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Streiks 1968 in Frankreich - Revolutionäre Agitation in der Fabrik

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Im Mai 1968 sorgen Studenten und Arbeiter für eine französische Staatskrise. In Deutschland gab es so ein Bündnis nur bedingt: Beide Gruppen hatten Verschiedenes im Sinn.

Frankreich 1968 - Demonstrant wirft Stein auf Bereitschaftspolizisten
Im Mai 1968 kam es in Frankreich mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Studenten. Quelle: ap

Revolte, Umsturz, Systemwechsel: Es sind große Worte, die Studenten der Pariser Sorbonne-Universität im Mai 1968 ausrufen. Junge Menschen, die eine "bessere Gesellschaft" schaffen wollen. Dafür gehen sie auf die Barrikaden und es ist auch dieses symbolische Bild, das eine studentische Revolte mit Hilfe der französischen Gewerkschaften in eine gesellschaftliche Massenbewegung auswachsen lässt.

Französische Arbeiter wollen an "Früchte des Wirtschaftswunders"

Die Gewerkschaften fordern nichts weniger als "eine Transformation des ökonomischen Systems durch und für das Volk", wie die Historikerin Ingrid Gilcher-Holtey in ihrem Werk "1968 - Eine Zeitreise" schreibt. Dem Aufruf zum Generalstreik folgen am 13. Mai 1968 Hunderttausende Menschen. "Studenten- und Arbeiterbewegung verbinden sich", schreibt Gilcher-Holtey.

Lyon, Toulouse, Marseille: Der Protest weitet sich auf viele Städte aus. In einem kurzen, aber heftigen Aufwallen legen vom 14. bis 22. Mai bis zu neun Millionen Franzosen ihre Arbeit nieder. Im Kern geht es ihnen darum, die Früchte des Wirtschaftswunders gerechter zu verteilen, konstatiert der Historiker Wilfried Loth in seiner neuen Gesamtdarstellung über den "Mai 68 in Frankreich".

In Deutschland fremdeln Arbeiter und Studenten

Anders als im Nachbarland gibt es in Deutschland "keinen direkten Schulterschluss, sondern Konfrontation" zwischen Studenten und Gewerkschaften, sagt der Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder. "Die Studentenbewegung hat sich zwar marxistischer und anderer linker Theorien bedient, sie hatte aber kaum ein Verständnis für die Anliegen der organisierten Arbeiter." Schroeder kommt zu dem Fazit, dass im Großen und Ganzen die "Fremdheit dominierte".

Der Wissenschaftler erinnert daran, dass 1968 in Deutschland weniger ein "Klassenkonflikt" als ein "Kulturkonflikt" inmitten des Kalten Krieges gewesen sei. "Aus dieser Perspektive standen sich die etablierte Gewerkschafts- und Studierendenbewegung in vielen Fragen der Herkunft, Haltung, der Politik und der Lebensführung diametral gegenüber", so Schroeder.

Gleicher Lohn anstatt "Beglückungsformeln"

Peter Schneider hat damit seine persönlichen Erfahrungen gemacht. Als einer der Wortführer der Berliner Studentenbewegung hat er versucht, in einem Industriebetrieb Mitarbeiterinnen politisch zu mobilisieren. Mit mäßigem Erfolg, wie der heute 78 Jahre alte Schriftsteller bekennt. Die Frauen wollten für gleiche Arbeit genauso viel verdienen wie die Männer, mit seinen "Beglückungsformeln", wie Schneider es im Rückblick nennt, hätten sie dagegen nichts anfangen können.

"Ich sprach natürlich von einer bevorstehenden Revolution, von einer Räteregierung, von der Macht der Arbeiterklasse, von der Manipulation ihrer Bedürfnisse, von der notwendigen Enteignung des Kapitals", erinnert sich Schneider. Das habe die Arbeiterinnen aber überhaupt nicht interessiert. "Ähnliche Erfahrungen haben alle von uns, die in den Betrieben waren, gemacht", so Schneider.

Und doch wirkt der Geist der 68er

Zwar hätten linke Betriebsräte Kontakt zu den Betriebsgruppen der Studentenbewegung aufgenommen. "Sie wurden aber zuverlässig durch unsere Schulungen in Marxismus-Leninismus abgeschreckt", sagt Schneider. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund heißt es dazu, dass die Gewerkschaften zwar das Ziel der Stärkung der Bürgerrechte geteilt hätten; die Umsturzpläne radikaler 68er-Wortführer seien aus Gewerkschaftssicht aber viel zu weit gegangen.

Dennoch sprang der Funke zum Teil über: Denn der studentische Ruf nach mehr Teilhabe setzte sich auch in den Köpfen junger Arbeiter fest. So begannen 1968 die ersten großen Proteste von Lehrlingen für einheitliche Ausbildungsstandards.

1968 eine "Frischzellenkur" für die Gewerkschaften

Ein Jahr später sorgten "wilde Streiks" für Aufruhr. Das war eine der seltenen Situationen, "in denen sich die Belegschaften nicht an die Vorgaben ihrer Verbandsspitzen hielten, sondern einen eigenen Weg gingen", sagt Gewerkschaftsforscher Schroeder. Das habe die Gewerkschaftsspitzen enorm sensibilisiert.

Einen "indirekten Schulterschluss" zwischen Studentenbewegung und Arbeiterschaft in Deutschland erkennt er schließlich darin, dass die Gewerkschaften durch das von den 68ern verbreitete Bewusstsein "Wer etwas verändern will, muss sich einmischen" einen starken Mitgliederzustrom erhielten und auch ein "konfliktorientierteres Verhalten" zeigten. "Insofern hat 68 auch für die Gewerkschaften neben aller vordergründigen Fremdheit und Ablehnung eine hintergründig längerfristig wirkende Frischenzellenkur bedeutet", sagt Schroeder.

Das Jahr 1968 in Bildern

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