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Interview

Chef-Lobbyist Nick Clegg - Warum Facebook den Newsfeed neu erfindet

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Facebook verspricht mehr Kontrolle über den eigenen Newsfeed. Warum? Ein Gespräch über Nutzererwartungen, politischen Druck und die gesellschaftliche Rolle des Sozialen Netzwerks.

Seit Jahren steht Facebook immer wieder in der Kritik. Das Soziale Netzwerk unternehme zu wenig gegen Hassrede und Falschinformationen. Bei einem anderen Kritikpunkt will Facebook jetzt einlenken: Nutzer sollen mehr Kontrolle über ihren Newsfeed bekommen.

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ZDFheute: Facebook führt neue Funktionen ein, mit denen Nutzer unter anderem die Zusammenstellung ihres Newsfeeds beeinflussen können. Dabei ist der Newsfeed-Algorithmus ein Kernelement von Facebook. Warum die Änderungen?

Nick Clegg: Die Nutzer haben uns gesagt, dass sie mehr Kontrolle darüber haben möchten, was sie auf Facebook sehen. Der Newsfeed ist ein sehr persönlicher Bereich. Er besteht größtenteils aus Inhalten, die auf Basis der Entscheidungen der einzelnen Nutzer zusammengestellt wurden. Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den Nutzerentscheidungen und den algorithmischen Systemen, die bestimmen, in welcher Reihenfolge Inhalte angezeigt werden. Das zu kontrollieren, ist nun viel einfacher als bisher.

ZDFheute: Aber warum kommen die Änderungen jetzt? Fühlen Sie sich unter Druck gesetzt, zum Beispiel von politischen Debatten, in denen ähnliche Maßnahmen gefordert werden?

Clegg: Nein, wir nehmen ständig Änderungen vor. Genauso wie andere Unternehmen versuchen wir ständig, unsere Produkte zu verbessern. Wir verstehen, dass Menschen wissen wollen, wie Facebook funktioniert, welche Kontrolle sie selbst haben. Das ist eine Reise, wir sind eine noch junge Industrie. Facebook gibt es erst seit 15 oder 16 Jahren. Und unsere technologischen Fähigkeiten werden ständig besser.

Nick Clegg
Nick Clegg ist Vizepräsident für globale Angelegenheiten bei Facebook. Davor war er unter anderem bis 2015 stellvertretender Premierminister Großbritanniens, von 2007 bis 2015 Parteichef der Liberal Democrats.
Quelle: privat

ZDFheute: Das gibt Nutzern auf der individuellen Ebene zwar etwas mehr Einblicke. Aber viele Beobachter vermissen weitergehende Transparenz. Viele Wissenschaftler fordern zum Beispiel einen besseren Zugang zu Facebooks Daten, um Dinge wie Desinformation und Hatespeech untersuchen zu können.

Clegg: Deshalb haben wir allein letztes Jahr Gelder an über 40 Universitäten ausgeschüttet, um Desinformation und Polarisierung online zu erforschen. Wir haben ein Forschungsprojekt gestartet, für das wir gewaltige Datensätze an Universitäten gegeben haben, um die Nutzung von Sozialen Medien vor der US-Wahl zu untersuchen. Diese Forschung ist vollkommen unabhängig von Facebook.  

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von Stephan Mündges

ZDFheute: Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Facebook über viele Jahre alles einem schnellen Wachstum untergeordnet hat - ohne Rücksicht auf negative gesellschaftliche Auswirkungen, wie beispielsweise zunehmende Polarisierung insbesondere in den USA.

Clegg: Ich kann nicht kommentieren, was Journalisten schreiben. Ich schaue mir die Beweise und die Daten an. Und da ist die Lage wesentlich differenzierter, als sie oft dargestellt wird. Viele Studien zeigen, dass Social Media nicht Treiber gesellschaftlicher Polarisierung ist. In den USA zum Beispiel hat Polarisierung schon zugenommen, da gab es noch gar keine Sozialen Medien.

ZDFheute: Viele Facebook-Kritiker bemängeln allerdings, dass es nach wie vor zu viel Desinformation und Hatespeech im Netzwerk zu finden ist.

Clegg: Ich lese auch ständig, es gebe so viel Hatespeech auf Facebook. Aber das stimmt nicht. Nur 0,08 Prozent aller Inhalte sind Hatespeech. Die überwiegende Mehrheit der Facebook-Nutzer sehen harmlose, spielerische, lustige und nützliche Inhalte.

ZDFheute: Sie schreiben in einem ausführlichen Essay, dass Facebook Inhalte zeigen möchte, die "etwas bedeuten und relevant sind". Sind das nicht bloß hübsche Worte dafür, dass Sie Menschen möglichst lang im Netzwerk halten möchten, um mit ihrer Aufmerksamkeit möglichst viel zu verdienen?

Clegg: Nein, das ist ein Missverständnis.

Wir haben ja gar keinen Anreiz, dass Menschen 10 oder 20 Minuten länger Facebook nutzen. Wir möchten, dass sie es auch in 10 oder 20 Jahren noch nutzen.
Nick Clegg

Deshalb ist es so wichtig, dass die Nutzererfahrung auf Facebook angenehm ist, dass die Inhalte, die Nutzer sehen, ihnen etwas bedeuten. Dafür haben wir schon viele Veränderungen vorgenommen, zum Beispiel zeigen wir mehr Posts von Verwandten und Freunden. Übrigens auch die Unternehmen, die Werbung auf Facebook schalten, möchten nicht, dass ihre Anzeigen neben abscheulichen Inhalten auftauchen.

ZDFheute: Sind Sie eigentlich genervt von der vielen, manchmal auch unberechtigten Kritik, die auf Facebook einprasselt?

Clegg: Nein, ich bin interessiert, nicht genervt. Es geht um eine sehr wichtige Debatte über die Rolle von Social Media in der Gesellschaft. Vor ein paar Jahren gab es diese Technik-Utopien - einen Glauben, dass die Technologien von Steve Jobs und Mark Zuckerberg all unsere Probleme lösen könnten. Jetzt ist das Pendel in die entgegengesetzte Richtung ausgeschlagen. Jetzt soll Technologie der Grund allen Übels sein. Aber wissen Sie was? Beides stimmt nicht. Die Wahrheit liegt in der Mitte.

ZDFheute: Versuchen Sie mit den vorgestellten Newsfeed-Änderungen und der PR-Offensive, die Sie gestartet haben, etwas Druck von Facebook zu nehmen? In vielen Ländern, auch in den USA und der EU, arbeiten Parlamente an Gesetzen, durch die Soziale Netzwerke stärker reguliert werden sollen.

Clegg: Wir begrüßen neue Regulierungen. Das Internet braucht neue Regeln. Es wird sicherlich neue Regeln geben, die mal besser, mal schlechter sind. Das ist immer so. Der Teufel steckt bei so etwas immer im Detail. Ich mag zwar mittlerweile für Facebook arbeiten, ich bin aber ein leidenschaftlicher Europäer. Und ich würde mir wünschen, dass das nächste Google, das nächste Alibaba aus Europa kommen.

Meine Botschaft an die Gesetzgeber ist daher: Seid vorsichtig, dass neue Regeln nicht den Gebrauch von Daten auf innovative, neue Weise unmöglich machen. Ob es einem gefällt oder nicht, Daten sind das Material, das es für Innovationen im Gesundheitsbereich, in der Bildung, in der Landwirtschaft, aber auch in der Autoindustrie braucht.

Und es wird zwar an neuer Regulierung gearbeitet, aber ich bin besorgt, weil es immer noch keinen digitalen Binnenmarkt in Europa gibt. Deshalb kann eine kleine Mainzer Firma immer noch nicht ohne Probleme ihre Produkte und Leistungen in Lissabon verkaufen. Wir sehen momentan, dass Regierungen einzelner Länder, zum Beispiel von Frankreich und Deutschland, national regulieren. Das ist eine große Gefahr für den Binnenmarkt.

Das Interview führte Stephan Mündges. Er ist Redakteur im heute journal und berichtet seit mehreren Jahren über Facebook. Er twittert unter @muendges.

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