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Bericht zur Sicherheitskonferenz - 415 Millionen Kinder leben im Krieg

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Anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz zeigt ein Bericht: Jedes sechste Kind muss heute in Konfliktgebieten aufwachsen. Was bedeutet das für die Betroffenen - und für uns?

Archiv: Ein syrischer Junge im zerstörten Aleppo im Jahre 2019.
Seit zehn Jahren herrscht in Syrien Krieg. Kinder kennen Frieden nicht mehr.
Quelle: OBS/SOS-Kinderdörfer

Die Zahlen, die der aktuelle Bericht "Krieg gegen Kinder – Geschlechterrollen im Fokus" von der Kinderrechtsorganisation "Save the Children" zeigen: Die Anzahl der Kinder, die in Konfliktzonen leben, hat sich seit 1995 mehr als verdoppelt. Anlässlich des Beginns der Münchener Sicherheitskonferenz kritisierte die Organisation, Kindern werde humanitäre Hilfe "systematisch verweigert".

Zunehmende Gewalt an Kindern

Der Bericht offenbart unter anderem folgende Entwicklungen:

  • Im Jahr 2018 lebten 415 Millionen Kinder in einem Konfliktgebiet, das sind 18 Prozent und bedeutet jedes sechste Kind auf der Welt.
  • Davon wachsen 149 Millionen Kinder in einem Gebiet mit hoher Konfliktintensität auf, also Gebiete, in denen innerhalb eines Jahres mehr als 1.000 Menschen durch Kämpfe sterben.
  • Afrika verzeichnet die höchste absolute Zahl betroffener Kinder: 170 Millionen. Das bedeutet, hier lebt jedes vierte Kind in einem Konfliktgebiet.
  • Die Region Nahost verzeichnet den höchsten relativen Anteil: 32 Prozent, also  jedes dritte Kind wächst in kriegerischen Zuständen auf.   
  • Seit 2010 stieg die Gesamtzahl um 37 Prozent und die Anzahl an verifizierten Verbrechen an Kindern nahm in demselben Zeitraum um 170 Prozent zu.
  • Seit 2005 wurden fast 100.000 Kinder in Konflikten getötet oder verstümmelt. Diese Zahl hat sich somit seit 2010 verdreifacht.
  • Zwischen 2005 und 2018 gibt es 65.081 bestätigte Fälle von Zwangsrekrutierung von Kindern.
  • 80 Millionen Kinder sind in Konfliktgebieten von sexueller Gewalt bedroht.  

Wo Kinder am meisten Krieg erleben

Die vier Länder mit der höchsten Anzahl betroffener Kinder sind Nigeria, Mexiko, die Demokartische Republik Kongo und Afghanistan. Die gefährlichsten Länder für Kinder sind im Jahr 2018 identisch zu denen im Jahr 2017. Dazu zählen: Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Irak, Jemen, Mali, Nigeria, Somalia, Südsudan, Syrien und die Zentralafrikanische Republik.

Die Dauer der Konflikte und Kriege nimmt zu

Deutlich wird auch, dass die Konflikte immer länger andauern. Mit dem Jahr 2019 herrscht in Afghanistan seit 18 Jahren ein blutiger Konflikt zwischen den internationalen Streitkräften und den Taliban. Das bedeutet: Kein einziges Kind, das heute in dem Land lebt, ist zu Zeiten des Friedens geboren. Syrien wird im März 2020 das zehnte Kriegsjahr beginnen, Jemen verzeichnet fünf Jahre Kriegsdauer. Auch Kinder im Kongo, in Somalia und im heutigen Südsudan haben in ihrer Kindheit keinen Frieden erlebt.

Eva Möhler
Prof. Dr. med. Eva Möhler
Quelle: privat

Prof. Dr. Eva Möhler ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie der SHG (Saarland-Heilstätten Gesellschaft) und sehr erfahren in dem Umgang mit traumatisierten Kindern. Sie bestätigt: Aufwachsen in Konflikten bedeutet für Kinder vor allem Stress, genauer gesagt eine übermäßige Ausschüttung des Stresshormons Cortison. Das führt zu Veränderungen im Gehirn und zu Entwicklungsstörungen: "Bestimmte Bereiche im Gehirn sind dann beeinträchtigt, zum Beispiel Handlungsplanung, Pulskontrolle, Arbeitsgedächtnis oder die Emotionsregulation."

Semilore Adebiyi, fünf Jahre alt, sitzt vor einem Haus.

Menschenhandel -
Nigerias Babyfabriken
 

Die Unterwelt Nigerias hat ein lukratives neues Geschäftsfeld entdeckt. Es bedient Sehnsüchte verzweifelter Paare und nutzt junge Mädchen aus, die wie Sklavinnen gehalten werden.

Gründe für das Leid der Kinder

"Save the Children" weist in seinem Bericht auf drei wesentliche Gründe für die verheerende Situation der Kinder in Konfliktregionen auf:

  • Bestehende internationale Regeln, Gesetze und Normen werden in Konflikten nicht eingehalten.
  • Täter werden nicht zur Verantwortung gezogen.
  • Kinder werden nicht ausreichend unterstützt und es wird nicht genug dafür getan, dass sie sich von den Folgen der Konflikte erholen können.

So gravierend die Belastungen für die Kinder sind, gibt es dennoch Möglichkeiten, ihr Leid vor Ort zu mindern, so die Kinderpsychiaterin:

Man kann den Krieg zwar nicht einfach ausschalten, aber man weiß, was den Kindern hilft, um besser mit dem Stress umzugehen, dem sie permanent ausgesetzt sind.
Prof. Dr. Eva Möhler, Kinder- und Jugendpsychiaterin

Dazu zählt vor allem Bewegung, denn positive körperliche Aktivität hilft dem Körper, Cortison abzubauen. Außerdem kann man den Kindern Entspannungsverfahren und Skills beibringen, durch die sie sich in dem Konfliktgebiet selbst beruhigen können. Ein solches Stressresilizienz-Verfahren für Kinder in Kriegs- und Konfliktgebieten hat ein bestimmtes Ziel: "Wir können den Kindern helfen, dass sie so wenig wie möglich durch den Stress geschädigt werden und so viel wie möglich von dem Stress abbauen können."

Archiv: Kinder in der Demokratischen Republik Kongo am 25.06.2019

Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen

In dem Bericht heißt es: "Je mehr Konflikte in einem Land herrschen, desto mehr ist die Mobilität von Mädchen und Frauen eingeschränkt." Das führe dazu, dass sie mehr zu Hause sind als Jungs und dort oft geschlechtsspezifische Rollenbilder erfüllen müssen. Dies könne einige Verbrechen an Mädchen verringern, wie zum Beispiel Entführung, Rekrutierung oder Tötung. Allerdings sind sie gleichzeitig in gesteigertem Maße von sexuellen Gewalttaten bedroht, die wiederrum nur schwer erhoben und nachvollzogen werden können.

Jungen werden häufiger als Kindersoldaten rekrutiert. Diese und ähnliche Kinderrechtsverstöße hängen oft mit Kriegsverbrechen zusammen, was auch dazu führt, dass hier eine gesteigerte Aufmerksamkeit herrscht und sie häufiger aufgedeckt werden.

Was traumatisierten Kindern hilft

Laut der Kinderpsychiaterin Möhler unterscheidet sich das innerliche Trauma-Erleben bei Jungs und Mädchen nicht sehr stark. Wenn sich geflüchtete Kinder in einer neuen Gesellschaft und Umgebung wiederfinden, herrscht vor allem ein Gefühl von Unsicherheit. Sie verstehen viele Zusammenhänge nicht und ihr Trauma kann durch äußere Reize leicht getriggert werden. Umso wichtiger sei es, dass sie jemanden an der Seite haben, der ihnen alles erklärt und hilft, das Neue einzuordnen, so die Ärztin. Denn: "Sobald sich ein Kind angegriffen fühlt, reagiert es auch darauf: Ein Mädchen geht eher in den Rückzug und in die Selbstverletzung, ein Junge geht zum Gegenangriff." Was die Kinder vorrangig brauchen, sei Transparenz und Sicherheit:

Traumatisierte Kinder sind nicht per se aggressiv und nicht per se verzweifelt – ihnen fehlen die richtige Struktur und das richtige Angebot.
Prof. Dr. Eva Möhler, Kinder- und Jugendpsychiaterin

Falsche Diagnosen wie ADHS

Große Defizite sieht Möhler in der Erkennung der wahren Bedürfnisse der Kinder und in der Reaktion darauf. Sie kritisiert damit ihre eigene Branche: "Das sind Kinder, die wirklich schlimme Dinge erlebt haben. Aber dann wird von ihnen erwartet, dass sie sich konzentrieren können in der Schule und alles normal machen. Und wenn das nicht passiert, werden sie zum Kinderpsychiater geschickt und dort bekommen sie dann Ritalin. Das passiert leider viel zu oft."

Man untersuche zu wenig, was das Kind erlebt hat und wie es dem Kind wirklich geht. Diagnosen wie ADHS oder eine Störung des Sozialverhaltens würden viel zu schnell gestellt:

Die traumatischen Erinnerungen, die man eigentlich wunderbar behandeln könnte, werden verschleppt und das Kind bleibt unbehandelt.
Prof. Dr. Eva Möhler, Kinder- und Jugendpsychiaterin
Archiv: Afgahnische Kinder am 16.11.2019 in Kabul

Geflüchtete und deutsche Kinder gleichwertig behandeln

Die Kinderpsychiaterin betont: "Auch deutsche Kinder kennen Angst, Verzweiflung, Hilfslosigkeit – diese Gefühle kann jeder haben." Deswegen sei es wichtig, in Schulen alle Kinder im Blick zu haben, denn "diese Gefühle haben auch etwas Kulturintegratives – das können wir im Positiven nutzen."

Das Saarland hatte 2015 als kleines Bundesland einen hohen prozentualen Anteil an unbegleiteten Minderjährigen. In ihrer Arbeit mit geflüchteten Kindern hat Möhler positive Erfahrungen gemacht, die Kinder aktiv in den Prozess miteinzubeziehen.

Geflüchtete Jungen und Mädchen haben geholfen, ein Programm zu gestalten, das ihnen selbst bestmöglich hilft. "Wichtig dabei ist, dass man ihnen mit einer unterstützenden Grundhaltung begegnet und sagt: Dein Erleben ist so wie es ist, erstmal richtig, das stellen wir nicht in Frage."

Welche Fortschritte gemacht wurden

Der Bericht von "Save the Children" hat auch positive Entwicklungen zu vermelden: Es gibt einige Verpflichtungen und Erklärungen, die von vielen Staaten unterschrieben wurden. Die Unterschrift alleine kann die Situation der Kinder noch nicht verbessern, stellt aber die Grundlage für weiteres Engagement dar.

Im Jahr 2019 haben 101 Staaten und somit über die Hälfte der UN-Mitgliedstaaten die "Safe Schools Declaration" unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, den Schutz von Schulen während Waffenkonflikten zu schützen. 110 Staaten haben die Pariser Verpflichtungen und Prinzipien befürwortet – darin bestimmt das "Straight 18"-Prinzip, dass unter 18-Jährige nicht für den Einsatz in bewaffneten Konflikten rekrutiert werden dürfen. Daneben gibt es noch weitere Fortschritte wie zum Beispiel Friedensgespräche im Jemen und Bemühungen im Libyen-Konflikt, die für eine Besserung der Situation von Kinder wichtig sind.

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