Bauhaus: Bauten nicht nur für die Reichen

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100 Jahre Kunstschule - Bauhaus: Bauten nicht nur für die Reichen

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Deutschland feiert das Bauhaus-Jubiläum. Das Erbe verpflichte, nicht nur für Reiche, sondern für die Massen zu bauen, sagt Thomas Schleper von der Uni Wuppertal im ZDF-Interview.

heute.de: Das Ruhrgebiet gilt nicht gerade als Architektur-Perle. Betreiben Sie Etikettenschwindel, wenn Sie auf das Bauhaus-Jubiläum aufspringen?

Thomas Schleper: Die großen Stars der Moderne stehen zweifellos in Dessau und Weimar. Aber diese Ikonen haben eine Vorgeschichte und eine Nachgeschichte. Um diese Kontexte geht es. Alle Bundesländer sind eingeladen, einen Beitrag zum Bauhaus-Jubiläum zu leisten. In NRW geht es vor allem darum, die Bezüge zur Weimarer Republik zu zeigen. 1919 war viel im Umbruch. Es gab eben nicht nur Babylon Berlin, sondern auch Babylon Köln, Essen oder Dortmund.

Thomas Schleper
Prof. Dr. Thomas Schleper lehrt an der Uni Wuppertal und vertritt den Landschaftsverband Rheinland im Projekt "Bauhaus 100 im Westen".
Quelle: privat

heute.de: Zum Beispiel?

Schleper: Die Bauhaus-Idee ist in Weimar nicht vom Himmel gefallen. Es gab schon vor dem Ersten Weltkrieg Entwicklungen, etwa in Breslau, aber auch in Düsseldorf oder Hagen. Namen wie Karl Ernst Osthaus, Peter Behrens oder selbst Walter Gropius haben hier gewirkt und später ihre Ideen in Weimar realisiert. Selbst in Westfalen, wo viele zunächst wenig Bauhaus vermuten, haben Denkmalpfleger noch einmal nachgeschaut: Da gibt es auch Neues Bauen und Sachlichkeit, es wurde nur vielfach überbaut.

heute.de: Wer Bauhaus sucht, findet also Bauhaus?

Schleper: Uns geht es um die Vielfalt des Bauhaus-Erbes, aber auch um eine kritische Auseinandersetzung. So ist nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland das Bauhaus genutzt worden, um damit für die Westbindung zu werben und für die Demokratie. Die dunklen Seiten wurden oft ausgeblendet.

heute.de: Welche dunklen Seiten hatte das Bauhaus?

Unter den Nazis musste das Bauhaus schließen, viele Bauhaus-Künstler wurden von den Nazis verfolgt und mussten emigrieren.
Prof. Dr. Thomas Schleper

Schleper: Unter den Nazis musste das Bauhaus schließen, viele Bauhaus-Künstler wurden von den Nazis verfolgt und mussten emigrieren. Aber es gibt auch Bauhaus-Leute, die sich den Nazis angedient haben. Hans Ertl etwa hat Pläne für KZ-Baracken geliefert. Die Nazis haben Bauhaus-Architekten auch Flugzeughallen bauen lassen. Selbst Mies van der Rohe hat Hakenkreuzfahnen gezeichnet. Oder nehmen Sie das Thema Emanzipation der Frau: Die Bauhaus-Leute haben zwar Frauen offiziell eingeladen, wirklich gleichberechtigt, wie die Weimarer Verfassung sagte, waren die aber in der Reformschule nicht.

heute.de: Ihrem Projekt "Bauhaus 100 im Westen" geht es auch um "kulturelle und politische Aufklärungsarbeit". Was meinen Sie damit?

Schleper: Ohne die Weimarer Republik hätte es wohl kein Bauhaus gegeben, denn die Republik hat die Freiheit der Künste beschert und als Sozialstaat ein Wohnungsprogramm für die Vielen aufgelegt. Bauhaus war ein Versuch von vielen, Kunst mit dem Leben zu verbinden - also Gestaltungsarbeit in der Industriegesellschaft neu zu denken und die ästhetische Moderne mit der technischen und politischen zu kombinieren.

heute.de: So richtig gelungen ist das aber nicht.

Schleper: Es ist nicht gelungen, für ein Existenzminium ausreichend Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Der Funktionalismus des Bauhauses hat später den Bauwirtschaftsfunktionalismus hervorgebracht. Aus minimalen Ansprüchen sind später furchtbare Wohnsiedlungen entstanden. Auf ökologischer Seite ist baulich auch viel falsch gemacht worden.

heute.de: Was ist von den Bauhaus-Ideen außer teurem Design geblieben?

Schleper: Das Bauhaus wollte für die Massen bauen und gestalten. Bauhaus wurde aber zu einem Markenartikel stilisiert. Das ist eine Verkehrung der Idee, gerade aus heutiger Sicht, wir brauchen schließlich mehr bezahlbaren Wohnraum. Wie schaffen wir es, für ausreichend sozialen Wohnungsbau zu sorgen? Warum wird vor allem für die Wohlhabenden gebaut? Warum gelingen uns keine radikalen Ideen mehr? Das sind Fragen, die wir gerade im Jubiläumsjahr diskutieren müssen.

heute.de: Und welche Antworten gibt es darauf?

Schleper: Gropius hat vom großen gemeinsamen Bau gesprochen. Heute bedeutet das vielleicht: Nicht nur an den Bau eines Hauses zu denken, an eine Siedlung oder eine Region, sondern an die ganz großen Zusammenhänge. Wir müssen das Klima und einen bewohnbaren Planeten retten. Da spielt die Frage, wie wir leben, eine zentrale Rolle. Wir haben heute mehr Möglichkeiten als 1919, aber vielleicht auch komplexere Sorgen. Das Bauhaus verspricht da eine große Utopie.

heute.de: Aber das Zeitalter der Utopien ist vorbei.

Vom Bauhaus-Enthusiasmus können wir uns eine dicke Scheibe abschneiden.
Thomas Schleper

Schleper: Es gab nach dem Ersten Weltkrieg die Bereitschaft, die Welt neu zu denken und die Lebensverhältnisse unter demokratischen Verhältnissen gestalterisch zu verbessern. Das war eine Aufbruchsstimmung voller Zuversicht. Heute wollen wir Vieles so lassen wie es ist, es könnte sonst ja noch schlimmer kommen. Vom Bauhaus-Enthusiasmus können wir uns eine dicke Scheibe abschneiden.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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