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"Bei aufgeheizten Themen wird es schwierig"

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Studie zum Medienvertrauen - "Bei aufgeheizten Themen wird es schwierig"

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Die Meinungen der deutschen Bevölkerung über die Medien gehen zunehmend auseinander, sagt eine Studie. Mitautor und Forscher Tanjev Schultz über die zunehmende Polarisierung.

TV-Team aus Kameramann und Toningenieur
TV-Team aus Kameramann und Toningenieur (Archiv): Die Meinung über Medien geht seit Jahren auseinandner.
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Im Mittelpunkt eines langfristig angelegten Studienprojekts am Institut für Publizistik der Universität Mainz stehen regelmäßige bevölkerungsrepräsentative Befragungen, die dynamische Entwicklungen, Ursachen und Folgen von Medienvertrauen in Deutschland erheben.
Die aktuellen Studienergebnisse basieren auf einer repräsentativen Telefonumfrage unter 1.200 zufällig ausgewählten Erwachsenen im ganzen Bundesgebiet.

Schwerpunkte der Studie sind etwa die Verbreitung von gerechtfertigter und konspirativer Medienkritik und die empirischen Beziehungen zwischen Medienvertrauen, Mediennutzung, politischen und gesellschaftlichen Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften.

heute.de: Wer online nach den jüngsten Ergebnissen der Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen der Bundesbürger sucht, findet unter den Toptreffern Schlagzeilen wie "Immer mehr Menschen weisen 'Lügenpresse'-Vorwürfe zurück", aber auch "Misstrauen gegenüber Medien steigt". Was stimmt denn nun?

Tanjev Schultz: Wir haben eine Polarisierung gemessen, die sich seit einigen Jahren verfestigt. Es gibt auf der einen Seite das Phänomen eines wachsenden, harten Kerns von starken Medienkritikern mit zynischen Einstellungen. Diese Menschen erheben den schweren Vorwurf, dass durch die Medien systematisch und permanent gelogen und manipuliert werde.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen wachsenden und signifikant größeren Teil der Bevölkerung, der sich gegen solche Vorwürfe wehrt und den etablierten Medien in der Berichterstattung alles in allem vertraut. Der mittlere, in dieser Frage ambivalente Teil der Bevölkerung schrumpft.

heute.de: Der Studie zufolge wirft etwa jeder fünfte Deutsche den Medien vor, systematisch zu lügen. Konnten Sie ergründen, worauf sich diese Meinung stützt?

Schultz: Nein, wir können in dieser Umfrage nicht in die Details gehen, aber wir wissen, dass Menschen, die sich so äußern, häufig eine höhere wirtschaftliche Zukunftsangst haben. Das heißt nicht, dass das alles arme Menschen wären, aber die Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg ist groß. Diese Menschen sind in der Regel auch politikverdrossener und haben weniger Zutrauen in das demokratische System in Deutschland.

Wir sehen auch thematische Unterschiede im Medienvertrauen:

Bei weniger umstrittenen Themen wie dem Wohnungsmangel in Ballungsgebieten vertrauen die Menschen der journalistischen Berichterstattung stärker als bei sehr polarisierten Themen wie der Migration oder dem Islam.

heute.de: Etwa jeder Dritte vertraut den Medien nicht bei der Berichterstattung über den Islam oder auch die AfD…

Schultz: Ja, das ist so, aber dabei können die Gründe unterschiedlich sein. Einerseits sehen wir, dass viele AfD-Sympathisanten die Art und Weise der medialen Berichterstattung über die Partei ablehnen. Wir sehen aber andererseits auch, dass AfD-Kritiker die Berichterstattung über die Partei ablehnen, weil sie finden, dass die AfD zu viel im medialen Diskurs vorkommt.

heute.de: Untersuchen Sie in der Studie eigentlich auch die Qualität der medialen Berichterstattung, auf die sich die Meinung der Befragten bezieht?

Schultz: Nein, das tun wir nicht. Es geht nur um die Einstellungen der Bürgerinnen und Bürgern ab 18 Jahren gegenüber den Medien. Wir untersuchen das seit mehreren Jahren und stellen dabei auch fest, dass das Grundvertrauen einer Mehrheit der Menschen in den Journalismus in Deutschland gegeben ist, mit recht stabilen Werten.

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Es gibt zwar den Anteil von Menschen, die sehr stark wettern gegen die Medien. Aber es gibt auch die klare Mehrheit von etwa zwei Dritteln der Befragten, die ein hohes Vertrauen etwa in die regionalen Tageszeitungen und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat.

heute.de: Die aktuelle Studie spricht allerdings von einem "relevanten Kern, der die etablierten Medien pauschal verurteilt". Viele Medienschaffende fragen sich deshalb auch, wie sie das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen können. Was halten Sie für gute Ansätze?

Schultz: Ich finde es gut und richtig, wenn immer mehr Redaktionen den Kontakt zum Publikum suchen, um Vertrauen zurückzugewinnen oder zu stabilisieren. Also nicht von oben herab berichten, sondern sich anhören, was Menschen zu sagen haben. Auch, welche Kritik die Leute haben an der Berichterstattung.

Wichtig ist auch, für das Publikum transparenter zu machen, wie Redaktionen eigentlich arbeiten. Es gibt da ja die wildesten Theorien im Umlauf; da ist es hilfreich, wenn Journalisten erklären, was sie wie warum tun. Hinzu kommt ein offener Umgang mit Fehlern, die natürlich auch im seriösen Journalismus vorkommen.

Bei sehr aufgeheizten politischen Themen wird es aber einen Teil der Bevölkerung geben, der trotz allem schwer zu erreichen sein wird, weil es da bis hin zu Verschwörungstheorien sehr verfestigte Meinungen gibt. Wir müssen schauen, was daraus noch erwächst.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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