Sie sind hier:

Kommentar - 20 Jahre nach Columbine: Amokläufe an US-Schulen gehen weiter

Datum:

Vor 20 Jahren richteten Jugendliche an der Columbine High School ein Massaker an. Heute sind Amokläufe an US-Schulen immer noch Alltag. ZDF-Korrespondent Theveßen fragt, warum.

Kommentar von Elmar Theveßen: 20 Jahre nach Amoklauf an der Columbine-Highschool im US-Bundesstaat Colorado
Kommentar von Elmar Theveßen: 20 Jahre nach Amoklauf an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado.
Quelle: ZDF/Reuters
  • Im US-Bundesstaat Colorado wird heute des Massakers an der Columbine High School vom 20. April 1999 gedacht.
  • Bei dem bis dahin schlimmste Schulmassaker der US-Geschichte hatten zwei Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 24 weitere Menschen verletzt. Anschließend töteten die Täter sich selbst.
  • Seit 1999 gab es bis heute an mehr als 230 Schulen in den USA ähnliche Amokläufe. Fast eine Viertelmillion Schüler haben Gewalttaten erlebt. Die Gesamtbilanz seit Columbine: 143 Tote, 294 Verletzte.

"Ich stand hier," sagt Victoria, und zeigt auf eine Stelle im Gras gleich neben den Betonplatten, auf denen die Blutspuren noch zu sehen sind. Genau da hatten zwei Schüsse Victorias beste Freundin in den Kopf getroffen. Die elfjährige Natalie war sofort tot. "Ich wollte nicht wegrennen, aber ich konnte nichts tun," erzählt Victoria. "Wenn ich dageblieben wäre, wäre ich auch erschossen worden, also bin ich rüber in die Turnhalle gelaufen."

Die Frage nach dem Warum

Es sind Momente, die auch einem Reporter nahegehen, ganz besonders, wenn er selbst Kinder hat. Die Frage nach dem "Warum" lässt einen nicht los, und damit meine ich nicht, warum die Täter morden. Warum lässt eine Gesellschaft das weiter geschehen, obwohl sie viel mehr tun könnte, um zu verhindern, dass junge Menschen junge Menschen töten.

Damals waren es ein 11-Jähriger und ein 13-Jähriger, sie verdienen es nicht, dass ihre Namen genannt werden. Sie hatten zehn Gewehre und Pistolen beim Opa des jüngeren entwendet, sich Tarnkleidung angezogen, den Feueralarm an ihrer Schule ausgelöst, damit ihre Mitschüler ins Freie rannten. Dann schossen sie aus ihrem Versteck am Waldrand 27 mal, vier Mädchen starben - Natalie, Paige, Stephanie, Brittney – und ihre Lehrerin Shannon. Nein, das war nicht Columbine, sondern Westside, die Mittelschule in Jonesboro, Arkansas, am 23. März 1998.

Opfer suchen Schuld bei sich

Wenige Tage danach waren wir vor Ort, suchten nach Antworten bei verstörten Angehörigen und trauernden Gemeindemitgliedern. Sie alle suchten die Schuld auch bei sich, sie glaubten, versagt zu haben in ihrem Bemühen, den Tätern die Werte des Lebens, Moral und Anstand beizubringen. Dann wäre so etwas doch nie geschehen. Es war eine merkwürdige Erfahrung. Viele hier dachten so, wie es uns Ron, der Besitzer eines Waffengeschäfts, in die Kamera sagte: "Es sind nicht die Waffen, die töten, es sind die Menschen, das ist bei allen Verbrechen so. Im Grunde genommen ist es nur eine Frage der Moral."

Das ist wohl das Schlimmste an diesen Schulschießereien: Es wird einfach so weitergehen, weil alle Maßnahmen nicht ausreichen, solange Waffen so allgegenwärtig und so einfach verfügbar sind. Jonesboro war vor Columbine, vor Jonesboro gab es in den ersten Monaten 1998 schon drei Amokläufe an amerikanischen Schulen. Und nach Columbine wurde es noch viel schlimmer, nicht nur an den Schulen Sandy Hook, Virginia Tech und Parkland.

Mehr als 230 Schul-Amokläufe nach Columbine

Die Washington Post hat einmal nachgerechnet: Seit dem 20. April 1999, als zwei junge Männer an der Columbine High School in Littleton, Colorado, 13 Mitschüler und einen Lehrer ermordeten, gab es bis heute an mehr als 230 Schulen in den Vereinigten Staaten ähnliche Amokläufe. Fast eine Viertelmillion Schülerinnen und Schüler haben Gewalttaten erlebt. Das Jahr 2018 erreichte mit 25 Schulschießereien einen neuen, traurigen Rekord. Die Gesamtbilanz seit Columbine: 143 Tote, 294 Verletzte.

Die Bilder von damals sind sich noch vielen in Erinnerung, weil erstmals ein Amoklauf an einer Schule von Fernsehkameras und Satellitenwagen live in alle Welt übertragen wurde: der blutverschmierte Schüler, der sich aus einem Fenster in die Arme der Helfer fallen lässt, die panischen Blicke der Kinder und Jugendlichen, die aus der Schule stürmen, das Spezialeinsatzkommando der Polizei, das in schwarzer Panzerung auf die Schule vorrückt. Damals berichtete ich aus Washington über die schrecklichen Ereignisse und musste dabei immer an Jonesboro denken, an Victoria und Natalie.

Es hat sich nichts geändert

Heute bin ich wieder in den USA. Die Bilder bei heutigen Schulschießereien sehen absolut genauso aus, es hat sich nichts geändert, auch wenn sich seit damals – angeblich - so viel getan hat. In Columbine dauerte es bis zum Eingreifen der Spezialkräfte 47 Minuten. Heute ist jeder Polizist auf Amoklauf-Situationen trainiert. 80 Prozent der Schulen haben jetzt Überwachungskameras. 90 Prozent verfügen über Notfallpläne. Es gibt Metalldetektoren an den Eingängen, durchsichtige Spinde für die Schüler, Früherkennungskonzepte und -experten, falls potentielle Täter auffällig werden.

Und doch gab es 2019 in den USA bereits neun Schulschießereien mit Toten und Verletzten. Diese Woche waren im Großraum Denver alle Schulen geschlossen. Eine halbe Million Schüler blieben zu Hause, weil das FBI nach einer 18-Jährigen fahndete, die wohl einen neuen Amoklauf an der Columbine High-School in Littleton plante. Die junge Frau, selbst noch Schülerin, bewunderte die Täter vom 20. April 1999. Auf ihrem Blog fanden die Ermittler finstere Andeutungen, Gewaltfantasien und Hinweise auf psychische Probleme. Sie reiste aus Florida an und kaufte, gleich nach ihrer Ankunft in Denver, ein Gewehr mit Munition – problemlos. Am Mittwoch hat sich die junge Frau offenbar selbst erschossen. Entwarnung für diesmal. Aber es wird trotzdem weitergehen.

Ich wünschte, dieser Text könnte optimistischer sein. Aber ich erinnere mich noch sehr genau an diese Momente mit Victoria auf der Schulwiese in Jonesboro. Ich habe ihr die dumme Frage gestellt, wie es ihr geht. "Ich bin nicht mehr so verstört," sagte sie, "aber ich habe Angst, wieder in die Schule zu gehen." Manche haben Angst. Vor wenigen Wochen habe sich zwei Schüler der High School in Parkland, Florida, an der bei einem Amoklauf im Februar 2018 17 Menschen erschossen wurden, das Leben genommen. Die Ermittler glauben, sie fühlten sich schuldig, weil sie überlebten, während ihre Freunde starben. Warum müssen Kinder Angst haben, warum Opfer, Familien, Freunde sich schuldig fühlen, warum die Amokläufe weitergehen?

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.