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Kommentar

Desaster für viele Künstler - Wohin fließt das Geld aus dem Musikstreaming?

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Streaminganbieter wie Spotify haben der Musikindustrie aus der Talfahrt geholfen. Doch nicht jeder Klick lässt auch die Kasse der schaffenden Künstler klingeln. Ein Gastkommentar.

Musikstreaming boomt. Doch die meisten Musiker*innen haben fast nichts davon. Nur wer Millionen von Klicks bekommt, verdient gut. Das führt zu einem Klick-Kampf – auch mit unfairen Mitteln.

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29 min
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Gut drei Jahrzehnte lang wurde Musik auf Schallplatten gespeichert, bis Anfang der 1980er Jahre die CD den Tonträgermarkt revolutionierte. Heutzutage wird Musik überwiegend digital als Stream vertrieben. Die Daten werden dabei schon während des Herunterladens in hoher Klangqualität abgespielt. Das Streaming ist zum erfolgreichsten Distributionsmodell von Musik geworden mit zahlreichen Vorteilen für die Künstler und die Konsumenten.

60 Millionen Titel per Abo

Die Konsumenten haben mit einem Abonnement bei Spotify, Apple Music, Napster oder Amazon Music für einen relativ niedrigen monatlichen Pauschalbetrag jederzeit Zugriff auf ihre Lieblingsmusik unter rund 60 Millionen verfügbaren Songs. Das sind weit mehr als jeder noch so gut sortierte Plattenladen bieten könnte.

Die Musikschaffenden profitieren von den Möglichkeiten, auch einzelne Songs und nicht nur Alben zu veröffentlichen - sowie von der Schnelligkeit des Mediums. Newcomer sind nicht mehr auf einen Vertrag mit einem Musiklabel angewiesen, um ihr Repertoire zu präsentieren, sondern können ihre Songs selbst verbreiten. Anders als bei der CD und dem Download ist das Kopieren und Weitergeben der Musik beim Streaming nicht möglich.

Technisches Meisterwerk, finanzielles Desaster für Künstler

In technischer Hinsicht ist das Streaming also ein Meisterwerk, in wirtschaftlicher Hinsicht jedoch ein Desaster - jedenfalls für die Künstler. Denn mit dem Streaming hat sich ein zutiefst unfaires Vergütungsmodell etabliert. Anders als beim Kauf von CDs fließt das Geld des Konsumenten nicht unbedingt an die Künstler, für deren Musik er sich entschieden hat, sondern in einen großen Topf, dessen Inhalt nach einem, von den Streamingdiensten festgelegten Schlüssel prozentual verteilt wird.

Es profitieren diejenigen davon, die insgesamt gesehen am meisten gehört werden. Denn allein die Gesamtzahl der Klicks entscheidet über die Höhe der Tantiemen. Mit anderen Worten:

Das Geld eines Users geht häufig an Künstler, die er gar nicht gehört hat.
Archiv: Ein junger Mann hört mit Kopfhörern Musik von seinem Smartphone.

Bundesverband Musikindustrie - Corona beflügelt Musik-Streaming - Umsatzplus 

Die Corona-Pandemie sorgt in der Musikbranche für gemischte Gefühle: Einerseits steigen durch mehr Streaming die Erlöse, andererseits leiden Künstler weiter unter Konzertausfällen.

Wer beispielsweise Kirchenmusik, Jazz, Klassik, französische Chansons, lokal oder regional bekannte Mundartkünstler, eine Newcomer-Band oder anspruchsvolle Singer-Songwriter hört, muss sich darüber im Klaren sein, dass er mit seinem Abo die Topacts aus Rap, Popmusik und Schlager begünstigt. Denn es findet eine systematische Umverteilung des Geldes von unten nach oben statt. Dieses Vergütungssystem nennt man "Pro-Rata-Modell".

In der Politik würde man sagen: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.

Zahlreiche Musikerinnen und Musiker wehren sich dagegen und haben sich deshalb zu der Initiative "Fair Share" zusammengeschlossen. Sie fordern ein gerechtes Vergütungsmodell, das die tatsächliche Musiknutzung entlohnt, das "User-Centric-Modell". Danach würden die Erlöse aus jedem einzelnen Abonnement exakt an die Künstler ausgeschüttet, deren Musik der Abonnent sich angehört hat.

Wie die Klickraten künstlich nach oben getrieben werden

"Fair Share" geht es aber noch um einen weiteren Punkt - darum, die Manipulierbarkeit des Systems öffentlich zu machen. Denn es ist möglich, Klickraten künstlich nach oben zu treiben. Dafür gibt es mehrere Verfahren:

  • Es beginnt damit, dass Fans über die sozialen Medien aufgerufen werden, einen bestimmten Titel in einer Art Dauerschleife für 30 Sekunden zu streamen, denn schon ab 30 Sekunden gilt beim größten Anbieter Spotify ein Song als gespielt und wird vergütet. Solche Aufrufe sind unlauter, aber nicht strafbar.
  • Eine andere Dimension ist erreicht, wenn die Manipulation über Fake-Abos passiert, über gehackte Accounts oder durch den Einsatz von Klick-Maschinen, sogenannter Bots, die Hunderttausende Klicks binnen relativ kurzer Zeit generieren können und damit dem jeweiligen Künstler zu höheren Streaming- Erlösen verhelfen. Solche Maschinen stehen irgendwo im Ausland. Es ist daher mühsam, den Nachweis des Betruges zu führen und so gut wie unmöglich, die Bereicherung strafrechtlich zu verfolgen.

Das Vergütungsmodell muss umgestellt werden

Man könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, die Künstler fair bezahlen und den kriminellen Machenschaften den Boden entziehen, wenn das Vergütungsmodell umgestellt würde. Der Streaming-Dienst Deezer prüft derzeit die Einführung des "User-Centric-Modells". Alle anderen, auch die Tonträgerfirmen, sind uns Künstlern bisher eine plausible Erklärung schuldig geblieben, warum sie diesem Beispiel nicht folgen.

Nachrichten | heute journal update - Musik-Streaming: Der Kampf um die Erlöse 

Streamingdienste haben die Musikwelt verändert, das gilt für die Nutzer und vor allem für Musiker – aber viele haben nichts davon. Schon seit Längerem schlagen sie ein künstler-freundlicheres Ausschüttungssystem vor, so auch ABBA-Legende Björn Ulvaeus.

Videolänge
1 min
von D. Hassanzadeh / S. Mündges
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