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25 Jahre Teilung - Tschechoslowakei: Aus eins wurden zwei

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Vor 25 Jahren trennten sich Tschechen und Slowaken. Aus der Tschechoslowakei wurden am Neujahrstag 1993 zwei neue Staaten. Eine Erfolgsgeschichte, die als Vorbild dienen kann?

Vladimír Mečiar im Gespräch mit Václav Klaus
1992: Der Slowake Vladimír Mečiar im Gespräch mit dem Tschechen Václav Klaus
Quelle: ap

Der Neujahrstag 1993 war für die Menschen in der Tschechoslowakei ein besonderer. Vor 25 Jahren trennten sich Tschechen und Slowaken auf friedlichem Weg. Aus ihrem gemeinsamen Staat wurde Tschechien und die Slowakei. "Gerade in der älteren Generation werden viele mit einer gewissen Wehmut und Nostalgie auf die Teilung vor einem Vierteljahrhundert zurückblicken", ist Kai-Olaf Lang überzeugt. Der Politologe ist EU- und Osteuropa-Fachmann der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Teilung von der Politik entschieden

Denn anders als etwa beim Brexit, wo die Bevölkerung in einer Volksabstimmung für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gestimmt hat, wurde die Teilung der Tschechoslowakei von der Politik entschieden. Sie ist das Ergebnis der ewigen Grundfrage nach dem Verhältnis zwischen dem tschechischen und dem slowakischen Landesteil. "Die Kräfte in der Slowakei, die mehr Eigenständigkeit und eine Ausweitung von Befugnissen wollten, wurden stärker", betont Kai-Olaf Lang. "Zusätzlich lehnte man in der Slowakei auch den harten marktwirtschaftlichen Reformkurs der Tschechen ab."

Dennoch gab es noch im Frühjahr 1992, also kurz vor der Teilung, auch in der Slowakei nur eine Minderheit in der Bevölkerung, die eine komplette Abspaltung wollte. Fehlende Brückenbauer und gemeinsame Visionen sowie unterschiedliche Interessen führten letztendlich aber dazu, dass die Spitzenpolitiker beider Landesteile weniger Gemeinsames als Trennendes sahen. "Politisch hat man sich trotz der Trennung darauf geeinigt, eine Art Nahverhältnis zu entwickeln", sagt Ostmitteleuropa-Experte Kai-Olaf Lang.

Ein starkes Band, das verbindet

Was theoretisch klingt, wird in der Praxis von den Menschen seither mit Leben gefüllt. Die Bevölkerung ist über die Staatsgrenze hinweg eng verbunden. TV-Zuschauer in der Slowakei wählen gerne tschechische Programme. Zum Beispiel bei der Suche nach dem "Superstar", die es auch im deutschen Fernsehen gibt: Dies wird in Tschechien und in der Slowakei gemeinsam getan, unter dem Titel "Česko Slovenská SuperStar".

Karte von Tschechien und Slowakei
Karte von Tschechien und Slowakei
Quelle: ZDF

Fragt man in Tschechien danach, wer der liebste Nachbar ist, ist in diesen Rankings die Slowakei stets an erster Stelle. Auch in der Slowakei hat man gegenüber den ehemaligen Mitbürgern ein sehr positives Verhältnis. Einig ist man sich darüber hinaus auch, was die Ablehnung der europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik betrifft. Sowohl in Tschechien als auch in der Slowakei dominiert die Furcht vor der Zuwanderung, insbesondere aus islamischen Ländern.

Differenzen trotz Gemeinsamkeiten

Doch trotz aller Gemeinsamkeiten, haben sich Tschechen und Slowaken in einigen Fragen auch voneinander entfernt. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich mit der Situation in Europa nach dem Brexit beschäftigt, bestätigt einen schon länger zu beobachtenden Trend: Die Slowaken zählen in der EU zu den Enthusiasten, die Tschechen hingegen zu den größten Skeptikern. Nur 13 Prozent vertreten in Tschechien die Ansicht, die Vorteile einer EU-Mitgliedschaft würden überwiegen.

Dagegen teilt im einstigen Bruderland mehr als die Hälfte eine positive Einschätzung. "Bei den Slowaken ist die Wirtschaft ein wichtiger Faktor, der die positive Einstellung zu Europa miterklärt", betont Kai-Olaf Lang. "Durch entschlossene Reformen sicherte sich die Slowakei nicht nur den Beitritt zur Europäischen Union. Beachtliche Investitionen kamen ins Land und die Slowakei wurde zu einer Hochburg der Automobilindustrie. Die Einführung des Euros wurde zudem zum finanzpolitischen Gütesiegel."

Teilung muss nicht in blutiger Katastrophe enden

Dass die Teilung im Nachhinein für beide Länder gleichermaßen zur Erfolgsgeschichte wurde, hängt für Kai-Olaf Lang mit einem weiteren Faktor zusammen: "Andernfalls hätte sich der innerstaatliche Konflikt über die Stellung des slowakischen Landesteils womöglich über Jahre hingezogen. Die nötige Aufmerksamkeit für Reformen hätte gefehlt. Womöglich wäre es sogar zu einer Instabilität in ganz Mitteleuropa gekommen." So dominiert mit Blick auf den Neujahrstag vor 25 Jahren das Positive.

"Die Teilung der Tschechoslowakei hat gezeigt, dass das Auseinanderbrechen eines Staates nicht zu einer blutigen Katastrophe führen muss", betont Kai-Olaf Lang. Die zweite Erkenntnis: Gerade in der Europäischen Union, in der Grenzen durch Zusammenarbeit überwunden werden, lassen sich die Folgen eines Auseinandergehens von zwei Staaten kompensieren. Tschechen und Slowaken haben es vorgemacht: Beide Länder sind zu gleichberechtigten Partnern geworden. Trotz der Teilung verbindet die Völker ein starkes Band.

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