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Kampf um Gleichstellung - "Es gibt noch viel zu tun"

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Vor 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Seither wurde bei der Gleichstellung viel erreicht, doch noch nicht genug, sagt die Historikerin Gisela Notz zum Weltfrauentag.

Archiv: Demonstration für Demokratie und Frauenrechte in Berlin, aufgenommen am 21.02.2018
Demonstration für Demokratie und Frauenrechte am 21. Februar 2018 in Berlin. Quelle: imago

heute.de: Am 12. November 1918 wurde in Deutschland das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Dies ist zwar inzwischen Selbstverständlichkeit, dennoch sind Frauen in vielen Bereichen noch immer benachteiligt. Im aktuellen Bundestag sitzen beispielsweise nur etwa 30 Prozent Frauen. Wie steht es heute, 100 Jahre später, um die Gleichstellung der Geschlechter?

Gisela Notz: Es war ein harter Kampf, bis das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Bei der Erzählung ist verlorengegangen, dass die bürgerliche Frauenbewegung eigentlich etwas ganz anderes wollte. Die sozialistischen Frauen wollten das allgemeine, gleiche Wahlrecht für Mann und Frau. Schließlich wurde erreicht, dass das Wahlrecht für alle gelten soll und nicht nur das Drei-Klassen-Wahlrecht, das manche bürgerlichen Frauen erstreiten wollten.

Heutzutage ist die Gleichstellung immer noch nicht ganz erreicht, obwohl vieles durchgesetzt wurde. Es hapert immer noch daran, dass Frauen weniger verdienen und auf den unteren hierarchischen Ebenen sind. Auch wird immer noch davon ausgegangen, dass die Familie nach alten Mustern funktioniert - der Vater bringt das Geld nach Hause, und die Mutter ist zu Hause und für die Sorgearbeit zuständig. Viele Frauen haben entweder mehrere prekäre Arbeitsverhältnisse oder sind nach wie vor abhängig vom Ehemann. Da gibt es noch viel zu tun.

heute.de: Was halten Sie von Maßnahmen wie einer Frauenquote, um die Gleichstellung voranzutreiben?

Notz: Eine Frauenquote wirkt dem nicht unmittelbar entgegen, da es eine Quote ist, die vor allem privilegierte Frauen in den höheren Ebenen betrifft. Ob sich damit für die Frauen auf den unteren Ebenen etwas ändert, wird sich zeigen, dazu fehlen uns bis jetzt Studien. Gegen die Forderung kann man aber nichts sagen, denn es gibt keinen Grund dafür, dass gut ausgebildete Frauen, die den Männern in dem, was sie können, ebenbürtig sind, nicht auch die Hälfte der Führungsposten besetzen sollten, solange die Hierarchien so sind, wie sie sind. 

heute.de: Feministischen Kämpfen wird immer wieder vorgeworfen, sie würden zu Ungunsten der Männer geführt. Ist an diesem Vorwurf etwas dran?

Notz: Es ist nicht das Anliegen der Frauen, gegen die Männer zu kämpfen, sondern es wurde schon immer erwartet, dass auch die Männer Vorteile hätten, wenn sie auch auf den höheren Ebenen mit Frauen zusammenarbeiten. Natürlich müssen Männer auch Federn lassen, wenn die Frauen ihre Rechte durchsetzen. Die sozialistischen Frauen wollten schon früher "Schulter an Schulter" mit den Männern ihrer Klasse für eine bessere Gesellschaft kämpfen. Das ist auch heute noch so. Bei den Bewegungen der jungen Menschen, die heutzutage auf die Straße gehen, beispielsweise für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 219a, sind auch Männer dabei.

Hintergrund: Internationaler Frauentag

heute.de: Auch die #MeToo-Debatte prägt derzeit den gesellschaftlichen Diskurs. Wie bewerten Sie diese?

Notz: Die Debatte bricht ähnlich wie die, die Gewalt gegenüber Frauen in den 70er Jahren öffentlich gemacht hat, ein Tabu. Das alleine reicht nicht aus, man muss sich auch die Strukturen anschauen, die immer wieder zu diesen patriarchalen Übergriffen führen. Das Prinzip, dass Frauen sich trauen, solche Fälle an die Öffentlichkeit zu bringen und so auch Solidarität erfahren, finde ich richtig. Doch die individuelle Erfahrung muss in eine gesellschaftliche Debatte übergehen.

heute.de: Zum internationalen Frauentag wird an vielen Orten demonstriert. In Erinnerung an den Kampf um Gleichberechtigung Anfang des 20. Jahrhunderts wird der heutige Tag auch "Frauenkampftag" genannt. Ist eine kämpferische Form der Auseinandersetzung mit dem Thema noch angemessen?

Notz: Auf jeden Fall. Ich bin total froh, dass der Begriff Frauenkampftag seit einigen Jahren wieder genutzt wird und die Frauen ihren Protest gegen die Ungerechtigkeit auf die Straße tragen. Denn der Rechtsruck in der Gesellschaft ist nicht nur in der AfD zu finden, sondern auch bei den selbsternannten "Lebensschützern" und anderen konservativen Kreisen. Dass dieser Protest auf die Straße getragen wird, ist sehr wichtig. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob der internationale Frauentag zu einem zweiten Muttertag verkommen wäre. Das ist jetzt anders - an vielen Orten finden Veranstaltungen und Demonstrationen statt - wie 1910 zum ersten Frauentag.

Das Interview führte Sarah Ulrich

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