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Einmal Pionier, immer Pionier?

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30 Jahre Mauerfall - Einmal Pionier, immer Pionier?

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Sie waren die letzten "Jungpioniere" der DDR, heute sind sie um die 40: heute.de hat Frauen und Männer gefragt, wie sehr sie die DDR-Erziehung fürs Leben geprägt hat.

"Immer bereit - Junge Pioniere in der DDR": Junge Pioniere.
Nach Ende des Krieges wurde Ideologie nie wieder so massiv in deutsche Kinderköpfe gehämmert wie bei den Jungen Pionieren in der DDR. Aus ihnen sollten die neuen, besseren Menschen werden.
Quelle: ZDF

Sei freundlich und hilfsbereit: Diese Werte haben Kinder in den Schulen der DDR intensiv vermittelt bekommen, ab der ersten Klasse. Wer dort nur Drill und Härte vermutete, liegt falsch. In den offiziellen Geboten der staatlichen Pionierorganisation hieß es unter anderem: "Wir Jungpioniere lieben den Frieden, … sind gute Freunde und helfen einander, … achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit." Neben dem Appell, fleißig, diszipliniert und ordentlich zu sein, nahm vor allem der Solidaritätsgedanke viel Raum ein.

Identitätsstiftend: die zehn Gebote der Jungpioniere

Die Lebenswege von Menschen, die in den 1980er-Jahren ihre Kindheit in der DDR erlebten, sind völlig unterschiedlich verlaufen. Ebenso vielschichtig ist der Blick jener heute etwa 40-jährigen Frauen und Männer aus Ostdeutschland auf die DDR. Als positiv prägend und identitätsstiftend bezeichnen die von heute.de Befragten allerdings jene Werte, die ihnen in der Grundschule vermittelt worden seien.

Dass wir älteren Menschen helfen sollten im Alltag, das haben wir schnell als Selbstverständlichkeit begriffen.
Daniela Nikolai, Demenzkrankenbegleiterin

"Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Fleiß, das sind für mich Werte, die mir am wichtigsten sind und von denen ich denke, dass wir heute mehr davon brauchen", sagt etwa der Informatikprofessor Steffen Avemarg (40). Der Bausparkassen-Mitarbeiter und Reisefotograf Mario Gerth (42) meint: "Meine Schulzeit im Osten war von Strenge, Respekt und Disziplin geprägt - das war auf keinen Fall schlimm, es war gut so." Die Demenzkrankenbegleiterin Daniela Nikolai spricht von einem Verdienst ihrer Lehrer, den Blick der Schüler immer wieder auf Bedürftige gelenkt zu haben: "Dass wir älteren Menschen helfen sollten im Alltag, das haben wir schnell als Selbstverständlichkeit begriffen", sagt die heute 43-Jährige.

Aus der Not eine Tugend machen

Rückblickend deuten die Befragten auch materiellen Mangel durchaus als etwas, das ihren Charakter positiv geprägt habe. "Wir hatten wenig, aber das Wenige haben wir geschätzt. Ging etwas kaputt, wurde es repariert, nicht weggeworfen. Das ist ein Ansatz, den wir heute wieder viel stärker berücksichtigen sollten, auch aus Respekt vor der Natur und unseren Kindern", sagt Mario Gerth. Auch Steffen Avemarg sieht persönliche Eigenschaften wie Sparsamkeit, Genügsamkeit, hemdsärmeligen Pragmatismus und Erfindungsreichtum durch die Erziehung in der DDR begründet.

Trotz vieler positiver Assoziationen mit seiner frühen Schulzeit sieht Avemarg die staatliche Pionierorganisation der DDR aber auch kritisch - als verlängerten Arm eines autoritären Staatsapparats. Das Vorleben von Nächstenliebe und die Rede von "Klassenkampf" und "Klassenfeinden" vollzog sich im selben Raum.

Kehrseite Konformitätsdruck: "Bloß nicht auffallen!"

Als direkte Folge einer strengen Erziehung in der DDR sieht die aus Thüringen stammende Journalistin Annika Erbach (36) auch einen starken Konformitätsdruck, der früher auf ihr gelastet habe. "Wenn du in der Schule aufgefallen bist, war das meist nichts Gutes - also bloß nicht auffallen", sagt sie. Diese prägende Erfahrung teilen viele mit ihr. Der Berliner Soziologe Steffen Mau spricht von "gewissen gemeinschaftlichen Verdichtungen", die Ostdeutsche miteinander verbinden.

Die Identität der Ostdeutschen speise sich allerdings aus vielen Quellen und komme deshalb auch in sehr unterschiedlichen Formen daher: "Ostdeutsche Identität kann als trotziges Festhalten am untergegangenen Land daherkommen, als wehmütige Erinnerung an die eigene Jugend, als DDR-Folklore, als Rückbesinnung auf und Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, als neues Regionalbewusstsein oder als Selbstetikettierung der "Wendekinder", schreibt Mau in seinem neuen Sachbuch über das Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft.

Aus der Reihe tanzen kein Problem mehr

Während vor allem ältere Ostdeutsche häufig erhebliche Mentalitätsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen verspüren, so sehen die von heute.de befragten "Wendekinder" eher die Gemeinsamkeiten. Inzwischen holen die Ostdeutschen sogar bei der Fähigkeit zur Selbstvermarktung auf und manche machen steile Karrieren. Die Jungpioniere von einst trauen sich heute aufzufallen - und auch mal aus der Reihe zu tanzen.

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