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100 Jahre Friedrichstadt-Palast - Intendant will mit Schönheit schockieren

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"Wir sind die Speerspitze der gesellschaftlichen Entwicklung", so Intendant Berndt Schmidt. Was das konkret heißt? Für Demokratie einstehen und unperfekt perfekt sein.

Girlreihe der Eröffnungsproduktion „Premiere Friedrichstr. 107“ im April 1984
Show zur Wiedereröffnung "Premiere Friedrichstr. 107" am 24. April 1984
Quelle: Archiv Friedrichstadt-Palast

In der Friedrichstraße 107 steht das zuletzt gebaute, aber prachtvollste Gebäude der DDR – der Friedrichstadt-Palast. Jahrelang ein Muss für Kulturbegeisterte und auf vielen Touristentouren ganz oben auf der Sightseeing-Liste. Aber wie steht es um den Friedrichstadt-Palast heute? Er sei ein fragiles Wunder, das man bewahren müsse – so beschreibt es Intendant Berndt Schmidt im ZDF-Interview.

heute.de: Was ist das Geheimrezept für 100 Jahre Friedrichstadt-Palast?

Berndt Schmidt: Da gab es gar kein Rezept, das war wirklich Glück. Das Haus war oft kurz davor, dass ihm das Lebenslicht ausgeblasen wurde – es ist wirklich ein Wunder, dass es bis heute durchgehalten hat. Und dieses Wunder gilt es zu bewahren, aber der Friedrichstadt-Palast ist fragil, wie jede Kulturinstitution.

heute.de: Kritiker sagen, es gehe beim Friedrichstadt-Palast nicht mehr um die Geschichte, sondern nur noch um die Show. Um was geht es Ihnen?

Schmidt: Es kommt darauf an, wer das kritisiert und ob er das richtige Besteck anwendet. Wenn ich in ein italienisches Restaurant gehe und mich beschwere, dass sie Nudeln und Pizza auf der Karte haben, dann habe ich falsch kritisiert. Wir haben immer schon Revuen gezeigt, und Revuen waren immer schon Bildergeschichten – deswegen auch der Begriff Revue passieren lassen: Sich Bilder in Erinnerung holen und sie schauspielerisch bearbeiten. Also wer heute sagt, dass Revue keine Geschichte hat, verwechselt uns mit Musical.

heute.de: Der Medien- und Kulturkonsum wird immer digitaler, die junge Zielgruppe ist es nicht mehr gewohnt, ins traditionelle Theater zu gehen. Wie relevant ist der Friedrichstadt-Palast heute noch?

Schmidt: Es ist wichtig, Bühnenerlebnisse in die Erlebniswelt von jungen Menschen zu bringen und es ist richtig, dass Theaterbühnen teilweise gar nicht mehr dazu gehören. Ich glaube nicht, dass sie bewusst gemieden werden, sondern sie sind einfach nicht mehr auf dem Schirm der jungen Leute, im wahrsten Sinne des Wortes.

heute.de: Das heißt, die Zukunft des Theaters ist gefährdet?

Schmidt: Ich mache mir um das Theater an sich keine Sorgen, es ist etwas Besonderes, dem Moment beizuwohnen, der dort entsteht. Das ist beim Fernsehen etwas anderes – da weiß ich, es ist so lange geschnitten und bearbeitet worden, bis der Effekt so ist, wie man ihn wollte.

heute.de: Aber im Theater wird doch auch inszeniert und man feilt so lange, bis die Show perfekt ist.

Schmidt: Ja, aber dann ist es eben doch nicht perfekt – einer verspricht sich, ein anderer hat seinen Text vergessen, das Mikrofon fällt aus, und nicht jede Artistik funktioniert jeden Abend. Im Fernsehen oder Film kann Artistik nicht spannend sein, denn wenn sie nicht perfekt ist, wird so lange gedreht, bis sie perfekt ist.

heute.de: Gründer Max Reinhardt wünschte sich ein Theater, das den Menschen wieder Freude bringt. Erfüllen Sie ihm diesen Wunsch?

Schmidt: Wir wollen die Leute entführen aus ihrem grauen Alltag in eine Welt, die idealer scheint als sie ist. Die Menschen sollen eine Art Energiedusche kriegen und strahlend wieder raus gehen. Aber trotzdem entziehen wir uns nicht unserer Umwelt und dem, was um uns herum passiert – deswegen sind wir sicher auch mal etwas politischer, aber wir sind kein politisches Theater.

Vicky Leandros im Kessel Buntes im Friedrichstadt-Palast, 1970er Jahre
Vicky Leandros im Kessel Buntes im Friedrichstadt-Palast, 1970er Jahre
Quelle: Foto Siegfried Stolpmann, Archiv Friedrichstadt-Palast

heute.de: Sie haben sich schon sehr früh von der Partei "Die Alternative für Deutschland" distanziert. Daraus entstand eine Diskussion, ob Theater Themen wie Rassismus und Rechtsextremismus behandeln darf. Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Wenn Theater keine Subventionen dafür kriegen, um die Aushöhlung der Demokratie und der Freiheit zu bekämpfen, dann weiß ich auch nicht, für was wir unser Geld kriegen.
Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes

Schmidt: Ja, das habe ich: Wenn nicht Theater, wer zum Teufel denn dann? Wir sind die Speerspitze der gesellschaftlichen Entwicklung und da müssen solche Dinge beobachtet und beantwortet werden. Wenn Theater keine Subventionen dafür kriegen, um die Aushöhlung der Demokratie und der Freiheit zu bekämpfen, dann weiß ich auch nicht, für was wir unser Geld kriegen. Insofern ist meine Antwort ganz klar: Wir dürfen nicht nur, wir müssen es auch.

Nachrichten | heute journal - Streit um das Theater

von Christhard Läpple
Videolänge:
2 min

heute.de: Der Friedrichstadt-Palast ist nach wie vor die größte Bühne der Welt. Wird er das in 100 Jahren immer noch sein?

Schmidt: Ich glaube, es gibt wenig Anreize, eine größere Bühne zu bauen. Die Kapitalisten in Amerika werden es nicht machen, denn je größer die Bühne ist, desto weniger Sitzreihen kriegt man rein und jeder Sitz bedeutet ein Ticketpreis. Außerdem muss eine große Bühne auch befüllt werden, damit steigen automatisch die laufenden Kosten. Aber wer weiß, in China gibt es Städte, die wir nicht kennen, obwohl sie 20 Millionen Einwohner haben.

heute.de: Sie scheinen sich Ihrer Sache ziemlich sicher zu sein.

Es provoziert niemanden mehr, wenn auf der Bühne uriniert oder gekackt wird. Deswegen denke ich, dass es heutzutage das Provokativste und Schockierendste sein kann, Schönheit auf der Bühne zu sehen.
Berndt Schmidt

Schmidt: Wir bekennen uns zu Schönheit, und das ist für viele sehr provokativ, deswegen sagen auch viele, es ist nicht wirklich Kunst, was wir hier machen. Auf manchen Bühnen überbietet man sich geradezu, wer noch pessimistischer und vernichtender etwas darstellt. An manchen Sachen hat man sich schon satt gesehen – es provoziert niemanden mehr, wenn auf der Bühne uriniert oder gekackt wird. Deswegen denke ich, dass es heutzutage das Provokativste und Schockierendste sein kann, Schönheit auf der Bühne zu sehen und das machen wir.

heute.de: Was wünschen Sie sich für Ihr Theater?

Schmidt: Ich wünsche mir, dass uns die Menschen weiter tragen – nur so sind wir durch die letzten 100 Jahre gekommen. Das darf nicht abreißen. Ich höre oft "auf die nächsten 100 Jahre", als ob es selbstverständlich wäre, aber das ist es nicht.

Das Interview führte Jenifer Girke. Hier können Sie ihr auf Twitter folgen: @JeniferGirke

Die Geschichte des Friedrichstadt-Palastes

Was mir vorschwebt, ist ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt.
Max Reinhardt im Jahr 1901

"Was mir vorschwebt, ist ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt." So formulierte es der Theaterkünstler Max Reinhardt - 18 Jahre, bevor er den Friedrichstadt-Palast gründete. Hinter dem Theater verbirgt sich eine Geschichte aus Talenten, Umbrüchen, Existenznöten und der Eigenschaft, sich immer wieder neu zu erfinden.

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