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100 Jahre Friedenskonferenz Paris - "Mäßigung im Moment des Sieges zielführend"

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Die Welt hat viele Krisenherde, die diplomatisches Geschick erfordern. Dazu gehöre die Kunst, gegen Emotionen zu agieren, sagt Historiker Neitzel. Vor 100 Jahren ging das schief.

Unterzeichnung der Pariser Friedensverträge
Unterzeichnung der Pariser Friedensverträge
Quelle: imago

heute.de: Länder aus der ganzen Welt kamen vor 100 Jahren in Paris zusammen und diskutierten über die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges. Kann so etwas funktionieren?

Sönke Neitzel: Man kann einen Weltkrieg nur beenden, wenn man die Welt einbezieht. Die Entente-Mächte hatten ein großes Interesse, dass möglichst viele Länder gegen Deutschland und die Verbündeten kämpfen - sei es militärisch oder wirtschaftlich. Also müssen die bei der Friedenskonferenz irgendwie auch eine Rolle spielen. Aber vieles war reine Staffage.

heute.de: Staffage?

Neitzel: Ländern wie Guatemala war klar, dass sie keine große Rolle spielen werden, weil deren Beitrag im Weltkrieg vernachlässigbar war. Letztlich spielte die Welt in Paris keine entscheidende Rolle, sondern dreieinhalb Länder: Frankreich, die USA, Großbritannien und ein bisschen noch Italien. Vor allem die Franzosen haben ihre Interessen stark durchgesetzt. Allein schon der Tagungsort: Nicht auf neutralem Boden in Genf, sondern in Paris.

heute.de: War das ein Kernproblem?

Neitzel: Wir können heute natürlich alles kritisieren und sagen: Wie blöd waren die eigentlich? So wie Menschen in hundert Jahren vielleicht sagen werden: Wie blöd war das Minsker Abkommen von 2015? Es gab aber gute Gründe, warum die Konferenz nach dem Ersten Weltkrieg so organisiert wurde.

Die Größe der Konferenz sehe ich nicht als Problem, sondern die Emotionalität. Fürst Metternich hatte es auf dem Wiener Kongress 1815 viel einfacher: Er konnte klassisch nach den Regeln der Diplomatie verhandeln. Das war nach dem Ersten Weltkrieg anders.

heute.de: Worin liegt der entscheidende Unterschied?

Neitzel: Dass wir es mit Demokratien zu tun haben, die vier Jahre Hasspropaganda hinter sich hatten. Wenn ich den Feind vier Jahre lang zum Dämon mache und sage: Das sind Hunnen, das sind Barbaren, dann kann ich mich mit denen nicht einfach an den Tisch setzen und rational verhandeln.

Die große Kunst der Diplomatie ist, gegen Emotionen zu agieren. Aber nach diesem Weltkrieg war der Druck aus der Öffentlichkeit sehr stark: Wir haben gesiegt und kosten das jetzt aus. Diesen Fehler hat aber auch Deutschland 1871 gemacht, als Bismarck Elsass-Lothringen annektiert hat.

heute.de: Was bedeutet das für heutige Verhandlungen?

Neitzel: Eine Mäßigung im Moment des Sieges ist zielführend: den Sieg nicht auskosten, den anderen nicht demütigen, sondern dem Besiegten eine Allianz anbieten. Helmut Kohl hat diese Kunst bei der Wiedervereinigung beherrscht. Er hat Gorbatschow mit Geld und Krediten Brücken gebaut, damit er sich nicht als Verlierer fühlt. Ein weiterer Faktor, den wir oft unterschätzen, ist "Cultural Knowledge".

heute.de: Was heißt "Cultural Knowledge" im diplomatischen Kontext?

Neitzel: Die Logik des anderen wirklich zu verstehen. Schauen wir uns den Brexit an: Wir verstehen nicht mal die Briten, obwohl wir gerne nach London fliegen und uns nahe fühlen. Wenn wir heute nicht mal die Briten verstehen, geschweige denn die Ungarn, Polen oder Chinesen: Warum sollte das 1919 anders gewesen sein? Ohne die Interessen des anderen aber wirklich zu verstehen, kommen wir nicht zu tragfähigen Lösungen.

heute.de: Wenn die Kommunikation zwischen Kulturen so schwierig ist: War der Völkerbund als Ergebnis der Pariser Friedenskonferenz eine Illusion?

Neitzel: Ich halte den Völkerbund und später die Vereinten Nationen nach wie vor für die beste Erfindung der Menschheit. Da läuft viel schief und noch heute tanzen viele der UN auf der Nase herum. Aber der Ansatz ist genau richtig: die Idee der friedlichen Konfliktlösung und die Idee des Ausgleichs.

Vl.n.r.: David Lloyd George , Vittorio Emanuele Orlando, Georges Benjamin Clemenceau, Woodrow Wilson 1919 in Versailles (Frankreich)
Die wichtigsten Akteure während der Verhandlungen (v. l.n.r.): David Lloyd George (Großbritannien), Vittorio Emanuele (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (USA).
Quelle: dpa

heute.de: Sie sprachen von der großen Kunst, gegen Emotionen zu agieren. Beherrschen Politiker diese Kunst inzwischen besser?

Neitzel: Da bin ich mir nicht so sicher. Unsere Verteidigungsminister sagen in NATO-Kreisen auch anderes als im Bundestag. Sicherheitspolitik führt automatisch zu hochemotionalen Debatten, in der jeder mitredet, auch wenn er gerade mal einen Panzer von einem Flugzeug unterscheiden kann. Wenn Politiker gegen Emotionen und Umfragen agieren, riskieren sie, nicht wiedergewählt zu werden. Und diesen Mut bringen nur die wenigsten auf.

Das Interview führte Raphael Rauch. Der Autor auf Twitter: @raphael_rauch

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