Die geraubten Kinder

Wenn ein Elternteil das Kind entführt

Aus drei verschiedenen Perspektiven nähert sich die hallo deutschland-Sondersendung "Die geraubten Kinder" dem Thema Kindesentziehung. Ein Täter, ein Opfer und ein Vater, der seit fünf Jahren seine Tochter sucht, erzählen ihre Geschichte.

Peter Tinnemann sucht seine Tochter

Als sich Peter Tinnemann 2004 von seiner Frau trennt, entscheidet ein Familiengericht, dass Tochter Luna bei ihrem Vater bleiben soll. Lunas Mutter, der Italienerin Rosamaria Bruni, wird ein Besuchsrecht eingeräumt. Die Richter halten Peter Tinnemann in Sachen Erziehung für kompetenter, sprechen ihm das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu. Nach dieser Entscheidung zieht Rosamaria Bruni zurück in ihren Heimatort Frosinone, knapp 100 Kilometer südlich von Rom. Luna sieht ihre Mutter regelmäßig, die Hälfte der Ferien verbringt sie bei ihr in Italien. So auch an Ostern 2006.
Dann passiert das Unfassbare: Wie vereinbart will Peter Tinnemann seine damals fünfjährige Tochter nach den Ferien am Flughafen in Rom abholen. Doch er wartet vergeblich. Schließlich erreicht ihn eine kurze SMS, Luna sei krank und nicht reisefähig. Der 42-Jährige erinnert sich: "Daraufhin habe ich sofort versucht, Lunas Mutter zu erreichen, und die Familie der Mutter. Aber es hat sich keiner gemeldet, niemand hat auf meine Anrufe reagiert. Und da ist mir fast schlecht, schwindelig geworden, weil ich gemerkt habe, irgendwas passiert hier gerade, irgendwas Unglaubliches in meinem Leben."

Luna wurde entführt - von der eigenen Mutter. Für Peter Tinnemann bricht eine Welt zusammen, er weiß nicht, was er tun soll. Er fährt alle Orte ab, an denen er Luna vermutet, alarmiert die Behörden, wendet sich an die Öffentlichkeit. Doch Lunas Mutter ist ihm immer einen Schritt voraus. Sie will vermeiden, dass Peter Tinnemann Luna noch einmal sieht. Die internationale Suche nach seiner Tochter ist für den Berliner Tropenarzt seither zum Lebensinhalt geworden.





Christina Müller wird als Kind entführt

Für Harald Weisker, den Vorsitzenden des Vereins für vermisste Kinder, ist die Geschichte von Peter Tinnemann und Luna kein Einzelfall. Er kennt die Gründe, warum Eltern ihre Kinder verschleppen: "Einer der ganz großen Beweggründe ist Rache. Eine Beziehung funktioniert nicht, man kann dem andern auf andere Art und Weise vielleicht nicht mehr so weh tun, wie man das gerne möchte, aber ein Kind als Keule zu benutzen, das funktioniert immer wunderbar. Und da werden die Kinder instrumentalisiert."
Christina Müller weiß, wie sich das als Kind anfühlt, von einem Elternteil gegen den eigenen Willen getrennt zu werden. Mit sieben Jahren wird sie von ihrem deutschen Vater aus Neuseeland entführt, ebenso ihre drei Brüder. Christina Müller ist heute 39, lebt mit Mann und Kindern in Oldenburg. Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los, sie sagt: "Mein Vater hat mir meine Kindheit geklaut."

Am Schlimmsten war es für sie und ihre Brüder, dass ihr Vater ihnen eine ungeheuerliche Lüge über die Mutter erzählte: "Er hat gesagt, dass sie uns im Stich gelassen hat und dass sie uns Kinder nicht mehr sehen möchte, dass sie nichts mehr mit uns zu tun haben will. Das war schrecklich, weil irgendwann glaubt man das ja auch."

Die ganze Wahrheit über die Entführung erfährt Christina Müller erst viele Jahre später. Erst jetzt begreift sie auch, dass ihre Mutter sie nie aufgegeben hat, sondern verzweifelt nach den Kindern gesucht hat. Harald Weisker sagt: "All dies führt langfristig mitunter zu massiven Schädigungen bei den Kindern. Häufig entwickeln sie selbst Bindungsintoleranzen, sind auffällig im psychischen Bereich bis hin zu Bulemie, Borderline-Syndrom, Depressionen und Suchtverhalten." Das Problematischste aber sei, dass sie später oft selbst große Schwierigkeiten hätten, sich auf einen Partner einzulassen.

Michael Klubschewsky entführt Leonie

Obwohl jedem Erwachsenen klar sein müsste, dass er mit einer Entziehung sein eigenes Kind schädigt, werden diese Taten dennoch begangen und tausende Kinder jährlich von den Eltern oder Verwandten entführt. Einer der Täter ist Michael Klubschewsky. Als er 2007 seine 18 Monate alte Tochter Leonie entführt, fühlt er sich im Recht. Auch heute, nach Verbüßung einer zweijährigen Haftstrafe, zeigt er keine Reue: "Ich bin verurteilt worden wegen Kindesentziehung, ich bezeichne das nicht als Straftat, ich hab das gemacht, was ein Vater tun muss, um seine Tochter aus den Verhältnissen der Mutter zu befreien." Obwohl er selbst schwerer Alkoholiker ist, gibt er die Schuld für die Entführung der Kindesmutter.

Seine Tochter Leonie darf Michael Klubschewsky seit der Verhaftung nicht mehr sehen. Dennoch sagt er, er würde die Tat notfalls wieder begehen, und: "Ich wusste, dass meine Tochter in den besten Händen ist. Es hat ein bisschen Angst immer mitgespielt, aber wir haben die schönsten acht Wochen unseres Lebens verbracht."

Wie geht es weiter? Peter Tinnemann bekommt einen Hinweis, dass sich seine Tochter in Guatemala aufhält, Christina Müller sucht ihre Mutter in Neuseeland und Michael Klubschewsky ist inzwischen wieder auf freiem Fuß und will das Sorgerecht für Leonie einklagen. Verfolgen Sie die Lebenswege von drei Menschen, die auf unterschiedliche Weise vom Entzug eines Kindes geprägt sind - in der hallo deutschland-Sendung "Die geraubten Kinder" am Samstag, 6. November, um 18 Uhr im ZDF!

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet