Schon gewusst?

Mit Mein ZDF-Konto können Sie angefangene Videos weiterschauen und weitere tolle Funktionen nutzen.

Sie sind hier:

100 Jahre Waldorfschule - Mehr als nur den Namen tanzen

Datum:

In Frankfurt feiern die hessischen Waldorfschulen heute 100 Jahre vorbildliche Reformpädagogik. Kritiker sehen sie dagegen aus der Zeit gefallen. Fragen bleiben, trotz des Erfolgs.

Postkarten markieren in der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe die Korrespondenz mit anderen Waldorfschulen, aufgenommen am 25.01.2019 in Stuttgart
Heute gibt es weltweit 1.200 Waldorfschulen - auf allen Kontinenten. Viele stehen miteinander in Kontakt.
Quelle: dpa

Vor 100 Jahren ertönte an der ersten Waldorfschule der Schulgong. Die einen feiern sie als vorbildliche reformpädagogische Schulen. Für andere sind sie einfach nur esoterisch und weltfremd. Fakt ist: Die Waldorfschulen polarisieren. Fakt ist auch: Bei Eltern und Schülern sind sie äußerst beliebt. Es gibt vor allem in den großen Städten viel mehr Bewerber, als die Schulen überhaupt aufnehmen können.

Schulwesen steht vor gesellschaftlicher Aufgabe

Für Henning Kullak-Ublick ist der Erfolg wenig verwunderlich. "Im Moment steht das gesamte Schulwesen in Deutschland vor einer außerordentlichen gesellschaftlichen Aufgabe. In einer Zeit, in der sich viele Menschen überfordert und verunsichert fühlen und darauf mit Abschottung und Ausgrenzung reagieren, müssen wir mehr vermitteln, als das Einmaleins, physikalische Formeln und grammatikalische Regeln", betont der Vorstand und Sprecher des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Internationalen Waldorf-Konferenz.

Auch für Professor Heiner Ullrich steht fest: "Die Waldorfschule ist erfolgreich und hat ihre Elternschaft in Deutschland gefunden." Dennoch mischen sich in seine Glückwünsche auch nachdenkliche Gedanken. Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Mainz gibt zu bedenken, dass die heutige Elternschaft nicht die ist, für die die Waldorfschule eigentlich gegründet wurde. "Dreiviertel der heutigen Waldorf-Eltern haben selbst auch Abitur. Dabei war die Grundidee, die Kinder von Fabrikarbeitern zu bilden."

Altmodischer Unterricht oder fortschrittliche Lernvermittlung?

Stehen geblieben ist die Waldorfschule für ihn dagegen in anderer Hinsicht: "Es gibt kein jahrgangsübergreifendes Lernen. Stattdessen herrscht zumindest in der Unterstufe ein autokratisches Regime: Der Klassenlehrer unterrichtet acht Fächer allein, meist im Frontalunterricht." Professor Heiner Ullrich weiter: "Ich höre immer wieder von Klagen, dass an Waldorfschulen weniger neue Lernformen anzutreffen seien als an staatlichen Schulen. Zudem sind sie ein Ort der jahrelangen digitalen Abstinenz."

Schüler der Freie Waldorfschule" Rudolf Steiner" am werken - 1979
Freie Waldorfschule" Rudolf Steiner" - 1979
Quelle: picture alliance / Klaus Rose

Gleichwohl erkennt auch der Erziehungswissenschaftler an: "Es ist unbestritten, dass Waldorfschüler im Schnitt häufiger Abitur machen als der Durchschnitt ihrer Altersgruppe." Für Henning Kullak-Ublick ist das pädagogische Konzept der Waldorfschulen entgegen solcher Kritik allein deshalb kein Auslaufmodell: "Wir haben in Deutschland ein Bildungswesen, das darauf abzielt, Kindern standardisierte Wissensinhalte unter dem Druck von Noten beizubringen, damit sie diese möglichst effizient reproduzieren können. Dabei wird die kulturelle Bildung genauso vernachlässigt wie das Emotionale, Soziale und Kreative."

Leistung vom Kind aus gedacht

Gerade Letzteres sei in einer Zeit rasanter Veränderungen aber entscheidend, um den eigenen Kompass zu finden. "Der ganzheitliche Ansatz der Waldorfpädagogik will alle grundlegenden Fähigkeiten eines jungen Menschen ansprechen", unterstreicht Henning Kullak-Ublick, der selbst 27 Jahre als Klassenlehrer an einer Waldorfschule unterrichtet hat. "Diese Ganzheitlichkeit wird immer wichtiger werden, weil wir vor der Frage stehen, ob wir es schaffen, die moderne Technik weiterhin selbst zu beherrschen oder ob wir uns allmählich in Cyborgs verwandeln, die von ihr gesteuert werden."

Zudem sieht Henning Kullak-Ublick den Erfolg im Gegenentwurf zu einem standardisierten Leistungsgedanken begründet, der in seinen Augen im Regelschulwesen überhandnimmt. Er betont: "Wir sind durchaus leistungsorientiert, plädieren aber dafür, Leistung vom Kind aus zu denken: Was braucht das Kind im individuellen Fall, um sich selbstständig entfalten und natürlich auch Prüfungen bestehen zu können, vor allem aber, um ein mündiger Mensch zu werden. Immer mehr Eltern sind der Ansicht, dass gerade das ein wichtiger Bereich ist, indem sich ein Mensch entwickeln muss."

Medienmündigkeit statt Wischkompetenz

Mündigkeit ist dem Waldorfpädagogen auch in Sachen Medienkompetenz wichtig. Kritik, wie die von Professor Heiner Ullrich, weist Henning Kullak-Ublick zurück: "Echte Medienmündigkeit, die über eine bloße Wischkompetenz hinausgeht, setzt voraus, dass man sich mit ganz unterschiedlichen Medien vertraut macht, diese gleichermaßen bedienen und auch ihre soziale Wirkung verstehen kann."

Zu kurz kommt in seinen Augen darüber hinaus auch die Bedeutung des Faches Eurythmie. "Ja, die Schüler können ihren Namen tanzen", sagt er in Anspielung auf den gerne geäußerten Spott zum Bewegungsfach. "Doch darum geht es nicht. Im Fokus steht, einen Sinn für den Raum zu entwickeln, innerhalb dessen man sich mit anderen bewegt. Dadurch wird die soziale Wahrnehmungsfähigkeit geschult."

Reformer versus Traditionalisten

Für Professor Heiner Ullrich sollte anlässlich des Jubiläums noch etwas anderes im Mittelpunkt stehen: "Die Waldorfschulen täten gut daran, sich trotz ihres Erfolges nicht zu sehr selbst zu feiern. Denn innerhalb der Waldorfbewegung gibt es durchaus Reformer und Traditionalisten, die sich über den künftigen Weg streiten. Man darf gespannt sein, wohin sich die Waldorfpädagogik in Zukunft bewegt."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Screenshot vom neuen Player Interface mit dem Weiterschauen-Button

Melden Sie sich kostenlos an und nutzen Sie Funktionen wie Weiterschauen angefangener Videos, Merklisten auf allen Geräten, persönliche Empfehlungen und Altersfreigabe zum Ansehen jugendgeschützter Videos vor 22 Uhr.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.