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An sich selbst gescheitert

Kommentar zum Rücktritt von Jürgen Klinsmann bei Hertha

von Thomas Skulski

Er hat hingeworfen bei Hertha. Bei seinem "Big City Club", jenem eher grauen Hauptstadt-Verein, den er selbst zum "interessantesten Projekt" im europäischen Fußball erklärt hatte.

1 min
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11.02.2020
11.02.2020

Der Rücktritt als Trainer, bezeichnenderweise kundgetan auf seinem persönlichen Account bei facebook, kommt überraschend für alle, vor allem aber für die Verantwortlichen bei Hertha BSC. Keine gemeinsame Erklärung, kein Abstimmen mit dem Verein, stattdessen ein Schlag ins Gesicht all jener, mit denen er bisher angeblich so vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte.

Fragwürdiges Verantwortungsbewusstsein

Gerade im Abstiegskampf seien „Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente“, schreibt Klinsmann, und seien „die nicht garantiert, kann ich mein Potential als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden“. Dabei, so ist zu hören, sei er zuvor durchaus bereit gewesen, über den Sommer hinaus Trainer zu bleiben, hätte dafür allerdings mehr Geld und mehr Macht, nach Art eines Teammanagers in England, eingefordert. Die mehr als 200 Millionen Euro, die Investor Windhorst in den Verein pumpen will, hätten ja durchaus Spielraum geboten …

Jürgen Klinsmann beweist damit erneut, dass er letztendlich sich selbst der Wichtigste ist. Ambitioniert wie kaum ein anderer, mit aufgesetzten Sprüchen aufwartend, stets Optimismus versprühend, Macht und Geld, und das nicht zu knapp, einfordernd - alles nicht ungewöhnlich für die großen Macher der Szene. Jetzt aber, auf halbem Wege und sobald Probleme auftauchen, hinzuschmeißen, spricht nicht für ihn. Wer, bitteschön, der sich wirklich verantwortlich fühlt für ein solches Projekt, handelt so? Und nein, wer so handelt, kann auch kein Aufsichtsrat mehr sein oder wieder werden.

Personelle Rochaden

Dabei hat Klinsmann die Hertha auf einen eigentlich hochspannenden, nun aber gefährlichen Weg geschoben. Mit Kalou und Ibisevic hat er ältere, verdiente Spieler aussortiert; ausgerechnet jene, die in den letzten Jahren nicht wenige der Hertha-Tore erzielt hatten. Von jenen, die statt derer treffen sollten, sind mit Selke (Bremen) und Duda (Norwich) die ersten inzwischen auch schon weg. Ein Eigengewächs wie Arne Meier hatte es schwer bei Klinsmann, der U21-Nationalspieler hatte gar überlegt, zu wechseln im Winter. Torwarttrainer Zsolt Petry, der einen guten Draht zu den Torhütern hatte, war gleich bei Klinsmanns Amtsantritt von seinen Aufgaben entbunden worden. Wer da einen Zusammenhang mit Petrys einst geäußerter Kritik am jungen Torhüter Jonathan Klinsmann, dem Sohn des nun neuen Trainers herstellte – kein Schelm, der Böses dabei denkt...

„Was tun?“ muss sich Michael Preetz nun fragen. Wie bringt er jetzt den mit Klinsmann eingeschlagenen neuen Weg und den Alltag des Abstiegskampfes zusammen. Fast 80 Millionen sind allein im Winter in spielbegabte Neuzugänge geflossen. In eine Zukunft, die es zeitnah möglicherweise nicht gibt. Soviel Geld hatte die alte Hertha einst nicht einmal über zehn Jahre verteilt in Neuzugänge investieren können. Eine gewachsene Hierarchie in der Mannschaft gibt es nicht mehr. Das Projekt „Big City Club“ droht zur großen Lachnummer zu werden. Dank Jürgen Klinsmann. Der weltweite Netzwerker hat sich im Berliner Westend gründlich verheddert. Und dabei viele Sympathien verspielt. Die Hauptstadt sagt: Schönen Dank auch, Jürgen Klinsmann!

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