"Zu Gott kehren wir zurück"

Tod, Trauer und Bestattung im Islam

Für viele Muslime der sogenannten ersten Generation war ein "Sterben in der Fremde" nicht denkbar. Die nachfolgenden Generationen sehen Deutschland als ihre Heimat an, in der sie auch bestattet werden möchten.

Eine Familie besucht ein Grab auf einem muslimischen Friedhof in Berlin Quelle: konzeptundbild

Wenn ein Muslim von dem Tod eines anderen Menschen hört, dann rezitiert er folgenden Vers aus dem Koran: "Wir gehören zu Gott, und zu Gott kehren wir zurück." Damit bringen Muslime zum Ausdruck, dass der Tod, genauso wie die Geburt eines Menschen, etwas Natürliches ist.

Zahlreiche Verse im Koran belegen dies: "Jeder wird den Tod erleiden. Und Wir prüfen euch mit Bösem und Gutem und setzen euch damit der Versuchung aus. Und zu Uns werdet ihr zurückgebracht." (Sure 21, Vers 35). Der Tod bedeutet dabei für die Muslime nicht das Ende, sondern nur den Übergang in eine andere, jenseitige Welt. Das Tot-Sein selbst wird im Islam immer wieder als eine Art Schlaf beschrieben. "Der Schlaf ist der Bruder des Todes", lautet ein arabisches Sprichwort. Tritt die Stunde des Todes ein, versammeln sich die Muslime am Sterbebett, um für den Sterbenden Verse aus dem Koran vorzutragen und Bittgebete zu sprechen.

Ritueller Abschied vom Toten

Gräber eines muslimischen Friedhofs in Berlin Quelle: konzeptundbild


Der Leichnam wird dann von den Verwandten oder einem Leichenwäscher rituell gewaschen. Die Waschung des Toten ist hierbei von zentraler Bedeutung: Genauso wie vor dem Antritt der Pilgerfahrt nach Mekka, die die Muslime einmal im Leben vollziehen müssen, wäscht man den Körper dreimal mit fließendem Wasser und versetzt ihn dadurch in einen Weihezustand. Am Tag des Jüngsten Gerichts, wenn die Toten nach Aussage des Korans wieder auferweckt werden, soll der Tote rein vor Gott treten. Ausgenommen von der Waschung sind Märtyrer: Sie sollen ungewaschen in ihren Kleidern und ihrem Blut beigesetzt werden. Nach der Waschung wickelt man den Leichnam in ein weißes Tuch, das aus einem Stück genäht sein soll. Männer werden dabei dreimal eingewickelt, Frauen fünf Mal.

In der Moschee wird der Leichnam dann aufgebahrt und hinter ihm das Totengebet verrichtet, das etwas zehn bis fünfzehn Minuten dauert. Im Anschluss rezitieren Geistliche den Koran für die Seele des oder der Verstorbenen. Diese Trauerzeremonien dauern oft mehrere Stunden. Während dieser Zeit haben Freunde und Bekannte die Gelegenheit, den in der Moschee anwesenden Angehörigen ihr Beileid auszusprechen.

Bestattung ohne Sarg

Der Tote sollte schnell beerdigt werden, möglichst innerhalb von 24 Stunden. Der Leichnam wird dabei in der Erde bestattet. Die Feuerbestattung lässt der Islam nicht zu, da der Körper des Toten unversehrt bleiben soll. Das Gesicht des Toten zeigt im Grab in Richtung Mekka. Nach islamischem Brauch werden die Toten ohne Sarg beigesetzt. Diese Praxis war über viele Jahre hinweg in Deutschland nicht erlaubt.


Einen Gräberkult kennt der Islam nicht, auch wenn in Einzelfällen Mausoleen bedeutender Persönlichkeiten und Herrscher existieren. Die Gräber werden sehr einfach gehalten: Ein Holzstück oder ein Stein am Kopf- und Fußende kennzeichnen den Ort der letzten Ruhestätte. Auch ein kleiner Grabstein ist erlaubt, auf dem der Name, ein Koranvers oder ein Gedicht stehen kann. Die Gräber von Märtyrern werden besonders gekennzeichnet.

Gräber werden nicht besucht

Für Muslime ist es eher unüblich, die Grabstätten auf den Friedhöfen zu besuchen, außer bei islamischen Festen. Damit soll die Totenruhe so wenig wie möglich gestört werden. Im Volksislam hat sich jedoch die Tradition durchgesetzt, die Gräber von Heiligen zu besuchen. Ihre Grabstätten sind bis in die heutige Zeit Wallfahrtsorte, die von den Pilgern als Kraftquelle gesehen werden, da die spirituelle Energie eines Heiligen nach muslimischer Auffassung auch über seinen Tod hinaus wirkt.

Nach islamischem Verständnis hat der Tote in seinem Grab das Recht auf ewige Ruhe. Es darf deshalb nicht angetastet und schon gar nicht, wie in Deutschland üblich, eingeebnet werden. Dies ist ein Problem: Denn Gräber werden in Deutschland nach bestehendem Recht nach zwanzig Jahren ausgehoben. Einige Kommunen haben jedoch muslimische Friedhöfe oder Gräberfelder eingerichtet. Ansonsten bleibt vielen Muslimen nur der Ausweg, ein beliebig verlängerbares Wahlgrab zu kaufen.

Trauer braucht ihre Zeit

Die ersten drei Tage nach dem Ableben des Verstorbenen gelten als intensive Trauerzeit. Die Angehörigen sollen sich währenddessen nicht waschen, kämmen und nicht die Kleider wechseln. Es ist üblich, in dieser Zeit Beileidsbesuche abzustatten. Dennoch soll sich die Trauer über einen Verstorbenen in Grenzen halten. Lautes Klagen ist verpönt. Schwarz ist keine Trauerfarbe im Islam. Die Trauerperiode dauert traditionell vierzig Tage. Die Trauernden sind angehalten, sich in gedeckten Farben zu kleiden und auf weltliche Freuden zu verzichten. Oft werden am 40. Tag nach dem Tod und am Jahrestag besondere Gebete rezitiert, oder man bestellt einen oder mehrere Rezitatoren, die für eine gewisse Zeit für die Seele der verstorbenen Person den Koran rezitieren sollen.

Für viele Muslime der sogenannten ersten Generation ist ein "Sterben in der Fremde" nicht denkbar. Die Angehörigen lassen sie in ihre Heimatländer überführen und dort bestatten. Muslimische Organisationen haben hierfür Bestattungsfonds gegründet, in denen die Moscheegänger einzahlen.

Grab in der neuen Heimat

Doch zeichnet sich hierzulande langsam ein Wandel ab: Immer mehr Muslime der nachfolgenden Generationen sehen Deutschland als ihre Heimat an, in der sie auch bestattet werden möchten. Bislang verfügen Muslime in der Bundesrepublik - mit Ausnahme des im 19. Jahrhunderts angelegten Türkischen Friedhofs in Berlin - nicht über eigene islamische Friedhöfe; nach dem Gesetz haben darauf nur Religionsgemeinschaften Anspruch, die als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt sind. Doch hat der Dialog darüber zwischen den islamischen Gemeinden und den deutschen Kommunen bereits begonnen; bis zu einer endgültigen Lösung müssen sich die Muslime in Deutschland weiterhin mit Übergangslösungen begnügen.

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