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"Beispiellose Überwachung" durch Corona-App?

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Forscher pochen auf Datenschutz - "Beispiellose Überwachung" durch Corona-App?

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Wissenschaftler aus der ganzen Welt warnen: Eine Corona-Tracing-App könnte Datenmissbrauch und Überwachung möglich machen. Diskutiert wird, wo die Daten gespeichert werden sollen.

Archiv, Köln: Die Coronavorus-App "pepp-pt" auf einem Smartphone.
Die Coronavorus-App "pepp-pt" auf einem Smartphone.
Quelle: EPA

Rund 300 Wissenschaftler warnen in einem offenen Brief davor, dass einige der angedachten App-Lösungen zur Eindämmung des Coronavirus zu einer "schleichenden Aufweichung" des Datenschutzes und einer "beispiellosen Überwachung" führen könnten.

Unter den IT-Experten, die den Protestbrief unterschrieben haben, befinden sich auch über fünfzig Professoren und Professorinnen deutscher Hochschulen.

Tracing-App soll Kontaktpersonen ermitteln

Anfang April hatten sich Forscher von 130 Institutionen zum PEPP-PT-Konsortium zusammengeschlossen, um einen Software-Baukasten für eine Corona-Warn-App zu entwickeln. Ziel ist eine EU-rechtskonforme sogenannte Tracing-App, die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten ermitteln soll.

Ein Computermodell des Coronavirus

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Kritik an mangelndem Datenschutz bei Tracing-App

Der Epidemiologe Marcel Salathé von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (ETHL/EPFL) teilte am vergangenen Freitag per Twitter mit, er ziehe sich wegen mangelnder Transparenz aus dem Projekt PEPP-PT zurück. "Da ich fest an die Kernideen wie Internationalität und Schutz der Privatsphäre glaube, kann ich mich nicht hinter etwas stellen, von dem ich nicht weiß, wofür es steht", schrieb Salathé.

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Der IT-Unternehmer Chris Boos, Sprecher des PEPP-PT-Konsortiums, weist die Kritik zurück: "Statt sich anzuschauen, in welchem Fall welche Lösung besser ist, wird die Diskussion von einigen Vertretern des jeweiligen Ansatzes religiös geführt", sagte Boos dem Handelsblatt.

So soll die Warn-App funktionieren

Die App, die Smartphone-Nutzer freiwillig herunterladen können, soll per Bluetooth-Technik alle 15 Minuten und länger dauernden Nahkontakte des Handy-Nutzers zu anderen Handys 14 Tage lang speichern.

Wenn ein Nutzer positiv auf das Coronavirus getestet wird, könnte die App die gesammelten Kontaktpersonen ohne zentrale Speicherung individuell über die Infektion informieren. Falls die Daten vom Handy auf einen zentralen Server übertragen werden, würde der Server die Kontaktpersonen alarmieren.

Die Regierung will systematisch nach Kontaktpersonen von Infizierten suchen, mithilfe von Handydaten. Sind wir bereit, aus Angst vor dem Coronavirus unser Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung zu opfern?

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Diskussion um dezentralen oder zentralen Speicher

An der Frage, ob die mit Bluetooth gesammelten anonymisierten Daten nur dezentral im Handy oder zentral auf einem Server gesammelt werden sollen, entzündete sich der Streit unter den Forschern. Auf der Homepage des PEPP-PT-Konsortiums war der Hinweis auf die dezentrale Lösung ohne Absprache gelöscht worden.

Das PEPP-PT-Konsortium teilte dem ZDF mit, es stehe "beiden Ansätzen ganz offen gegenüber" und verteidigt die serverbasierte Lösung als "datenarmen Ansatz": "Darüber hinaus bietet der datenarme Ansatz weitere Vorteile zur Steuerung der Pandemie, da statistische Daten zur Ausbreitung und zur Wirksamkeit der Maßnahmen so schneller verfügbar sind."

Forscher warnen vor Überwachung

Die Unterzeichner des offenen Briefs plädieren hingegen für eine dezentrale App-Lösung, an der sie unter dem Namen DP-3T weiterarbeiten wollen. Sie kritisieren, dass eine Server-Lösung "eine schleichende Überwachung durch Regierungen oder Private ermöglichen könnte, wodurch das Vertrauen der Gesellschaft in eine solche App in katastrophaler Weise beeinträchtigt würde."

Das Robert-Koch-Institut hat eine kostenlose App für Smartwatches und Fitnessarmbänder veröffentlicht. Sie soll Aufschluss über die Verbreitung des Coronavirus in Deutschland bringen.

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Auch das Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit in Saarbrücken (CISPA) hat das PEPP-PT-Konsortium verlassen und arbeitet weiter an einer dezentralen Corona-App.

"Der Ansatz, der aktuell unter dem Stichwort 'zentral' diskutiert wird, hat das Risiko, dass der Server zu viele Informationen über die sozialen Netzwerke der App-Nutzer erfährt, die er eigentlich nicht braucht", sagte Ninja Marnau vom Helmholtz-Institut für Informationssicherheit in Saarbrücken (CISPA) dem ZDF. Eine zentrale Lösung habe zudem den Nachteil, dass der Server aufgrund der vielen gespeicherten Nutzerdaten ein interessantes Ziel für Hacker werde. 

Startdatum der Tracing-App ungewiss

Auch Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC) warnt vor Eingriffen in die Privatsphäre durch eine Corona-App:

Es sind immer nur winzige kleine Daten, die miterfasst werden oder nicht, die hier aus so einer App einen absoluten Alptraum machen können. Das sind wenige Zeilen Programmiercode.
Linus Neumann, Chaos Computer Club

Während Gesundheitsminister Spahn erwartet, dass eine Corona-App im Mai verfügbar sein wird, sind die Entwickler auch wegen des Streits weitaus skeptischer.

Ninja Marnau vom Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit rechnet nicht vor dem Sommer 2020 mit der allgemeinen Verfügbarkeit einer Corona-Tracing-App. Ihr Unternehmen teste aber bereits fertig entwickelte Apps mit dezentraler Speicherung.

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