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Die ökonomische Mauer

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30 Jahre Mauerfall - Die ökonomische Mauer

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Dreißig Jahre nach dem Mauerfall: Nur 36 der 500 größten Unternehmen befinden sich in den neuen Bundesländern. Die Produktivität ist im Osten geringer, die Löhne auch. Warum?

Osten Wirtschaft
Ostdeutsche Wirtschaft (Symbolbild)
Quelle: dpa

Dass der Osten wirtschaftlich schlechter gestellt ist ist ein Ergebnis der Studie "Vereintes Land" des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Eine Instanz, die immer genannt wird, wenn es um die wirtschaftlichen Nachteile von Ostdeutschland geht, ist die Treuhandanstalt. Viele Ostdeutsche verbinden die Treuhand mit nur einem Wort: Abwicklung.

Am 1. März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, um das Volkseigentum der DDR zu verwalten. Schon bald wurde es zu einer der Hauptaufgaben der Treuhand, die Volkseigenen Betriebe der DDR nach den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft zu privatisieren. Damit verwaltete die Treuhand rund 8.500 Unternehmen mit über vier Millionen Angestellten. Im Laufe der Zeit stieg diese Zahl durch Aufspaltungen auf über 12.000 Betriebe.

Doch bis die ersten Unternehmen verkauft waren, dauerte es. "Das fing erst zum Jahreswechsel 90/91 an, dass die Treuhand in der Lage war, tatsächlich zu handeln und zu verkaufen", sagt Max Trecker vom Institut für Zeitgeschichte. Er arbeitet an dem aktuell größten Forschungsprojekt zur Geschichte der Treuhandanstalt mit. "Dann war es aber vielfach schon zu spät." Als die Treuhand 1994 ihre Arbeit beendete, waren über 3.700 Betriebe geschlossen worden. Rund 2,6 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren.

"Korrupte Netzwerke hat es im Einzelfall sicher gegeben"

Bei den Unternehmen, die überlebten und privatisiert wurden, handelte es sich meist um kleinere Betriebe. Ein geringer Teil wurde an die ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben. Nur circa fünf Prozent wurden an Ostdeutsche verkauft. Die Mehrzahl ging an internationale oder westdeutsche Konzerne, zum Teil zu sehr günstigen Konditionen.

Dabei kam es auch zu Betrug: "Korrupte Netzwerke hat es im Einzelfall sicher gegeben. Das ist in der Praxis aber weit weniger geschehen, als man das vermuten würde", sagt Max Trecker. Ein Problem sei allerdings, dass aus dem sogenannten Volksvermögen nur ein geringer Teil bei der ostdeutschen Bevölkerung gelandet ist.

Bis heute stehen die Treuhand und ihre Präsidentin Birgit Breuel für ihr Vorgehen in der Kritik. Doch die Ausgangsbedingungen erschwerten die Arbeit der Treuhand. Reint Gropp, er hat die Studie des IWHs geleitet, sagt: "Dass viele Unternehmen nicht eigenständig weiter existieren konnten, lag an den Fehlinvestitionen während der DDR-Zeit und weniger an der expliziten Politik der Treuhand." Auch Max Trecker sieht noch andere Gründe dafür, dass viele ostdeutsche Unternehmen sich nicht am Markt behaupten konnten: "Die Treuhand hatte keinen Einfluss auf die Währungsreform, auf den Zusammenbruch der Sowjetunion und auf das Konsumverhalten der Ostdeutschen."

Die Währungsunion

Vor allem "die Währungs- und Sozialunion hat einen massiven Aufwertungsschock für die ostdeutsche Wirtschaft bewirkt", sagt Max Trecker. Am 1. Juli 1990 wurde die Deutsche Mark auch im Osten eingeführt. Löhne und Gehälter wurden zu einem Kurs von 1:1 umgestellt. "Das hat vielen Unternehmen das Genick gebrochen." Die Lohnzahlungen erhöhten sich. Gleichzeitig fehlten Abnehmer für ostdeutsche Produkte im Inland, wie im Ausland. Dadurch standen viele Konzerne vor dem Konkurs.

Trotz dieser Umstände sieht Trecker einen Zusammenhang zwischen den Handlungen der Treuhand und den ungleichen wirtschaftlichen Verhältnissen zwischen Ost und West:  "Natürlich hat die Treuhand mit der massiven Deindustrialisierung und der Chancenlosigkeit bestimmter Regionen in Ostdeutschland zu tun. Wobei es auch unfair ist, der Treuhand die alleinige Schuld zu geben."

Subventionen wurden nicht ideal eingesetzt

Dass der Osten bis heute weniger produktiv ist, könnte auch mit Entscheidungen zusammenhängen, die nach den Treuhandjahren getroffen wurden. Zwar liegen die meisten großen Konzerne im Westen, doch vergleicht man gleich große Ost- und Westunternehmen derselben Branche, gibt es immer noch einen  Produktivitätsunterschied von bis zu 20 Prozent. Gropp vom Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle hat dafür eine mögliche Erklärung: "In Ostdeutschland wurden sehr lange Subventionen an Unternehmen gezahlt, unter der Bedingung, dass bestimmte Beschäftigungsziele erreicht werden. Wir haben den Unternehmen quasi Geld gegeben, damit sie zu viele Leute einstellen."

Doch es gibt noch weitere Gründe: Im Gegensatz zum Westen sei es kaum gelungen, eine Dienstleistungsbranche aufzubauen. Dabei ginge es nicht um beispielsweise Friseursalons, sondern um Werbeagenturen oder Beratungsfirmen. Das hänge vor allem mit den ostdeutschen Städten zusammen, sagt Gropp. "Die Politik sollte sich mehr um die Städte kümmern: Wie kann man die Infrastruktur verbessern, damit solche Jobs dort entstehen?"

Ob das allein ausreicht, um mit dem Westen aufzuschließen, ist fraglich. Fest steht: Die Handlungen der Treuhand lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Doch, zu welchem Ausmaß sie tatsächlich für den wirtschaftlichen Rückstand im Osten mitverantwortlich sind, ist momentan noch schwer zu sagen. Um die 45 Kilometer Akten hat die Treuhand zurückgelassen. Seit 2007 arbeitet das Bundesarchiv an deren Übernahme und Archivierung. Allein diese Masse stellt Wissenschaftler und Forschungsinstitute vor Herausforderungen. Hinzu kommt, dass die Akten der allgemeinen Schutzfrist unterliegen. Die läuft erst nach dreißig Jahren ab. Auch deswegen hat die eigentliche Aufarbeitung der Treuhandjahre gerade erst begonnen.

Dieser Artikel ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

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