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Der robuste Charme von Atlético Madrid

Atletico-Trainer Diego Simeone jbelt it seinen Spielern

- Der robuste Charme von Atlético Madrid

Hexenkessel-Atmosphäre, ein heißblütiger Trainer und Teamgeist - das alles sind Gründe, die Atlético Madrid wohl zum unangenehmsten Gegner für die Bayern im Champions-League-Halbfinale machen.

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Bayern Münchens Champions-League-Gegner Atlético Madrid ist ein Gesamtkunstwerk aus kratzbürstigem Fußball, feurigen Anhängern und einem veralteten Stadion. National wie international fühlt man sich wohl in der Rolle des Underdogs. Den robusten Charme des Arbeiterklubs sollen am Mittwoch (20.45 Uhr / ZDF ab 20.25 Uhr) auch die Bayern zu spüren bekommen.

Es ist alt, zugig und ungemütlich. Unter einer Tribüne führt die Stadtautobahn hindurch, sonst hat es keine nennenswerten architektonischen Features. Die Zuschaueraufgänge sind immer verstopft. Die meisten Plätze nicht überdacht. Aber eines kann man dem Estadio Vicente Calderón in Spaniens Hauptstadt nicht absprechen: Charme der Vergangenheit.

Ort für Nostalgiker

Besucher aus Deutschland, gewohnt an moderne Komfortarenas, werden eine kleine Zeitreise erleben, wenn der FC Bayern zum Champions-League-Halbfinale bei Atlético Madrid gastiert. Dieses Stadion ist ein Ort für Nostalgiker, den die rund 55.000 Zuschauer regelmäßig in einen Hexenkessel verwandeln. Sie tun es mit einer Leidenschaft, die man nicht oft findet in Europa. Und weil ihre Helden auf dem Platz auch gern etwas rustikaler zu Werke gehen, darf man getrost von einem Gesamtkunstwerk sprechen.

Atlético ist wieder ganz bei sich, seit Diego Simeone hier Anfang 2012 zu trainieren begann. Nach Jahrzehnten der Zweifel, des Verfalls, vorübergehend sogar in der Zweiten Liga, hat der argentinische Ex-Profi den Traditionsverein mit seiner Identität versöhnt. "Atlético ist historisch gesehen eine aggressive und intensive Mannschaft, mit Engagement und Passion, konter- und defensivstark“ - so hat er es selbst mal formuliert. Und so ärgert der Meister von 2014 und aktuelle Tabellenzweite in Spanien nun die viermal so finanzstarken Großklubs Real Madrid und FC Barcelona.

"Rummenigge eine Lektion verpassen"

Auch die Bayern? Deren Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat sich wiederholt als Gegner der kratzbürstigen Spielweise Atléticos zu erkennen gegeben. "Fußball hat auch was mit Freude und Spektakel zu tun, und dafür steht dieser Klub nicht“, sagte er beispielsweise vergangene Saison.

Äußerungen, die in Madrid viele als verletzend empfanden und die das Ambiente vor diesem Halbfinale weiter aufladen. Atléticos Vereinslegende Paulo Futre etwa prophezeite in seiner Kolumne bei der Sportzeitung "Marca“, die Spieler würden "notfalls auf dem Platz sterben, um ihm (Rummenigge) für seinen Hochmut eine Lektion zu verpassen.“

Verschwörung?

Lustvoll nimmt der Arbeiterklub seine Lieblingsrolle ein: die des Underdogs, dem nichts geschenkt wird im Leben. Dass Rummenigge, neben seinem Bayern-Amt auch Chef der europäischen Klubvereinigung ECA, kürzlich eine Reform der K.o.-Runde forderte und dabei Atléticos Achtelfinale gegen Eindhoven als Negativbeispiel nannte, führte nach dem Platzverweis für Fernando Torres im Viertelfinal-Hinspiel bei Barcelona sogar zu der Verschwörungstheorie, man wolle Atlético aus dem Wettbewerb befördern.

Kiko Narváez, ebenfalls eine Klublegende, analysierte in der Zeitung "As“: "Im Verein bestehe der Eindruck, dass man fußballerisch in der Spitze angekommen ist, der Aufnahmeantrag für den VIP-Bereich der UEFA aber noch auf Bearbeitung steht“.

Chance zur späten Revanche

Atléticos Opferdiskurs wurde genährt über Jahrzehnte im Schatten des mächtigen Stadtrivalen Real. Sein Ursprung geht jedoch auf ein Spiel gegen die Bayern zurück, das Europapokalfinale der Landesmeister 1974. Atlético führte 1:0, ehe Katsche Schwarzenbeck in der letzten Minute der Verlängerung ausglich und die Bayern das fällige Wiederholungsspiel 4:0 gewannen.

Die Münchner holten so die erste ihrer fünf Champions-League-Trophäen, die Madrilenen warten immer noch darauf. 42 Jahre später bietet ihnen das Wiedersehen nun die Gelegenheit zur Revanche. "Gewinnt für unsere Vorväter“, forderte am Wochenende ein Transparent im Calderón, durch das am Mittwoch mehr denn je ein Hauch von Vergangenheit wehen wird.

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