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Die Einheit ist auch heute noch Arbeit

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30 Jahre Mauerfall - Die Einheit ist auch heute noch Arbeit

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Heinrich Bahns ist 72 und wohnt in Hamburg. Gabriela Kasigkeit ist 59 und wohnt in Wandlitz. Die Einheit sei auch 30 Jahre später nicht geschafft - harte Arbeit, auch heute noch.

Heinrich Bahns ist 72 und wohnt in Hamburg. Gabriela Kasigkeit ist 59 und wohnt in Wandlitz. Die Einheit sei auch 30 Jahre später nicht geschafft - harte Arbeit, auch heute noch.

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"Mein erster Mann war Ossi, der hat die Wende nicht verkraftet. Mein zweiter Mann war Wessi, der hat eine starke Frau nicht verkraftet. Mein jetziger Mann ist aus Mecklenburg-Vorpommern. Der ist solide." Gabriela Kasigkeit ist erst ein paar Minuten im Raum und füllt ihn bereits mit Witz und Schlagfertigkeit. Offenes Lächeln, glänzende Augen. Seit über 30 Jahren unterrichtet die 59-jährige Lehrerin an einer Schule in Prenzlauer Berg - erst in der DDR, jetzt in der BRD. 

Ihr gegenüber: Heinrich Bahns, ehemals Leiter einer Realschule in Hamburg. Fast schüchtern krempelt der 72-Jährige die Ärmel seines blau karierten Hemdes über die Unterarme. Darüber trägt er eine Weste. An den Füßen hippe Turnschuhe. Beide bringt heute.de an den Herd. Zum Kochen und um über Ost und West 30 Jahre nach dem Mauerfall zu reden. Über ein ehemals geteiltes Land und was davon heute noch übrig ist. Darüber, wie ein Schulsystem von einem anderen ersetzt wurde. Und: was man daraus lernen kann. Gabriela Kasigkeit sprudelt vor Geschichten, berichtet aus ihrer Perspektive. Heinrich Bahns saugt ihre Worte auf, versucht zu verstehen.

"Die Ostherkunft spielt schon eine Rolle"

Vor ihnen liegt ein Korb mit Zutaten. Eier, Spreewaldgurken, Dosenfleisch. Es gibt Hamburger Labskaus. Ein Gericht, bei dem zusammenkommt, was nicht zusammen gehört. Kasigkeit kennt das Rezept zwar nicht. Doch sie übernimmt die Leitung. Erst mal Kartoffeln schälen, Wasser aufsetzen. Heinrich Bahns assistiert. 

"Ich fühle mich nicht als Wessi", sagt er. "Diese Stereotype finde ich unverschämt. Die Menschen können nichts dafür, dass sie im Osten oder Westen geboren wurden." Es klingt wie aus dem Lehrbuch. Als wolle er die jahrzehntelange Überheblichkeit, die den Westdeutschen oft vorgeworfen wird, bei einem Essen wiedergutmachen. Gabriela Kasigkeit zögert. "Ich mag diese Klischees nicht, aber die Ostherkunft spielt schon eine Rolle", sagt sie. Erst gestern sei sie gefragt worden, ob sie Ossi oder Wessi sei. "Ossi" - aus ihrem Mund klingt das wie eine Selbstverständlichkeit. Keine Scham. Eher Stolz. Die Ostdeutsche ist ein Ossi. Der Westdeutsche ist Deutscher. 

Was der Westen vom Osten lernen kann

"Natürlich gab es Unterschiede im Aufwachsen", schiebt Heinrich Bahns schnell nach. Unterschiede gibt es genug: Die Schule in der DDR ist straffer organisiert als im Westen: strenge Lehrpläne, genaue Unterrichtsvorschriften. Heinrich Bahns erinnert sich auch an die klar strukturierten Lehrbücher aus dem Osten. "Nach der Wende waren die Westlehrer ganz scharf auf unsere Unterrichtsmaterialien", sagt Kasigkeit.

DDR bedeutet aber auch Staatsbürgerkunde. Vor allem die Geschichte des Mauerbaus ist politisch gefärbt. "Sie haben eine Mauer gebaut, damit nicht so viele gehen. Aus Parteiperspektive kann ich das schon verstehen", erzählt Gabriela Kasigkeit. "Mein Onkel hat Medizin studiert und ist kurz vor dem Mauerbau im Westen geblieben. Das kann ich auch verstehen."  

Begegnungen zwischen Ost und West

Was der Westen vom Osten lernen könnte? "Der Osten war weiter vorne, was die Frauenrechte betrifft", sagt Bahns. "Im Westen blieb die Frau bei den Kindern." Auch seine Frau ging erst wieder arbeiten, als die Kinder groß waren. Bei Kasigkeit lief das anders: "Ich hatte das Bedürfnis, auf meinen eigenen Beinen zu stehen und bin stolz darauf." Stolz ist sie auch darauf, kurz vor der Wende aus der Partei ausgetreten zu sein. "Ich habe einfach mein Buch auf den Tisch gelegt und gesagt: Ich möchte nicht mehr in der Partei sein."

Für ihn verändert sich ein Land. Für sie die Welt.

Als im November 1989 die Mauer fällt, ist Gabriela Kasigkeit trotzdem zurückhaltend. "Ich bin nicht sofort losgelaufen." Sie wartete eine Woche. Erst dann traute sie sich auf die andere Seite der Stadt. Nachts. Als die Kinder schlafen. An der Grenze geht sie noch einmal sicher: "Kann ich auch wirklich zurück?" Drüben, in West-Berlin, kauft sie keine Bananen. "Die konnte ich noch nie leiden. Was für ein blödes Klischee! Ich habe als erstes Kiwis gekauft, weil ich die wirklich nicht kannte." Und dann ist sie ganz schnell wieder zurück.

Wenig später zeigt sie ihren Kindern den Westen. An der Grenze fängt ihre Tochter an, "Kleine weiße Friedenstaube" zu singen. Ein Friedenslied aus der DDR. Gabriela Kasigkeit schießen beim Erzählen Tränen in die Augen. "Was muss das Kind da gefühlt haben, ohne wirklich zu begreifen, was passiert?" Sie lernt den Westen behutsam kennen. Keine unüberlegte Euphorie. Es war die richtige Reaktion, sagt sie heute. Heinrich Bahns Erinnerungen an den Mauerfall sind weniger prägnant. Dafür euphorisch: Er verfolgt ihn im Fernsehen aus der Ferne. "Das war eine tolle Geschichte und wir haben uns darauf gefreut, den Osten zu entdecken." Für Heinrich Bahns verändert sich ein Land. Für Gabriela Kasigkeit die Welt. 

Kollektiver Minderwertigkeitskomplex im Osten?

"Plötzlich war alles anders. Alles neu". Für Gabriela Kasigkeit bedeutet das: Eine Schulung nach der anderen. Es bedeutet auch: Rückschritt. "Es gab nach der Wende nur eine methodische Richtung und die wurde uns einfach vor die Nase gesetzt." Menschen aus dem Westen übernahmen Leitungspositionen, ohne zu fragen, was funktioniert hat im Bildungssystem der DDR. Der Westen war die neue Norm. "Das ist eine Anmaßung ohne Ende", sagt Bahns. "Dass Ratzfatz alles umgewandelt werden muss, habe ich von Anfang an als schwierig empfunden."

Mit der Wiedervereinigung muss sich auch Gabriela Kasigkeit anpassen. Ihr Unterrichtsfach Russisch ist nicht mehr gefragt. Doch sie hat Glück: Sie studiert zusätzlich Englisch und geht dank eines Stipendiums für ein Jahr in die USA. Zurück im neuen Osten wird sie als Gymnasiallehrerin eingestuft. Doch das Problem bleibt: "Wir konnten nicht mitreden", erinnert sie sich. "Das war auch in der Politik so. Und dann wird immer gefragt: Warum seid ihr so bissig?" Der Grund: Ein kollektiver Minderwertigkeitskomplex. 

Das Fett spritzt in der Pfanne, Gabriela Kasigkeit gibt zwei Spiegeleier hinzu. Dann wird angerichtet: Labskaus, Spiegelei, Gewürzgurken, die gefächerten Zwiebeln und ein Rollmops. Heinrich Bahns ist zufrieden, das Labskaus so gelungen, wie er es kennt. "Ich weiß ja nicht, wie es schmecken soll, aber mir schmeckt’s", sagt Gabriela Kasigkeit. "Man muss es halt ausprobieren." Genauso wie die Einheit. "Die Einheit ist Arbeit und noch nicht zu Ende", sagt sie. Und Heinrich Bahns stimmt zu.

Dieser Artikel ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

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