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150. Geburtstag Kanadas - Einwanderer willkommen im Anti-Trump-Land

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Kanada feiert heute seinen 150. Geburtstag. Der nördliche Nachbar der USA gilt spätestens seit der Wahl Donald Trumps als das bessere Amerika - auch wegen seiner erfolgreichen Einwanderungspolitik. Die verfolgt aber vor allem eigennützige Ziele.

Jeden Tag kommen sie – Flüchtlinge aus den USA, die mehr Angst vor Donald Trump und den angekündigten Abschiebungen haben als vor der klirrenden Kälte in Kanada. Denn in Kanada drohen den Flüchtlingen zunächst keine Ausweisungen.

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Ahmed Hussen verkörpert den Traum von Millionen Einwanderern. Als 16-Jähriger floh er vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Somalia nach Kanada. Er studierte, arbeitete als Anwalt für Einwanderer und wurde kanadischer Staatsbürger. Seit Anfang des Jahres ist der gläubige Muslim und Vater von drei Kindern Einwanderungsminister. "Ich bin sehr stolz auf mein somalisches Erbe", erklärt der 40-Jährige. "Aber ich bin Kanadier und ich will meinen Beitrag für mein Land leisten."

Und das tut er. Gerade erst hat sein Ministerium die Bewerbungsfristen für die kanadische Staatsbürgerschaft verkürzt. Nach drei Jahren kann jeder "permanent resident", der also fünf Jahre im Land lebt, Kanadier werden. Und während Washington auf Einreisestopps, Abschiebungen und verschärften Einwanderungsvorschriften Schlagzeilen macht, öffnet Kanada demonstrativ seine Grenze. 300.000 Einwanderer, so viel wie noch nie, will Premier Justin Trudeau jedes Jahr ins Land lassen.

Nur die Punkte zählen

Einwanderung ist in Kanada allerdings kein uneigennütziges Gutmenschentum, sagt Professor Phil Triadafilopoulos, Sohn griechischer Einwanderer und Immigrationsexperte der Uni Toronto. "Kanada holt Menschen ins Land, weil wir glauben, sie helfen, eine erfolgreiche Gesellschaft und vor allem Wirtschaft zu bilden." Einwanderung gehört zu Kanada wie das rote Ahornblatt auf der Flagge. Vor 50 Jahren, 1967, wurde das Punktesystem eingeführt, das noch heute gilt: Bewerber werden nach Alter, Ausbildung, Sprachkenntnissen und Berufserfahrung bewertet. Wer mindestens 67 von 100 Punkten erreicht, bekommt eine Chance.

Am Ende ist es eine Win-Win Situation für das Land und die Einwanderer, betont Mario Calla, Direktor eines Hilfszentrums für Einwanderer in Toronto. Denn ohne ständig neue Einwanderer würde die kanadische Bevölkerung ab 2030 kontinuierlich schrumpfen. "Seit 2012 sind alle neugeschaffenen Jobs von Immigranten besetzt worden. Mit anderen Worten: Im Land geborene Kanadier wären schon jetzt nicht mehr in der Lage, durch Wachstum entstandene Jobs zu besetzen."

Einwanderer: Bereicherung statt Belastung

Im Juni sind zwei neue Programme in Kraft getreten, die dafür sorgen sollen, dass dringend gesuchte Fachkräfte vor allem aus der IT-Branche künftig noch schneller eine Arbeitsgenehmigung bekommen. Wer jung und hochqualifiziert ist und außerdem nachweisen kann, ein konkretes Jobangebot eines kanadischen Arbeitgebers zu haben, zieht an allen Bewerbern vorbei. Express Entry heißt das Programm - und steht im krassen Gegensatz zu der immer schärferen Kritik an Visaprogrammen für ausländische IT-Fachkräfte beim Nachbarn USA.

"Kanada ist eine verlockende Alternative für hochqualifizierte Einwanderer, die zunehmend Probleme haben, Arbeitsgenehmigungen in den USA zu bekommen", sagt Salim Teja, der IT-Start-Ups in Toronto berät. Tatsächlich bekommen auch kleinere kanadische Tech-Firmen seit einem halben Jahr deutlich mehr Anfragen von internationalen Bewerbern. Und Giganten wie Facebook, Google und Uber haben in den vergangenen Monaten Niederlassungen in Toronto eröffnet oder erweitert. In der Wirtschaftsmetropole Kanadas, sind mittlerweile 51 Prozent der Einwohner Einwanderer. Wer hier U-Bahn fährt, trifft die Welt. In Umfragen sagt die Mehrheit der Kanadier immer wieder, dass die Einwanderer eher Bereicherung als Belastung sind.

Allerdings ist die Geschichte der Einwanderungsnation Kanada nicht nur eine Erfolgsstory.
Wenn Du dringend einen Arzt brauchst, ruf Dir ein Taxi, heißt es in Toronto. Jeder dritte Taxifahrer der Stadt ist angeblich ein eingewanderter Mediziner, der in Kanada nicht praktizieren darf, weil seine Examen nicht anerkannt werden. Und auch mangelnde Sprachkenntnisse sind oft eine Hürde für Hochqualifizierte. Zwar bieten Immigration Center kostenlose Sprachkurse an. Aber um als Arzt, Lehrer oder Professor zu arbeiten, sind exzellente Englisch- oder Französischkenntnisse unerlässlich. "Bei McDonald's kannst du schnell einen Job bekommen. Alles andere braucht Zeit", sagt Einwanderungsexperte Triadafilopoulos.

Raus aus den USA

Trotzdem bleibt Kanada Zufluchtsort und Hoffnungsschimmer für Hunderttausende. Seit der Wahl Donald Trumps versuchen immer mehr Menschen aus den USA nach Kanada zu kommen. Die grüne Grenze zwischen beiden Ländern ist 9.000 Kilometer lang - die längste Landesgrenze der Welt. Wer es schafft sich zu Fuß nach Norden durchzuschlagen, hat eine Chance auf ein Asylverfahren in Kanada. Wer dagegen legal einreist wird zurückgeschickt, weil sich die USA und Kanada seit 2004 gegenseitig als sichere Drittländer anerkennen.

Mehrere tausend illegale Einwanderer sind seit Januar gekommen. Dass Menschen in Scharen aus dem einstigen Zufluchtsort USA nach Norden fliehen, ist eine ganz neue Erfahrung für die Kanadier. Anfangs wurden die Neuankömmlinge noch mit offenen Armen aufgenommen. Inzwischen sprechen sich allerdings immer mehr für eine Abschiebung der illegal Eingewanderten aus. Gleichzeitig ist die Wertschätzung des Nachbarn USA auf einen historischen Tiefpunkt gesunken.

"Neben den USA zu leben, ist ein bisschen so, als ob man neben einem Elefanten schläft", sagte der ehemalige kanadische Premier Pierre Trudeau einmal. "Man ist von jedem Zucken und Grunzen des Biests betroffen."

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