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Multilateralismus auf Achterbahnfahrt

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100 Jahre Vertrag von Versailles - Multilateralismus auf Achterbahnfahrt

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Vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Versailles unterzeichnet. Er gilt als Wegmarke des Multilateralismus und brachte den Völkerbund hervor. Heute fordern Populisten Alleingänge.

Unterzeichnung der Pariser Friedensverträge
Vor 100 Jahren wurde der Friedensvertrag von Versailles geschlossen.
Quelle: imago

Nach zähen Verhandlungen kam es heute vor 100 Jahren zum offiziellen Ende des Ersten Weltkriegs: mit dem Friedensvertrag von Versailles. Historiker sehen ihn als Aufbruch in eine neue Zeit. Schließlich sollte mit dem Völkerbund eine moderne Friedensarchitektur geschaffen werden. Der UN-Vorläufer sollte Frieden und Wohlstand garantieren - und die Schrecken des Krieges zur Vergangenheit erklären.

Wunsch und Wirklichkeit

Wie heute noch klafften auch damals Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Die USA, auf deren Konto der Völkerbund wesentlich zurückging, traten ihm gar nicht bei - weil sie Angst hatten um den Verlust der nationalen Souveränität. Trotzdem hatte 1919 der Geist des Multilateralismus Konjunktur.

Multilateralismus ist das Gegenteil von nationalen Alleingängen. Staaten arbeiten demnach zusammen und treffen gleichberechtigt Entscheidungen. Hieraus ergeben sich idealerweise Win-Win-Situationen, die alle Seiten zufrieden stimmen. So soll es gar keine Notwendigkeit mehr geben, sich gegenseitig zu bekriegen.

Merkel: Multilateralismus ist kompliziert

Heute hat der Multilateralismus hingegen einen schwierigeren Stand. Egal ob in London, Budapest, Washington oder Brasilia: Populisten sind auf dem Vormarsch. Nationale Egoismen mit einfachen Versprechen verkaufen sich bisweilen besser als Erörterungen zum Multilateralismus. Erfrischend ehrlich sagte Kanzlerin Angela Merkel auf der Münchner Sicherheitskonferenz, Multilateralismus sei "nicht toll, schwierig, langsam" und "kompliziert". Am Ende seien Win-Win-Lösungen aber besser als Alleingänge.

Von einer Sternstunde des Multilateralismus würde ich nicht sprechen.
Susanne Brandt, Historikerin

"Von einer Sternstunde des Multilateralismus würde ich nicht sprechen", sagt die Düsseldorfer Historikerin Susanne Brandt über den Versailler Vertrag. Denn die Pariser Friedenskonferenz hätte "viele Konfliktlinien aus den vorangegangenen Kriegsjahren fortgesetzt". Auch seien die Verhandlungen nicht wirklich multilateral gewesen. "Die wichtigsten Entscheidungen wurden von dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau und dem britischen Premierminister David Lloyd George gefällt." Andere Staaten seien zum Teil nicht ernst genommen oder herablassend behandelt worden.

Beginn einer internationalen Kooperation

Auch der Freiburger Historiker Jörn Leonhard sieht im Vertrag von Versailles eher "einen großen Schritt in Richtung einer neuen internationalen Kooperation" als einen echten Multilateralismus. Den Staaten sei klar gewesen, dass manche Herausforderungen "nicht an nationalen Grenzen endeten - die Frage der internationalen Sicherheit, aber auch viele Kriegsfolgen wie die Flüchtlingsproblematik und massenhafte Staatenlosigkeit nach dem Untergang der großen Imperien Russlands und der Habsburgermonarchie".

Für Leonhard steht der Völkerbund noch nicht für einen "Multilateralismus im modernen Sinne, denn viele Staaten, zumal die neuen wie Polen oder die Tschechoslowakei, wollten ihre gerade erworbene staatliche Souveränität nicht wieder eingeschränkt sehen". Auch waren besiegte Staaten wie Deutschland vom Völkerbund zunächst ausgeschlossen.

Wer gewinnt, wer verliert?

Mittlerweile sind nationale Egoismen wieder auf dem Vormarsch. Für den Marburger Historiker Eckart Conze sind nationale Interessen "eine Tarnvokabel, hinter der sich oft genug ein nationaler Egoismus verbirgt, der sich in erster Linie aus innenpolitischen Quellen speist". Über nationale Interessen ließen sich Alleingänge erklären wie "die Völkerrechtsverstöße Russlands, die Politik Chinas, das selbstbewusst seinen globalen Machtanspruch geltend macht, aber auch die amerikanische Politik Donald Trumps, die multilaterale Strukturen und Institutionen willentlich zerstört".

Produziert auch der Multilateralismus Gewinner und Verlierer? Laut Historiker Leonhard büßten auf den ersten Blick "Staaten an Souveränität ein, wenn sie sich zum Multilateralismus bekennen". Allerdings könnte eine nationalstaatliche Interessenpolitik ohne internationale Einbindung "langfristig zu höheren Kosten führen, also etwa zu politischer Isolation und einer höheren Konfliktanfälligkeit".

Subjektive Verlustängste

Für Susanne Brandt steht fest: "Verlierer gibt es vor allem in der eigenen Wahrnehmung." Denn wir würden in einer globalisierten Welt leben, in der es keine Alternative zum Multilateralismus gebe. "Die Herausforderungen, vor denen die Menschen stehen, können nur gemeinsam gelöst werden", sagt Brandt.

Laut Eckart Conze steht der Multilateralismus für eine "Politik des Ausgleichs und des Kompromisses". Davon profitierten nicht nur Großmächte. "In multilateralen Strukturen etablieren sich Kommunikationsmöglichkeiten und Kommunikationsfähigkeiten, die gerade bei der Bewältigung von Krisen von entscheidender Bedeutung sind", sagt Conze. "Am Vorabend des Ersten Weltkriegs fehlten diese Kommunikationsmöglichkeiten. Auch deshalb eskalierte die Julikrise 1914 zum Krieg."

Multilaterismus: Vom Völkerbund zu G20

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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