WM-Affäre: Bericht belastet Beckenbauer und Niersbach schwer

- WM-Affäre: Bericht belastet Beckenbauer und Niersbach schwer

Zahlungen in Höhe mehrerer Millionen Euro über Schweizer Banken nach Katar. Der Freshfields-Bericht zur Korruptionsaffäre bringt neue Erkenntnisse, lässt jedoch die entscheidende Frage offen.

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Video verfügbar bis 04.03.2017, 13:30

Eindeutige Beweise? Fehlanzeige. Dennoch belastet der Freshfields-Abschlussbericht zur WM-Affäre Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach schwer. Viele Anzeichen weisen auf Bestechung oder Stimmenkauf bei der WM-Vergabe 2006 hin.

Neue Informationen über Geldflüsse, schwer belastete Schlüsselfiguren und die bewusste Verschleierung von Millionenzahlungen legen in der WM-Affäre dunkle Machenschaften offen. Die DFB-Führung fällte ein vernichtendes Urteil. "Es war völliges Versagen interner Kontrollmechanismen, sowohl im WM-OK als auch innerhalb der DFB-Spitze", sagte Interimspräsident Rainer Koch in Frankfurt bei der Vorstellung des Abschlussberichts der Wirtschaftskanzlei: "Dem Präsidium wurden über Monate Informationen vorenthalten. Das ist ein inakzeptabler Vorgang."

Beckenbauer im Fokus der Verdächtigungen

Auf 361 Seiten listen die Ermittler akribisch die Verfehlungen des früheren Führungspersonals auf. Der nachvollzogene Weg der 6,7 Millionen Euro ist weiter höchst verdächtig - und Beckenbauer steht bei den dubiosen Geldtransfers im Fokus. Von einem auf die Namen Beckenbauer und Robert Schwan laufendem Oder-Konto, dessen Ex-Manager, flossen im Sommer 2002 in vier Tranchen sechs Millionen Schweizer Franken auf das Konto einer Schweizer Anwaltskanzlei.

Von dort wurde das Geld nach Katar an eine Firma weitergeleitet, die offenkundig Mohamed Bin Hammam gehört - damals Mitglied der FIFA-Exekutive und -Finanzkommission. Schließlich überwies der frühere adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken auf das Schweizer Konto. Mit sechs Millionen wurde Beckenbauer "ausgelöst", vier Millionen gingen wieder nach Katar.

Geldfluss nicht klar: Betrag für FIFA-Gala ausgewiesen

Bleibt die Frage: Wofür das Ganze, wenn nicht zum Zwecke der (nachträglich eingelösten) Bestechung? Laut Bericht gibt es für die Vorgänge keine "plausible Erklärung". Ob das Geld nur der Sicherung des FIFA-WM-Zuschusses diente, wie von Beckenbauer und seinen WM-Mitstreitern behauptet, oder ein "weiterer, dahinterliegender Zweck" verfolgt wurde - offen.

2005 zahlte der DFB das Geld an Dreyfus zurück, ganz bewusst verschleiert.
"Nach dem Ergebnis unserer Untersuchung steht fest, dass die Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005 vom WM-Organisationskomitee bewusst falsch deklariert worden ist. Sie war als Betrag für die FIFA-Eröffnungsgala ausgewiesen, aber für Dreyfus gedacht", teilten die Ermittler mit. Wer von den damals Beteiligten wann Kenntnis von dem Betrug gehabt habe, sei "strittig".

DFB spricht von einem "Bestechungsversuch"

Auf den Weltmeisterverband kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Konsequenzen zu. Die Untersuchung der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die wegen Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall ermittelt, ist noch nicht abgeschlossen. Im Zentrum stehen Niersbach, dessen Vorgänger Theo Zwanziger und Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt.

Beckenbauer, dessen Name im Bericht 564-mal erwähnt wird, gerät noch an einer weiteren Front schwerstens unter Druck. Der von ihm unterschriebene Vertragsentwurf, der dem skandalumwitterten Funktionär Jack Warner vier Tage vor der WM-Vergabe im Juli 2000 erhebliche Vorteile zusagte, wurde zumindest teilweise in die Tat umgesetzt. Bisher sprach der DFB von einem "Bestechungsversuch" - mit diesen Erkenntnissen spricht alles für vollzogene Bestechung. Immerhin trat der Entwurf laut Angaben der Ermittler "formal wohl nicht in Kraft".

Verschwundene Akten werfen schlechtes Licht auf Niersbach

Das Verschwinden wichtiger Akten hat die Freshfields-Ermittlungen zudem erheblich gestört, was wiederum den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Niersbach belastet. Eine seiner Mitarbeiterinnen hat demnach auf eigene Faust im Juni 2015 den Aktenordner "FIFA 2000" beim DFB entliehen - der Ordner ist verschwunden. Niersbach sei zudem entgegen seiner Darstellung schon ab Juni 2015 über alle Vorgänge informiert gewesen. Der Ex-Präsident räumte nach der Veröffentlichung des Freshfields-Berichts eigene Fehler ein. "Den Vorwurf, im Sommer 2015 meine Kollegen im DFB-Präsidium nicht zügig über die mir bis dahin bekannten Vorgänge informiert zu haben, verstehe ich", schrieb Niersbach in einer E-Mail an die Deutsche Presse-Agentur.
"Die beim DFB auffindbaren Unterlagen waren nicht vollständig", teilte Freshfields mit. Darüber hinaus sei "nicht auszuschließen, dass frühere DFB-Mitarbeiter Akten nach ihrem Ausscheiden vernichtet haben. Manche Akten wurden oder werden privat verwahrt."
Koch sagte, dies sei noch nicht der Zeitpunkt, "über Konsequenzen zu sprechen". Rechtliche Schritte will der DFB in Ruhe prüfen. Die Aufarbeitung der Affäre sieht Koch als beispielhaft an: "Mir ist in der Welt des Sports keine vergleichbar transparente und selbstkritische Aufarbeitung in Bezug auf das eigene Haus bekannt." Der Bericht war zeitgleich zur Pressekonferenz im Internet veröffentlicht worden.

Schweizer BA sieht Verdunklungsgefahr

Die Bundesanwaltschaft der Schweiz (BA) kritisierte unterdessen die Veröffentlichung des Freshfields-Berichts. Die Behörde halte fest, "dass die Publikation solcher Berichte die Kollusionsgefahr (Verdunklungsgefahr) erhöht, was die BA sehr bedauert", teilte ein Sprecher mit. Die Schweizer sehen offensichtlich ihre Ermittlungen dadurch gefährdet, dass der Deutsche Fußball-Bund den Bericht der von ihnen eingesetzten Ermittler der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer am Freitag komplett veröffentlichte.

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