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100 Jahre Arbeiterwohlfahrt - Wo der AWO heute der Schuh drückt

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Vor 100 Jahren ist die Arbeiterwohlfahrt gegründet worden - sie sagt von sich, einiges bewirkt zu haben. Heute steht sie allerdings vor einem ähnlichen Problem wie die SPD.

Mehr als 300.000 Menschen sind deutschlandweit Teil einer Organisation, die Marie Juchacz zusammen mit anderen am 13. Dezember 1919 gründete: Sie sind Mitglieder der Arbeiterwohlfahrt - kurz: AWO. Wolfgang Stadler blickt mit Stolz zurück auf die vergangenen 100 Jahre. "Unsere Gründerin wäre sicherlich angetan von dem, was die AWO bis heute erreicht hat. Wir leben inzwischen in einem sozialen Rechtsstaat, der vom Grundgesetz bis in die Fachgesetze hinein deutliche AWO-Handschrift trägt", sagt der aktuelle Vorsitzende des Vorstandes des AWO Bundesverbandes.

Eigene Akzente und innovative Politik

Auch Wolfgang Schroeder hebt die AWO als "wertvollen, engagierten und innovativen gesellschaftlichen Akteur hervor". Für den Politologen der Universität Kassel ist der SPD-nahe Wohlfahrtsverband aber auch Ausdruck der Krise der Sozialdemokratie: "Genau wie die SPD konnte sich auch die AWO bislang nicht so erneuern, wie es angesichts des Strukturwandels der Gesellschaft notwendig wäre. Das heißt: Wie kann man das Verhältnis zwischen enger Milieuorientierung und Öffnung gegenüber neuen Gruppen, Lebenslagen und Motivationen verändern."

Die AWO muss sich ein Stück weit von der SPD emanzipieren.
Wolfgang Schroeder, Politologe

Der Gesellschaftswissenschaftler ist überzeugt: "Die AWO muss sich ein Stück weit von der SPD emanzipieren und sich durch eigene Akzente und eine innovative Politik im Sinne der sozialen Demokratie weiterentwickeln. Als verstaubter Wurmfortsatz der SPD hätte die AWO keine große Chance. Sie muss über parteiliche Milieugrenzen hinauskommen und sich stärker an junge Menschen wenden, die sich ohne diese Vorerfahrungen für andere Menschen einsetzen wollen."

Kein Auslaufmodell?

Wolfgang Stadler, selbst seit mehr als 40 Jahren bei der AWO tätig, ist überzeugt, dass sein Wohlfahrtsverband auch in den nächsten 100 Jahren kein Auslaufmodell sein wird: "Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, statt kleiner. In dieser Hinsicht sind wir genauso gefragt, wie in Bezug auf ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander, das von Toleranz und Akzeptanz geprägt ist. Wir müssen dafür den Menschen, die mit einem anderen kulturellen Hintergrund zu uns kommen, die notwendige Hilfestellung geben, sich integrieren zu können."

Eine der größten Herausforderung für die Arbeiterwohlfahrt sieht Wolfgang Stadler in der Gewinnung von Fachkräften, vor allem im pflegerischen Bereich. "Wir brauchen zum einen endlich einen vernünftigen Rahmen für eine angemessene Entlohnung. In der Tradition unserer Gründerin müssen wir weiter Einfluss auf die Sozialgesetzgebung nehmen. Vor allem aber muss die Arbeit am Menschen genauso wertgeschätzt werden, wie wenn jemand an einem Motor oder an einer Maschine arbeitet", betont er in Richtung Politik. Deutliche Worte findet er zugleich aber auch für den eigenen Verband.

Ein überschatteter Geburtstag

Zweifelhafte Geldströme zwischen den AWO-Kreisverbänden Frankfurt am Main und Wiesbaden, üppige Gehaltszahlungen sowie unrechtmäßige Abrechnungen von Kosten für zwei Flüchtlingsheime überschatten die Geburtstagsfeierlichkeiten. Der langjährige Geschäftsführer Jürgen Richter hat deshalb mittlerweile seinen sofortigen Rücktritt eingereicht. "Sollten die Vorwürfe nicht entkräftet werden, müssen diejenigen, die verantwortlich sind, unmittelbar ihre Konsequenzen ziehen. Das ist für uns nur schwer auszuhalten, denn das ist nicht die Arbeiterwohlfahrt", so Wolfgang Stadler.

Hier sieht auch Wolfgang Schroeder, der Kasseler Politologe, Handlungsbedarf: "Die Vorkommnisse sind gerade für gemeinwohlorientiertes Engagement sehr abschreckend und zeugen von vorhandenem Reformbedarf. Wer will sich freiwillig engagieren, wenn er selbst wenig Geld hat und sich von seiner Zeit einiges abknapst, wenn er gleichzeitig mitbekommt, dass sich die Spitzenpersonen die Taschen vollstopfen." Der Politologe appelliert deshalb, im Rahmen des Jubiläums nicht nur die großen Verdienste der AWO in den Mittelpunkt zu stellen:

Der 100. Geburtstag sollte auch genutzt werden, um auf die Schattenseiten zu blicken und mutige Impulse zu setzen, um die Missstände mit aller Härte abzustellen.
Politologe Wolfgang Schroeder

"Die Verantwortlichen sind gut beraten, die vorhandenen Strukturen genau unter die Lupe zu nehmen und zu zeigen, dass die Vorkommnisse keinesfalls Teil der AWO-DNA sind", sagt Schroeder. Er ist überzeugt: "Die AWO ist für unsere Gesellschaft eine wichtige Organisation und sie wird zukünftig noch mehr gebraucht, wenn sie sich reformiert und sich an den eigenen sozialethischen Grundsätzen orientiert."

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