"Reset"-Knopf fürs Netz?

"Der kann mal seine Science-Fiction-Romane wieder einpacken", sagte Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs mit Blick auf den BDK-Vorsitzende Klaus Jansen. Selbstverständlich seien anonyme Räume im Netz notwendig. "Die Anonymität ist wichtig für die Meinungsbildung und die Informationsfreiheit."

BDK: Kanzleramt soll eingreifen

Jansen hatte Attacken auf die digitale Infrastruktur des Landes mit Atomangriffen verglichen und forderte neben der Ausweispflicht und "Verkehrsregeln" einen "Reset-Knopf für das Internet". Damit solle das Kanzleramt Deutschland im Ernstfall sofort vom Netz nehmen können. Diese Äußerungen bezeichnete Kurz als unsinnig. "Der Reset-Knopf ist eine lächerliche Schnapsidee", sagte sie. Damit würden sowohl die Menschen vom Informationsfluss abgeschnitten als auch die Wirtschaft generell ausgeschaltet. Die Kriminalitätsstatistik zeige zudem, dass Straftaten im Internet deutlich häufiger aufgeklärt würden als in der nicht-virtuellen Welt. Es sei gefährlich, das Netz als Gefahrenraum zu hysterisieren.

Schülerinnen per Webcam ausspioniert

Er hatte in einem 15-Punkte-Programm die Bundesregierung aufgefordert, "Verkehrsregeln" für das Internet zu schaffen. Es habe sich zum größten Tatort der Welt entwickelt, und die Bundesregierung verharre immer noch in der Zuschauerrolle. Es sei dringend erforderlich, "Spezialeinheiten für Computerkriminalität" in jeder Polizeibehörde einzurichten.

"Aufkleber auf die Linse"

Mit Blick auf mutmaßliche Hacker-Angriffe auf Webcams in Kinderzimmern unterstützte die CCC-Sprecherin Constanze Kurz jedoch Warnungen des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar vor manipulierten Geräten. Webcams seien durch klassische Spionageprogramme angreifbar, sagte Kurz. "Aber da gibt es ein ganz einfaches Hilfsmittel - ein Aufkleber über der Linse." Schaar hatte gesagt: "Dieser Vorfall verdeutlicht, wie Web-Kameras und andere Eingabegeräte manipuliert werden können. Es handelt sich um eine weithin unterschätzte Gefahr."

Hintergrund der Debatte ist, dass ein Hacker aus dem Rheinland in die Computer von mindestens 150 Schülerinnen eingedrungen sein soll. Dort soll er die Mädchen über Webcams ausspioniert haben. Als die Polizei den Mann festgenommen habe, seien auf dessen Rechnern mehrere Videos aus Kinderzimmern gelaufen, schrieb das "Westfalen-Blatt" aus Bielefeld am Freitag. Die Staatsanwaltschaft Aachen bestätigte die Ermittlungen.

Attacke nach Schulvortrag aufgedeckt

Die Spähattacke aufgedeckt hat Thomas Floß vom Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands (BvD). Der Elektrotechniker aus dem westfälischen Versmold hält in Schulen regelmäßig Vorträge, um Kinder und Jugendliche für den Datenschutz zu sensibilisieren. "Zwei Mädchen erzählten, dass die Kontroll-Leuchte an ihren Webcams nicht ausgeht", erklärte Floß.

Als der Experte die Computer untersuchte, entdeckte er schädliche Programme - sogenannte Trojaner -, die im Hintergrund die Geräte manipulierten. Die Software habe der Täter über den Chat-Dienst ICQ verbreitet: Zunächst knackte er das Nutzerkonto eines Schülers, das nur von einem schwachen Passwort geschützt war. Dann versandte er von dessen Adresse aus einen als Bildschirmschoner getarnten Trojaner an die Mitschüler. Wer die Datei öffnete, hatte die Software auf dem Rechner, so Floß.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Experte konnte die Spur ins Rheinland zurückverfolgen und erstattete Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt. "Eine Person steht in Verdacht, unerlaubt Computer mit Schadprogrammen ausspioniert und Webcams manipuliert zu haben", sagte ein Sprecher. Zur Zahl der Opfer äußerte er sich nicht. Das "Westfalen-Blatt" berichtete, 150 Schülerinnen seien betroffen, darunter 60 aus dem Kreis Gütersloh.

Der Täter hatte es vor allem auf Mädchen abgesehen - Jungen seien nur selten betroffen, berichtete Datenschützer Floß. Er geht davon aus, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. "Ich habe 50 bis 60 Schulen besucht - jedes Mal hat sich mindestens eine Schülerin gemeldet, bei der solch ein Problem aufgetreten ist. Und viele andere trauten sich nicht, davon zu sprechen."

Bosbach fordert Aufklärung


Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), verlangte angesichts des Vorfalls eine konsequente Verfolgung von Straftaten im Internet. "Deshalb ist die Aufklärung gerade von Kindern und Jugendlichen über die Gefahren des Internets so wichtig. Straftaten im Netz müssen konsequent verfolgt werden, auch um Nachahmer abzuschrecken."

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner erhob derweil erneut schwere Vorwürfe gegen den Betreiber des Internetnetzwerks Facebook. "Facebook ist zu einem Einwohnermeldeamt für die ganze Welt geworden", sagte die CSU-Politikerin dem Nachrichtenmagazin "Focus". Die Firma lasse eine Software entwickeln, um Kontaktdaten von iPhones-Mobiltelefonen direkt auf Facebook zu übertragen. "Wenn meine engsten Mitarbeiter beispielsweise ihr iPhone synchronisieren würden, landet meine geheime Handynummer samt Mail-Adresse bei Facebook, ohne dass ich es erfahre." Im Verbraucherschutzministerium hätten sich Ärzte, Psychologen und Anwälte gemeldet, die bestürzt seien über diesen Datenabgleich.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet