Fordlandia - unterwegs wohin?

Eine Retortenstadt im brasilianischen Regenwald

Kultur | Mainzer Stadtschreiber - Fordlandia - unterwegs wohin?

Der 2013 zum Mainzer Stadtschreiber gewählte Schweizer Schriftsteller Peter Stamm war Anfang 2014 in Brasilien und drehte mit dem ZDF einen Film am Amazonas, mitten im Regenwald.

Beitragslänge:
40 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.07.2019, 11:49

Der 2013 zum Mainzer Stadtschreiber gewählte Schweizer Schriftsteller Peter Stamm war Anfang 2014 in Brasilien und drehte mit dem ZDF einen Film mitten im Regenwald. Stamm berichtet von "Fordlandia", einer von Henry Ford aus dem Boden gestampften Stadt im brasilianischen Urwald, die dieser ab den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gründete.

Ehemaliges Krankenhaus in Fordlandia
Mit viel Enthusiasmus gebaut und doch zum Sterben verdammt - Fordlandia Quelle: ZDF und Thomas Hocke

Mir hatte Fordlandia erst einmal nichts gesagt – ich musste ihn googeln, als Peter Stamm mir den Namen des brasilianischen Ortes nannte, an dem er drehen wollte. Fordlandia war der Traum von Henry Ford, dem US-amrikanischen Automobilkönig.

Er kaufte Ende der 1920er Jahre der brasilianischen Regierung ein Gebiet mitten im Regenwald am Amazonas ab, um darauf selbst Kautschuk produzieren zu lassen. Diesen brauchte er zur Reifenherstellung für seine Autos in den USA. Ford ließ Schulen, Wohnungen, Einkaufsläden und Krankenstationen errichten, steckte viel Geld in das Projekt – und scheiterte. Doch woran?

Ford war Autodidakt

Henry Ford ließ sich partout nichts erklären: Er wusste alles besser! Hätte er auf die Experten gehört, wäre im klar geworden, dass Kautschuk fünf bis sechs Jahre braucht, um ertragreich zu sein - eine lange Durststrecke bis zum ersten für die Reifenproduktion verwendbaren Ertrag. Bis auf wenige Versuche wurde also nichts produziert.

Und dann kam das endgütige Aus: Der Weltpreis für Kautschuk fiel, das synthetische Gemisch aus neuem Gummi war erfunden, Streiks lähmten die Produktion, und obendrein dezimierten Krankheiten die Arbeiter aus den Dörfern. Kurz: Das Experiment war gescheitert, bevor es richtig losging. Ford selbst war übrigens nie selbst in Fordlandia, das für rund 8000 Menschen geplant war. Heute leben in dem Dorf noch einige hundert Nachkommen derer, die zu Fords Zeiten angesiedelt wurden.

Soja, der Kautschuk der Moderne

Sojapflanze
Soja ist vielfältig verarbeitbar, konnte aber Fordlandia auch nicht retten. Quelle: ZDF/Werner Rudhart

Peter Stamm, unterstützt von seiner österreichischen Ko-Autorin Ursula Prutsch, und ich fuhren im Februar dieses Jahres – zur Regenzeit – dorthin, und wie viele aus den Brasilienberichten zur Fußball-WM wissen, ist dieses Land sehr weitläufig. Direktflüge dorthin gab es nicht - mit regionalen Flügen, Schiffen und Kleinstflugzeugen haben wir dieses Gebiet erreicht. Santarem, Provinzstadt am Zusammenfluss von Rio Tapajos und Amazonas, war neben Fordlandia unser Hauptziel. Erreichen konnten wie es nur über eine zwölfstündige Bootsfahrt auf einem Hängemattenboot. Warum Santarem? Weil dort die Sojaproduktion als wichtigster Zweig der brasilianischen Landwirtschaft einen ihrer Hauptstützpunkte hat. Soja hat Kautschuk als Rohstoff abgelöst – schon Henry Ford wollte sich auf die Produktion verlegen, ließ sogar eine Karosserie aus Soja fertigen, was natürlich nicht produktionsreif war.

Wir haben mit Bauern und Priestern, mit Gewerkschaftsführern und Umweltschützern über die Versuche Fords gesprochen, in Fordlandia neue Produktionsformen umzusetzen. So konnten wir uns so eine Bild von der Geschichte und den gegenwärtigen Themen machen, welche die Menschen in der Region und den Überresten dieses Traums von einer Retortenstadt heute beschäftigen. Die schönen Landschaftsbilder des Films, die unser deutsch-brasilianische Kameramann Florian Pfeiffer eingefangen hat, sind ein Augenschmaus und haben uns bei den Dreharbeiten immer wieder fasziniert.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet