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Interview

Digitaler Bundestagswahlkampf - AfD und Grüne "am besten gerüstet"

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Die Grünen und die AfD sind auf Social Media am besten für die Bundestagswahl aufgestellt, sagt Politikberater Hillje. Warum das so ist und was uns im Corona-Wahlkampf erwartet.

Eine Frau schaut sich in Ihrer Wohnung auf dem Tablet den Internetauftritt der Partei Bündnis 90, die Grünen an am 14.04.2021 an.
Bundestagswahlkampf in der Pandemie: Wer ist online am besten dafür vorbereitet?
Quelle: picture alliance / Fotostand

Die Bundestagswahl rückt näher, die Spitzenkandidaten stehen fest - und über all dem schwebt die Pandemie. Der Online-Wahlkampf dürfte deshalb wichtiger denn je werden. Wir haben den Politikstrategen Johannes Hillje gebeten, für ZDFheute die Auftritte der Parteien zu analysieren.

ZDFheute: Welche Partei ist gut drei Monate vor der Wahl online am besten aufgestellt?

Johannes Hillje: Die AfD und die Grünen sind in den Sozialen Medien am besten für das Superwahljahr gerüstet. Die AfD hat bei Facebook und YouTube die größte Community, die Grünen bei Instagram und Twitter.

ZDFheute: Fast noch wichtiger aber ist die Frage, wessen Fotos, Videos und Texte am meisten Aufsehen erregen.

Hillje: Das ist ebenfalls die AfD. Bei den Interaktionen - also dem Kommentieren, Liken oder Teilen von Inhalten - liegt sie auf allen Plattformen vorne.

ZDFheute: Warum sind gerade Grüne und AfD online so erfolgreich?

Hillje: Die AfD spitzt Themen zu, emotionalisiert und polarisiert damit - etwa mit Feindbildern oder Lebensstil- und Identitätsfragen. Die Algorithmen belohnen das - denn für die Plattformen zählt, ob das Publikum reagiert und damit länger auf der Plattform bleibt. Die Grünen bedienen Themen wie den Klimaschutz oder die Gleichberechtigung, die ihre Anhänger*innen emotional ansprechen und sorgen damit dafür, dass sie online gesehen und geteilt werden.

Die beiden Parteien haben außerdem den Fokus auf ihre Zielgruppen gut gewählt: Instagram ist ein Medium für Jüngere, also eine grünaffine Altersgruppe. Facebook ist immer noch Massenmedium, wird aber verstärkt von Älteren genutzt.

ZDFheute: Was machen die anderen Parteien - neben AfD und Grünen - dann weniger gut?

Hillje: Nehmen wir die CDU. Seit dem "Rezo-Schock" hat die Partei ihre Digitalkommunikation neu aufgestellt. Es werden deutlich mehr Inhalte exklusiv für die sozialen Medien produziert. Allerdings ist die CDU dabei sehr stark auf die Kontrolle über ihre Botschaften und Bilder fixiert, betreibt vor allem Imagepflege und vergisst dabei die Spontaneitäts- und Dialogkultur der digitalen Kanäle.

Auch Kanzlerkandidat Armin Laschet scheint mit Social Media eher zu fremdeln. Dabei sind Soziale Medien personalisierte Medien.

Statt gestanzter Botschaften braucht es Individualität, emotionale Nähe und Echtheit - die Leute wollen den Menschen etwas besser kennenlernen.
Johanens Hillje

Aber da ist Laschet nicht der Einzige, dem das bislang kaum gelingt.

ZDFheute: Welche Strategie fahren die anderen Parteien - neben AfD und Grünen - denn generell online?

Hillje: Das ist unterschiedlich, nicht immer ist eine tatsächlich medien- und zielgruppenspezifische Strategie bei den Parteien in ihrer Social-Media-Kommunikation zu erkennen.

Die SPD aber beispielsweise setzt seit einiger Zeit darauf, eine Community von engagierten Unterstützer*innen aufzubauen und diese per Messenger und Email zu animieren, die Inhalte der Partei auf den großen Plattformen zu verbreiten und in ihre eigenen Netzwerke zu tragen. Das ist grundsätzlich ein guter Ansatz, denn Social Media lebt von Multiplikationseffekten. Die SPD verfügt auch über parteieigene Influencer, um spezielle Zielgruppen beispielsweise auf TikTok anzusprechen.

ZDFheute: Die AfD ist als einzige Partei stark bei YouTube. Eine Leerstelle der anderen?

Hillje: Die AfD hat ein eigenes TV-Studio, simuliert journalistische Formate wie Talkshows und gibt vor, selbst ein Medium zu sein.

Die anderen Parteien haben im Video-Bereich noch Nachholbedarf.
Johannes Hillje, Politikberater

Dabei ist YouTube mit Facebook zusammen in der Gesamtbevölkerung eine der beliebtesten Plattformen.

Die einen polarisieren, die anderen setzen auf emotionale Themen. Doch wie wichtig sind die sozialen Netzwerke für die Parteien im Wahljahr 2021?

Beitragslänge:
3 min
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ZDFheute: Welche Rolle werden Messenger wie Telegram spielen? Dort haben sich besonders die Corona-Skeptiker vernetzt.

Hillje: Auch auf Telegram ist die AfD Vorreiter. Ihr folgen in einem Kanal mehr als 16.000 Menschen. Sie versucht dort sicher auch, Kritiker*innen der Corona-Politik zu erreichen. Insgesamt sollte Telegram aber nicht überschätzt werden, die breite Masse erreicht man dort nicht.

ZDFheute: Die Corona-Zahlen gehen gerade runter, doch das kann sich bis September auch wieder ändern. Wie könnte der Online-Wahlkampf aussehen?

Hillje: Es geht darum, eine Bewegung für die jeweiligen Kanzlerkandidat*innen aufzubauen. Dafür sind die Sozialen Medien wie gemacht. Gleichzeitig wird der Haustürwahlkampf auf der Straße nur bedingt möglich sein, auch deshalb brauchen die Parteien innovative Formate, um direkten Kontakt zu den Wähler*innen zu schaffen.

Die Landtagswahlkämpfe in diesem Jahr waren dahingehend recht kreativlos. Ein positives Beispiel war das "sprechende Wahlplakat" der CDU in Baden-Württemberg.

Wenn man sich vor das Wahlplakat von Susanne Eisenmann gestellt und das Handy darauf gerichtet hat, hat Frau Eisenmann mithilfe von Augmented Reality zu einem gesprochen.
Johannes Hillje, Politikberater

Ich fürchte aber, solche Innovationen zur Überbrückung des Social Distancing bleiben die Ausnahme. Stattdessen wird es vermutlich eine Flut an Livestreams geben.

Das Interview führte Julia Klaus. Folgen Sie der Autorin auf Twitter: julia__klaus

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