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Brandanschlag vor 25 Jahren - Solingen gedenkt der Opfer

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Der Solinger Brandanschlag im Mai 1993 mit fünf Toten war eines der schwersten fremdenfeindlichen Verbrechen in Deutschland. Er hallt bis heute nach - in Gesellschaft und Politik.

25 Jahre nach dem fremdenfeindlichen Brandanschlag in Solingen mahnt Bundesaußenminister Maas, nicht wegzusehen und nicht zu schweigen.

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Die Flammen lodern bereits aus den Fenstern, als die Feuerwehr in der Unteren Wernerstraße eintrifft. Es ist die Nacht des 29. Mai 1993 in Solingen. Die Täter hatten Brandbeschleuniger im Hausflur entzündet - und so ist den Opfern der Weg hinaus versperrt. Fünf junge Frauen und Mädchen sterben in jener Nacht: Hülya (9), Saime (4) und Hatice (18), Gürsün (27) und Gülüstan (12). Sie werden Opfer des folgenschwersten ausländerfeindlichen Mordanschlags der Nachkriegsgeschichte.

Der Schmerz vergeht nicht

Ihre Mutter und Großmutter Mevlüde Genc (75) hat bis heute nicht abgeschlossen mit dem Verlust ihrer Mädchen, wie sie sagt. "Ich habe von einem Tag auf den anderen fünf Kinder verloren. Fünf meiner Kinder in Särge gelegt. Kann man so etwas vergessen?"

Der Anschlag reiht sich ein in eine ganze Serie rechtsextremer Gewalttaten jener Tage: Bei den Ausschreitungen gegen ein Heim von vietnamesischen Arbeitern in Rostock-Lichtenhagen im August 92 applaudieren Nachbarn dem Gewaltexzess. Die Polizei schaut lange tatenlos zu. Und in Mölln sterben schon Ende 1992 drei türkische Frauen nach einem ähnlichen Anschlag. In Politik und Medien tobt damals eine scharf geführte Debatte über Asyl und Zuwanderung - in diesem Klima fühlen sich Neonazis offenbar ermutigt zur Gewalt.

Entsetzen in Solingen

Und doch: In Solingen hatte niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet in ihrer Stadt junge Männer zu einer solchen Tat fähig sein würden. "Nazis waren hier immer schwach, die Wahlergebnisse lagen immer runter dem Durchschnitt", erinnert sich Frank Knoche vom Netzwerk "Solinger Appell". "Insofern hatte niemand damit gerechnet."

Die türkische Gemeinde der Stadt reagiert entsetzt auf den Mordanschlag. Viele empfinden es als Signal: "Ihr gehört nicht zu uns." Die Reaktionen: Mahnwachen und stille Trauer. Doch nach einigen Tagen übernehmen Extremisten die Regie - Linksautonome oder türkische Rechtsextremisten von den "Grauen Wölfen". Sie blockieren Straßen, zerschlagen Scheiben, plündern Geschäfte. Auch das deutsch-türkische Miteinander geht zu Bruch damals, in Solingen.

Festnahmen in rechter Szene

Die Polizei fasst kurz darauf vier junge Männer aus der Nachbarschaft - sie gehören zur rechten Szene der Stadt. Schon lange vor dem Anschlag hatte sie sich im Park hinter dem Haus der Familie Genc, dem sogenannten "Bärenloch", getroffen. "Ihr werdet brennen", will Familienvater Durmus Genc vor dem Anschlag gehört haben.

Im Oktober 1995 verurteilt das Oberlandesgericht den erwachsenen Haupttäter wegen fünffachen Mordes zu 15 Jahren Haft, die jüngeren Mittäter zu je zehn Jahren Jugendstrafe. Sie alle sind längst wieder auf freiem Fuß.

"Aufgeschreckte Politik"

Die politische Aufarbeitung dauert deutlich länger. Noch im Juni 1993 verweigert Bundeskanzler Helmut Kohl die Teilnahme an der Trauerfeier für die fünf Opfer. Doch das damals noch oft gehörte "Wir sind kein Einwanderungsland" war schon damals eine Lebenslüge. Nach Solingen bemüht sich die Politik stärker um Integration und Dialog.

Auch in der DITIB-Moschee von Solingen ist der 25-jährige Jahrestag des Anschlags natürlich Thema in diesen Tagen. Man werde den nie vergessen, hört man hier. Viele der älteren Männer haben Jahrzehnte in der Solinger Metallindustrie geschuftet, fühlten sich der Stadt immer verbunden. Umso mehr schmerzte es, diesen Brandnaschlag miterleben zu müssen. Aber: "In den 20 Jahren danach ist das Zusammenleben doch besser geworden", meint Mehmet Eroglu, "auch die Stadt nimmt heute mehr Rücksicht auf unsere Belange und Sorgen."

Solingen gedenkt der Opfer. Vom Haus der Familie Genc ist nichts mehr zu sehen - vor der Baulücke erinnert eine Gedenktafel an die Mordnacht. Auf dem alten Grundstück der Familie Genc stehen fünf Kastanien. Fünf Bäume für fünf Opfer.  

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