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Heinrich Böll – Ansichten eines Anarchisten

Heinrich Böll gehörte zu den großen, wichtigen Stimmen des 20. Jahrhunderts, sei es als Schriftsteller, sei es als moralische Instanz und Mahner. Was hat uns Heinrich Böll heute noch zu sagen?

44 min
44 min
29.09.2020
29.09.2020
Video verfügbar bis 28.10.2020, in Deutschland, Österreich, Schweiz

Kulturdokus

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Kultur | 3sat Kulturdoku -
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Videolänge:
59 min
Standbild: Heinrich Böll, Ansichten eines Anarchisten

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Heinrich Böll
 

Ansichten eines Anarchisten

Videolänge:
44 min
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Heinrich Böll, ein Mann von gestern? Jedenfalls ein Schriftsteller Tycoon, der im Laufe seines Lebens schon mehrere Tode gestorben ist. Den des Antifaschisten, Antimilitaristen und Antibourgeois. In der Erinnerung scheint er alt, grau und verstaubt. Kannte den Schriftsteller Böll Anfang der siebziger Jahre laut einer Umfrage fast jeder Deutsche,  ist er heute so gut wie vergessen. Schon lange sei er aus der Zeit gefallen, spötteln Kritiker, und in der Schule gehört er seit einiger Zeit nicht mehr zur Pflichtlektüre.

„Bei zukünftigen Demonstrationen könnte er vielleicht wieder eine Rolle spielen“, meint dagegen der Theater Regisseur Thomas Jonigk. „Seine Stimme bietet mir auch heute noch eine Orientierung“, so Jonigk weiter, seine  Theaterfassung von Bölls „Ansichten eines Clowns“ feierte in Köln kürzlich große Erfolge.

Kriegstagebücher: wie überlebt man den Krieg?

Haben die, die ihn bereits zu Grabe trugen, vielleicht etwas Wichtiges übersehen? Die 3sat Dokumentation sucht deshalb zu Bölls hundertstem Geburtstag in seinen  Kriegs- Tagebüchern nach Antworten, die Dokumente sind seit 2017 erstmals zugänglich. Eine kleine Sensation. Heinrich Böll wollte sie zeitlebens unter Verschluss halten. Warum nur, denn nur ein paar Zeilen darin zu lesen reicht, dann ereignet sich etwas, was Generationen zuvor fasziniert haben muss, was man nicht groß erklären braucht: Bölls einzigartige Sprache. Und sofort wird der vor dreißig Jahren verstorbene Autor wieder aktuell: Wie übersteht man psychisch einen Krieg, wenn man ihn überlebt hat? In Anbetracht so vieler Kriege weltweit, eine ganz wichtige Frage. Eine, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Tagebücher Heinrich Bölls aus den letzten Jahren des Krieges zeigen, was den jungen Soldaten beschäftigte. „Ich habe Angst vor dem Leben und stelle fest, dass ich die Menschen hasse! 155 Tage Hölle.“ Böll, der zu keinem Zeitpunkt ein Anhänger Hitlers war, gab dort stichwortartig Soldatenalltag zu Protokoll. Seelenkritzel, die ihn aus dem dunklen Labyrinth des Krieges führten. „Durch den Krieg wurde ich zum Verächter der Männlichkeit“, gibt Böll später in einem Interview zu. Auch die 2001 veröffentlichten „Briefe aus dem Krieg“ an seine Frau Annemarie dokumentieren eindrucksvoll, wie sehr aus einem naiven Mitläufer ein überzeugter Kriegsgegner wurde.

„Neben Thomas Mann war der Nobelpreisträger Heinrich Böll der geistige Repräsentant des 20. Jahrhundert “, so sein Biograf Ralf Schnell. Bis heute steht er emblematisch für den „guten Deutschen“, den „linken Protest“ und  den „politischen Dichter“. Doch so einfach einem diese Zuschreibungen einfallen, bei genauerer Betrachtung verdecken sie den anderen Böll, den, der sich in den Tagebüchern und den Briefen an seine Frau lange versteckt hielt und nur selten so offen über seine tiefen Überzeugungen sprach. Man konnte es aber ahnen, aus welcher Quelle Böll schöpfte, wenn er sich mit Konrad Adenauer auseinander setzte, dem politischen Protagonisten der jungen Bonner Republik – und eine Art Gegenfigur zu Böll, dann zeigte sich nämlich sein tiefer christlicher Glaube. Ein Glaube der sich an dem Urchristentum orientierte und manchmal fast konservative Züge trug.

Das Verhältnis zu Adenauer

Bis heute stehen Böll und Adenauer für die verschiedenen Pole Deutschlands nach dem Krieg, für seine komplementären Vertreter, den „rechten und den linken Schuh der jungen Demokratie“. „Böll hat entscheidend für die demokratische Entwicklung Deutschlands beigetragen“, so der anerkannte Historiker Manfred Görtemaker. Das Spannungsfeld zwischen Böll und Adenauer, die Verschiedenheit ihrer Ideen, ihres Handelns und ihrer Antwort auf die Geschichte zeichnet ein erhellendes Bild der beiden und führt dabei auf spannende Weise zu einem neuen Heinrich Böll. Denn auch Adenauer ist gläubiger Katholik. Doch mit anderem Verständnis und anderem Konzept. „Was ich am allerwenigsten begreife: dass je irgendeiner irgendetwas an Adenauers Gedanken ''christlich'' finden und als solches empfehlen konnte“, wütet Böll 1965 in seiner Aufsehen erregenden, aggressiven Kritik über Adenauers Memoiren im Spiegel.  Für Böll ist Adenauer Stellvertreter eines „Kirchenchristentums“ und einer „Amtskirche“, einer Verquickung von Kirche und Staat, die er ablehnt.

Durch die fünfziger Jahre hindurch kämpft der christliche Pazifist Böll leidenschaftlich gegen Adenauers Wiederbewaffnung, Aufrüstung und das Konzept der atomaren Teilhabe. Unermüdlich stellt er sich gegen Militär und Krieg. „Wann gab es einen Fall gerechter Verteidigung? Wer will je herausfinden, wo Verteidigung anfängt oder Angriff aufhört?“ In seinem Radioessay „Brief an einen jungen Katholiken“ beklagt er 1958 eine Kirche, die den Moralbegriff nur als Sexualmoral verhandelt, anstatt mit ihm Gewalt und Soldatentum zu befragen. Damals war das ein Skandal, sodass der katholische Intendant des Süddeutschen Rundfunks den Beitrag kurz vor der Ausstrahlung aus dem Programm nimmt.

Auch der Materialismus der neuen Republik und der Kirche ist dem Christen Böll zuwider. In seinen Texten kämpfen „die kleinen Leute“ gegen ungerechte Armut und die Brutalität derjenigen, die von den Strukturen des neuen Staates und ihrer Gesellschaft bevorzugt werden. Im Roman „Und sagte kein einziges Wort“ zeigt Böll 1953 die äußere und seelische Trümmerlandschaft existentieller Not. Die Kirche hilft in dieser Geschichte nicht, sondern stellt leere Rituale über die Nächstenliebe. Adenauers Weg der Westintegration, der auch die politische Stärke und Anziehungskraft einer reichen Bundesrepublik zum Ziel hat, ist für Böll die kalte Preisgabe der Wiedervereinigung zugunsten  fetter Jahre.

„Die Kunst muss anarchisch sein.“

Und heute? Heinrich Böll sah die zukünftige Rolle, die Künstler in der deutschen Gesellschaft einnehmen sollten, ganz klar: Die Kunst muss, frei von jeder kommerziellen Verwertbarkeit, in einem grenzfreien Raum, eine Gesellschaft in Frage stellen dürfen. In seinen Widersprüchen, Ängsten und geglückten Formen kann Kunst zur Katharsis führen und frei machen, das eigene Leben besser zu beurteilen. „Die Kunst muss anarchisch sein.“ formulierte in den siebziger Jahren Böll,  „Anarchie ist der Wunsch nach Herrschaftslosigkeit und auch der Wunsch, selber nicht zu herrschen.“

Die Anarchie in der Kunst, die in der Sprache ihren Ausdruck findet, ist heute zumindest in Deutschland selbstverständliches Kulturgut, musste nach dem Krieg aber erst errungen werden.  Das wird gerne übersehen, auch dass Böll einer der ersten war, der unter großen persönlichen Opfern bereit war, für diese Freiheit zu kämpfen. Böll wollte nach dem 2. Weltkrieg einen christlichen Neustart, eine Gesellschaft mit menschlicherem Antlitz. Vieles was uns heute selbstverständlich scheint,  nahm mit ihm seinen Anfang. Zu den heute immer wieder aufkommenden Fragen zum Thema „Deutscher Leitkultur“ hätte er sicher streitbares beizutragen. Das zeigt, welche Relevanz er auch heute noch hat.

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