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Interview

Offline wider Willen - Was hilft beim Internet-Shutdown?

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Kein Messenger, keine Emails, keine Anrufe mehr: Wenn es politisch brodelt, schalten manche Machthaber einfach das Internet ab. Was dann hilft, erklärt Netzexpertin Anna Biselli.

Internet-Shutdown
Internet-Shutdown
Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

ZDFheute: Wie kann ein Internet-Shutdown aussehen?

Anna Biselli: Beim Wort Internet-Shutdown denkt man, das ganze Internet ist tot. Aber es gibt auch andere Ausprägungen: Der Zugang zu bestimmten Websites kann beschränkt werden, indem der Weg dahin versperrt wird. Oder einzelne Dienste im Internet sind gesperrt, wie Facebook oder Messenger-Apps.

ZDFheute: Ist automatisch das ganze Internet betroffen?

Biselli: Nein, nicht immer. Aber auch, wenn zum Beispiel nur mobiles Internet eingeschränkt wird, trifft das Menschen in Ländern hart, in denen ohnehin die meisten das Internet nur via Smartphone nutzen.

Was auch möglich ist: Das Internet geht noch, aber die Bandbreite wird reduziert.

Faktisch ist es dann unbenutzbar, um größere Dateien wie Fotos oder Videos hochzuladen und zu verbreiten. Das ist gerade bei Protesten wichtig, wie im Sudan.  
Anna Biselli, Netz-Expertin

ZDFheute: Wie funktioniert das technisch?

Biselli: In den meisten Fällen tritt eine Regierung an die Internet-Anbieter heran und sagt: Ihr müsst dies und jenes abschalten oder blockieren.

Wenn man zentrale Infrastruktur abschaltet, ist alles tot, wie bei einem ausgefallenen Funkmasten: Dann gibt es beispielsweise weder SMS noch mobiles Internet.
Anna Biselli, Netz-Expertin

ZDFheute: Wo auf der Welt sind Internet-Shutdowns zu beobachten?

Autoritäre Staaten, in denen es wenige Netzanbieter gibt und die Regierung eine hohe Kontrolle hat, sind anfälliger.
Anna Biselli, Netz-Expertin
Logo des Messengerdienstes Telegram auf einem Smartphone

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Biselli: Besonders viele Internet-Shutdowns gibt es aber in Indien, aus ganz verschiedenen Gründen. In der Konfliktregion Kaschmir gibt es seit Jahren immer wieder lange Shutdowns.

Außerdem gibt es kleinere Shutdowns, die manchmal nur Stunden dauern - aus Gründen, die für uns schwer nachvollziehbar sind. Man will etwa verhindern, dass bei Prüfungen geschummelt werden kann.

Ein anderer bekannter Fall ist Myanmar, wo es seit Juni 2019 immer wieder Abschaltungen in Konfliktgebieten gibt.

ZDFheute: Welche Möglichkeiten gibt es, Internet-Shutdowns zu umgehen?

Wenn Nutzern der Zugang zu einer Website verwehrt wird, können sie das teilweise umgehen, indem sie den Tor-Browser oder ein sogenanntes VPN benutzen.
Anna Biselli, Netz-Expertin

Biselli: Stark vereinfacht gesagt sieht dann der Internet-Anbieter nicht mehr, welche Seite ein Nutzer aufrufen will - und kann das auch nicht mehr blockieren.

Es gibt auch lokale Lösungen: Wenn in einem Land Proteste sind und die Regierung etwa Whatsapp blockiert, können Nutzer ihre Handys untereinander via Bluetooth verbinden und so in kleinem Rahmen trotzdem Nachrichten weiterschicken - ganz ohne Internet.

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ZDFheute: Sind Shutdowns ein neues Phänomen?

Biselli: Nein. Der erste weltweit bekannte, große Fall war die Abschaltung des Internets in Ägypten 2011, beim Arabischen Frühling. 2009 blockierte China den Zugang zum Internet nach Ausschreitungen in der Region Xinjiang.

Generell geht es oft darum, die Vernetzung von Menschen zu behindern, ihren Zugang zu Informationen und so die politische Meinungsbildung zu unterdrücken.
Anna Biselli, Netz-Expertin

Inzwischen ist es auch en vogue, vorab Repressalien gegen einzelne Diensteanbieter in neue Mediengesetze zu schreiben: Etwa in der Türkei. Da drohen dem Anbieter dann rechtliche Konsequenzen und Drosselung, wenn er sich dauerhaft weigert, den Anweisungen der Regierung nachzukommen.

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Anna Biselli, Netz-Expertin

Biselli: Politisch kann es kontraproduktiv sein, wenn es oft vorkommt. Dann organisieren sich die Menschen und schaffen lokale Infrastrukturen. Letztlich sehe ich es als hilflosen, autoritären Move.

Wenn es darum geht: Welche Informationen kommen aus dem Land raus, dann kann es kurzfristig funktionieren. Aber nur, wenn die Aufmerksamkeit für einen Konflikt oder eine Region ohnehin nur gering ist.

Das Gespräch führte Lucia Weiß.

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