Neunjährige ertrinkt in Badewanne

Gegen die beiden 51-jährigen Stiefeltern war am Wochenende Haftbefehl erlassen worden, nachdem sie zugegeben hatten, das Pflegekind in den vergangenen Monaten mit Klebeband gefesselt zu haben, um es ruhig zu stellen. Die neunjährige Anna war mit zahlreichen Hämatomen am Donnerstag bewusstlos in der Badewanne gefunden worden und später im Krankenhaus gestorben.

Fesseln als Erziehungsmaßnahme

Die Fesselungen seien Erziehungsmaßnahmen gewesen, mit denen er und seine Frau sich vor dem Kind hätten schützen wollen, hatte der Stiefvater ausgesagt. Außerdem habe man das Mädchen vor Selbstverletzungen bewahren wollen. Ärztliche Berichte bestätigen, dass das Kind zu Autoaggressivität neigte.

Der Mann hatte zunächst ausgesagt, auch am Donnerstagabend sei Anna mit Klebeband gefesselt worden, um sie zu baden. Dabei hätten sich die Klebebänder gelockert und als Anna widerspenstig geworden sei, habe seine Frau das Kind unter Wasser gedrückt. Als sie bewusstlos geworden sei, hätten sie beide versucht, Anna zu reanimieren und den Notarzt gerufen. In der richterlichen Vernehmung am Samstag allerdings behauptete der Stiefvater, er sei es gewesen, der Anna untergetaucht habe. Die Frau bestreitet bisher jede Gewaltanwendung gegen das Kind. Nur teilweise räumt sie Fesselungen ein.

Vermittlung durch Jugendamt

Anna lebte seit zwei Jahren in der Familie in Bad Honnef. Das Jugendamt der Nachbarstadt Königswinter hatte das Kind in die Familie vermittelt. Die Überprüfung des Sachverhaltes sei noch in vollem Gange, hieß es in einer Stellungnahme der Stadt Königswinter vom Montag. Derzeit gebe es keine Erkenntnisse, die auf ein Fehlverhalten des Jugendamtes schließen ließen.

Die Deutsche Kinderhilfe hat Zweifel daran erhoben, ob es richtig war, Anna in einer Pflegefamilie unterzubringen. Autoaggression sei ein deutlicher Hinweis für eine massive Traumatisierung, sagte der Vorstandsvorsitzende der Organisation, Georg Ehrmann. Anna müsse schon erhebliche Gewalt- oder Missbrauchserfahrung durchgemacht haben. "Wenn die Autoaggression bei den Pflegeeltern anhält, ist die Pflegefamilie schlichtweg nicht der geeignete Ort für das Mädchen." Er stelle sich die Frage, warum das Mädchen nicht in einer speziellen stationären Einrichtung therapeutisch betreut worden sei, sagte Ehrmann.

Selbstverletzung als Ventil

Autoaggression, also Gewalt gegen sich selbst, ist eine Antwort auf großen seelischen Druck. Die Selbstverletzung stellt ein Ventil für Wut, Ohnmacht und ähnliche Gefühle dar. Vor allem Jugendliche neigen zu autoaggressivem Verhalten. Die Ursachen dafür sind vielfältig und deuten häufig auf eine psychische Störung, deren Auslöser in der Kindheit der Betroffenen zu finden ist. Vor allem traumatische Erlebnisse wie Missbrauch und Misshandlung gehören dazu, aber auch mangelnde Zuwendung, Vernachlässigung und instabile soziale Beziehungen. Typisch ist, dass die Betroffenen emotional nicht gefestigt sind. Sie reagieren sehr sensibel auf ihre Umwelt und neigen zu starken Gefühlsausbrüchen.

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