Schluss. Die hohe Selbstmordrate unter jungen Türkinnen sei vermutlich durch "sozial oder kulturell bedingte Konfliktsituationen" erklärbar, heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse.

Vollständig unselbstständige Frauen

Meryam Schouler-Ocak weist darauf hin, dass es sogar vorkomme, dass Frauen völlig unselbstständig seien und überhaupt keine Wertschätzung erführen und vom Ehemann oder der Familie in jeder Hinsicht, insbesondere finanziell, abhängig seien. Schouler-Ocak, die selbst aus der Türkei stammt, weist in diesem Zusammenhang vor allem auf die Gruppe der sogenannten "Importbräute" hin - Frauen also, die aus der Türkei nach Deutschland verheiratet wurden bzw. eingeheiratet haben.

Sie können nach Einschätzung der Ärztin oft kaum Deutsch, haben keine Freunde und sind damit dem Ehemann geradezu ausgeliefert. In einer solch isolierten Situation kann Selbstmord besonders schnell als einziger Ausweg bei schwerwiegenden Problemen erscheinen.

Auswege aus der Depression

Wie könnte ein Ausweg aus der meist aussichtslosen Situation aussehen? In sogenannten Fokusgruppen debattierten depressive und selbstmordgefährdete Frauen das Thema mit verschiedenen Menschen - darunter auch Frauen, die schon versucht haben, sich umzubringen. Ein vorläufiges Ergebnis der Gespräche: Oft werden psychische und andere Probleme in der türkischstämmigen Gemeinschaft als familieninterne Angelegenheit angesehen. Schwierigkeiten trägt man nicht nach draußen.

In vielen Fällen, so Schouler- Ocak, seien auch Hilfsangebote für Menschen mit psychischen Problemen gar nicht bekannt. Genau hier setzt der dritte Baustein der Studie an: die Intervention. Mittels Plakaten, Handzetteln und einer Medienkampagne sollen Hilfsangebote in Berlin bekannt gemacht werden - vor allem durch eine neue türkischsprachige Krisenhotline, bei der man sich anonym melden kann. Zudem sollen Schlüsselpersonen der türkischstämmigen Community, zum Beispiel Lehrer und Ärzte, geschult werden, um Informationen weiterzutragen.

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