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Ruck durch die Gesellschaft - "1968 kam nicht aus dem Nichts"

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Pariser Mai, Attentat auf Rudi Dutschke, Massenproteste gegen den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze: 1968 war ein Jahr gewaltiger politischer und gesellschaftlicher Umbrüche.

Frauenbewegung, sexuelle Revolution, grüne Bewegung - mit den 68ern ging ein Ruck durch die Gesellschaft, der noch heute zu spüren ist.

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1 min
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Am 2. April 1968 verüben Linksradikale Brandanschläge in zwei Kaufhäusern in Frankfurt am Main. Sie legen Brandsätze, die kurz vor Mitternacht zünden. In beiden Häusern entsteht Sachschaden. Zu den schnell ermittelten Tätern gehören die späteren RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

Attentat auf Rudi Dutschke

Studentenführer Rudi Dutschke 1968, während einer Rede
Rudi Dutschker, Anführer der Studentenbewegung von 1968

Im Frühjahr dieses Jahres, das von politischen Revolten und kulturellen Aufbrüchen geprägt war, radikalisiert sich der politische Protest der Studentenbewegung. Keine zwei Wochen später, am 11. April, schießt der Gelegenheitsarbeiter Josef Bachmann in Berlin auf Rudi Dutschke. Der Studentenanführer - Feindbild Nummer eins vor allem der Springer-Presse - wird lebensgefährlich verletzt.

Es folgen schwere Krawalle. Demonstranten blockieren in Berlin die Auslieferung der "Bild"-Zeitung und der "BZ" - sie geben dem Springer-Verlag eine Mitschuld an dem Attentat. Ein getarnter V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes schleppt Molotow-Cocktails heran, einige Studenten greifen zu. 15 Lieferwagen des Konzerns werden beschädigt, zwei Demonstranten überfahren, sie erleiden Knochenbrüche. Auch in westdeutschen Städten wird der Verlag Ziel von Blockaden und Brandanschlägen.

Orgasmus für alle

Aber "1968" war nicht nur politischer Protest. Anfang Januar 1968 war der Film "Zur Sache, Schätzchen" in den westdeutschen Kinos angelaufen. Inhaltlich eher belanglos, beschreibt die in München spielende Komödie gut die Aufbruchstimmung und das Gefühl vieler junger Menschen, die sich von vorgegebenen Lebensentwürfen verabschieden und nach Freiräumen und Individualität suchen. Mit Begriffen wie "fummeln" und "Dumpfbacke" beeinflusst der Film auch die Umgangssprache. Millionen Deutsche sehen den Streifen allein im ersten Jahr.

In der Bundesrepublik regiert damals eine Große Koalition, Union und SPD verfügen über rund 90 Prozent der Sitze im Bundestag. Abtreibung und Homosexualität sind strafbar. Gerichte bestrafen nach dem "Kuppelparagrafen" Eltern, die ihren Kindern Liebesbeziehungen nicht verbieten: Der Staat gilt als Anstalt zur Beförderung der Moral, das Strafgesetzbuch als Sittenkodex und der Strafrichter als Sittenrichter. Systematische sexuelle Aufklärung hat an Schulen bislang kaum stattgefunden, 1968 gibt die Kultusministerkonferenz erstmals "Empfehlungen zur Sexualerziehung". Für viele junge Leute ist das schamhafte Verschweigen von Sexualität, die Unterdrückung der sexuellen Triebe gleichbedeutend mit einer Deformierung der Persönlichkeit. Manchen gilt sie sogar als Ursache für die Gräuel im Nationalsozialismus.

Freie Liebe, weibliche Lust, Orgasmus für alle - die Zeit scheint reif für eine sexuelle Revolution. Schließlich gibt es die Anti-Baby-Pille, die erstmals das Ausleben der Lust ohne Angst vor ungewollter Schwangerschaft ermöglicht. "Den größten Einfluss hatte '68' wahrscheinlich auf die sogenannte Individualisierung der Gesellschaft", sagt der Zeithistoriker Jöran Klatt vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er meint damit: "Eine Verschiebung, in der Faktoren wie die Selbstfindung und Selbstentfaltung an Stellenwert gegenüber kollektiven Zugehörigkeitsgefühlen gewinnen."

Protest gegen Vietnam-Krieg und Notstandsgesetze

Politisch fokussiert sich der Widerstand der "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) der Studentenbewegung auf die Notstandsgesetze und knüpft an die weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg an. Ende Januar 1968 greifen Vietcong-Rebellen und nordvietnamesische Truppen Ziele in Südvietnam und die dort stationierten US-Einheiten an. Der Polizeipräsident von Saigon erschießt vor laufender Kamera einen gefangenen Vietcong - ein Bild, das um die Welt geht. US-Soldaten töten beim Massaker von My Lai mehr als 500 Zivilisten. Tausende Teilnehmer eines Internationalen Vietnam-Kongresses an der TU Berlin riefen schon im Februar 1968 zum Widerstand gegen den Krieg und den westlichen Imperialismus auf.

Die Notstandsgesetze sollen die Bundesregierung ermächtigen, im Fall eines "inneren Notstands", wie etwa eines Umsturzversuchs, aber auch bei einer schweren Naturkatastrophe, Grundrechte einzuschränken und Funktionen des Parlamentes auszuhebeln. Die APO sieht darin einen Schritt zurück in Richtung Faschismus. Schließlich sind 1968 in vielen Behörden, Regierungsstellen, Gerichten und beim Militär noch alte Nazis in Amt und Würden. Am 11. Mai demonstrieren in Bonn Zehntausende gegen die Notstandsgesetze, Ende des Monats verabschiedet eine große Mehrheit im Bundestag die umstrittenen Gesetze.

Die militanten Proteste in Frankreich heizen die Stimmung auch in Deutschland weiter auf: Studenten besetzen die Pariser Universität Sorbonne, die Polizei räumt mit Gewalt, es folgen Demos und Straßenschlachten. Die französischen Gewerkschaften rufen zum Generalstreik auf, Arbeiter besetzen Betriebe.

"Eher Verstärker als Auslöser"

Befeuert von der Rockmusik scheint der Umsturz 1968 zum Greifen nah: Die Beatles singen "Revolution", die Rolling Stones veröffentlichen den Song "Street Fighting Man". Nur wenige merken oder wollen wissen, dass "Revolution" in Wahrheit eine Absage an die Militanz ist. Auch "Street Fighting Man" ist kein Schlachtruf, sondern der Versuch, mangelndes Engagement damit zu entschuldigen, dass man sowieso nichts verändern kann.

Auch wenn die von der APO erhoffte Revolte ausbleibt, bildet 1968 den Höhepunkt außerparlamentarischer Proteste ab. Deren Beginn markiert das Jahr aber nicht. "1968 entstand nicht aus dem Nichts", sagt Historiker Klatt. Zahlreiche der heute oft stark mit 1968 assoziierten neuen sozialen Bewegungen wie die Frauen- und die Umweltbewegung hätten zum Teil deutlich früher eingesetzt: "1968 hat oft eher als ein Verstärker denn als Auslöser gewirkt."

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