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Instagram - Likes und Leid

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Ist #Instagram nur schöner Schein? Wo Millionen täglich posten, sieht Autorin @nenacasc auch große Suchtgefahr.

Handy-User stehen vor Instagram-Logo
Instagram hat in Deutschland 15 Millionen Nutzer.
Quelle: reuters

Selfies von Teenagern und Twens vorm Spiegel gehören inzwischen quasi zu den Instagram-Klassikern. "Anders als beim normalen Selfie können sich viele Mädchen dabei so drehen, dass es aussieht, als hätten sie Kurven", sagt Anastasia Martorana.

Die 20-Jährige hat vor einigen Jahren selbst mit selbstgemachten Fotos bei der Social-Media-Plattform angefangen. Inzwischen zeigt sich Martorana dort aber ganz anders.

Insta-Fotos zeigen kaum Realität

Die junge Frau, die unter der Woche einen klassischen, bodenständigen Beruf ausübt, schlüpft am Wochenende für ihre Insta-Fotos regelmäßig in Rollen, die sie selbst auswählt. "Ich trete in den Bildern als Kunstfigur auf", sagt sie. "Im 'real life' bin ich ein sehr viel lachendes, nettes, natürliches Mädchen von nebenan – auf den Bildern, höre ich immer wieder, komme ich häufig eher arrogant, stark, sexy und unnahbar rüber."

Screenshot: Instagram Account von Anastasia Martorana
Anastasia Martorana
Quelle: instagram.com/anastasiama26

Eines ist der jungen Frau wichtig: Sie sieht sich nicht als eines der vielen Freizeitmodels, die Instagram als mögliches Sprungbrett für eine große Model-Karriere begreifen. Das Posieren für professionelle Fotografen ist Martoranas Hobby. Geld verdient sie damit nicht.

"Der Deal ist TFP - time for pictures", sagt Martorana. Das heißt: Statt einer Gage bekommt sie die Resultate der Aufnahmen und kann darüber frei verfügen. Auf der anderen Seite darf der Fotograf mit den Bildern für sich werben. Gängige Praxis - nicht nur bei Instagram.

Viele Likes - aber auch Kommentare "deutlich unter der Gürtellinie"

"Die Ideen zum Posing und Setting kommen meist von mir", sagt Martorana. Zwei Stunden Zeit investiert sie für ein Fotoshooting an den Wochenenden. Danach bearbeitet sie die Bilder häufig selbst, lädt sie in ihr Profil und wartet auf Kommentare, Likes, neue "Follower". Mehr als 5.000 Menschen "folgen" ihr bereits, bewerten die Bilder meist positiv.

Wie viele andere Frauen bekommt Anastasia jedoch regelmäßig auch die hässliche Seite der Plattform zu sehen. "Das sind dann Reaktionen deutlich unter der Gürtellinie", erzählt sie. Die vulgären Sprüche, die ihr meist Männer, manchmal aber auch Frauen schicken, haben beleidigenden, verletzenden Charakter.

Mit Nacktfotos belästigt

Manche Männer schicken ihr zudem Genitalfotos. Martorana sagt: "Wenn ich das Instagram melde, geschieht da: nichts!" Ihr Gegenmittel: ironisch-sarkastische Kommentare.

In manchen Fällen hat sie die Bilder auch schon verpixelt in Ihre Instagram-Story gestellt und darauf den Absender markiert. "Mit dem Ergebnis, dass Instagram erstmal meine Story gesperrt hat, wegen angeblichem Mobbing und Beleidigen", berichtet Martorana und findet das absurd: "Meldest du solche Bilder offiziell, geschieht nichts.

Wehrst du dich anders, wirst du belangt. Aber ok, ich versuch es mit Humor zu nehmen." Von der Plattform zurückziehen will sie sich jedenfalls nicht. Im Gegenteil: "Ich lasse mich doch nicht von irgendwelchen Idioten kleinkriegen."

Fakten zu Instagram und Suchtpotenzial

  • Allein in Deutschland hat die beliebte Online-Plattform Instagram 15 Millionen Nutzer. Vor allem bei 12- bis 29-Jährigen ist das Angebot extrem beliebt.
  • Teenager in Deutschland verbringen durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich in diversen sozialen Medien. Laut einer 2018 veröffentlichten Studie der Krankenkasse DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen erfüllen 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland die Kriterien für eine Social-Media-Abhängigkeit.
  • Die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, bezeichnete die Studienergebnisse als besorgniserregend, denn es gebe einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Sucht und Depressionen.

Autorin Schink: "Instagram zerstört unser Leben"

Andere Userinnen hingegen ziehen inzwischen einen klaren Schlussstrich. Nena Schink gehört zu ihnen. Die Autorin nennt sich selbst eine "Süchtige auf Entzug" und hat darüber nun ein viel beachtetes Sachbuch veröffentlicht. Titel: "Unfollow – Wie Instagram unser Leben zerstört". Sie hat damit einen Nerv getroffen – auch wenn viele die Plattform nicht so exzessiv nutzen wie es die Autorin über Jahre hinweg tat.

In "Unfollow" berichtet sie davon, dass sie über Jahre hinweg täglich zwei Stunden auf Instagram verbracht habe, 14 Stunden wöchentlich. Aufs Jahr gerechnet habe sie einen ganzen Monat an die Plattform "verschwendet", wie sie drastisch formuliert.

Im Interview mit dem Herausgeber ihres Buches berichtet sie etwa: "Instagram hat mir viele Momente mit meinem Freund versaut. Anstatt gemeinsam den Augenblick zu genießen, musste er mich fotografieren. Danach hatten wir meist Streit, weil ich mich unzulänglich, dick, hässlich fühlte." Für eines ihrer Fotos habe sie sich 40 Minuten lang im Bikini auf einer Wassermelonen-Luftmatratze geräkelt, die sie eigens für das Bild mit in den Urlaub genommen habe.

Abhängig von Komplimenten Fremder in einer virtuellen Scheinwelt

Das kann reichlich überdreht und affektiert wirken. Oder tatsächlich wie der mutige, ungeschminkte Bericht einer jungen Frau, die abhängig war von Likes und Komplimenten fremder Betrachter in einer virtuellen Scheinwelt. Davor, unüberlegt privateste Inhalte ins Netz zu stellen, warnen Psychologen seit Jahren. Das bremst aber die wenigsten. Schink erklärt es sich so: "Der Reiz von Instagram besteht darin, dass jeder sein Leben so präsentieren kann, wie er es gerne möchte."

Auf Schinks Frage, weshalb sich eine Generation, die alle Chancen hat, "freiwillig sexualisiert", gibt es viele Antworten. Anastasia Martorana hat für sich eine klare Grenze gezogen: kein Posieren in Dessous oder Bikinis. Dass viele junge Frauen – und auch Männer – mehr von sich zeigen, verwundert Martorana aber nicht.

Sie glaubt, dass "dass man durch die Gesellschaft in gewisser Form gezwungen" sei, schön auszusehen und sich im besten Licht zeigen müsse. Social-Media-Plattformen stillten ein starkes Bedürfnis vieler Menschen, meint Martorana: "Ich denke, in jedem steckt eine kleine Ader der Eitelkeit und der Drang, sie zu präsentieren." Instagram bietet derzeit offenbar die ideale Bühne dafür.

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