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Keine Mauer mehr, aber ein gemeinsames Schicksal

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ZDF-Dokumentation "Grenzgänger" - Keine Mauer mehr, aber ein gemeinsames Schicksal

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30 Jahre nach ihrem Fall reisen zwei ZDF-Reporter entlang der ehemaligen Grenze. Ihr Eindruck: Deutschland ist auf dem besten Weg zusammenzuwachsen - aber noch nicht angekommen.

Fast 1.400 Kilometer Zaun, Minen, Wachtürme : Die innerdeutsche Grenze - niedergerissen von der Geschichte vor 30 Jahren. Ein Wessi und ein Ossi machten sich auf Spurensuche, drei Jahrzehnte später. Begegnungen zwischen Ostsee und dem Vogtland.

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Wo waren wir am Tag, als die Mauer fiel? Für alle, die den 9. November 1989 miterlebt haben,  wird es einer dieser Momente sein, die man nie vergisst. Ein Ereignis, das sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt hat. Nicht nur die Berliner Mauer wurde zum Einsturz gebracht, es fielen 1.393 Kilometer Zäune und Todesstreifen entlang der gesamten innerdeutschen Grenze, von der Ostsee bis zur damaligen Tschechoslowakei.

Vergessen ist oft das Leid, das diese gut gesicherte Teilung mit sich brachte. Nicht nur, weil  der Fluchtversuch durch Minenfelder und freies Schussfeld Hunderte von Menschen das Leben kostete. Die Grenze trennte Familien und ganze Dörfer. Tausende Häuser wurden ohne Rücksicht auf die Bewohner für den Bau der DDR-Grenzanlagen geschleift. Fast 40 Jahre lang ging ein Riss durch Deutschland.

Im Osten war plötzlich alles anders

Von Therapeuten hört man, eine Heilung brauche oft ebenso lang, wie das Trauma vorher angedauert hat. Dann wäre Deutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall und 29 Jahre nach der Wiedervereinigung zwar auf dem besten Weg zusammenzuwachsen, aber doch noch nicht angekommen.

Diesen Eindruck, vorsichtig gesagt, haben wir auch von unserer Reporterreise entlang des ehemaligen Todesstreifens mit nach Hause gebracht. Ein Ossi und ein Wessi waren unterwegs, zumindest hätte man uns damals so eingeordnet. Andreas Postel, heute ZDF-Studioleiter in Thüringen, und ich, Peter Kunz, jetzt ZDF-Studioleiter in Niedersachsen.

Im Alltag des Journalisten in Thüringen sind Fragen von Identität in Ost und West, das haben auch unsere Gespräche untereinander am Wegesrand gezeigt, viel gegenwärtiger als für einen, der im alten Westen arbeitet. Im Westen ging es damals vor 30 Jahren ja im Grunde einfach nur weiter. Im Osten war plötzlich alles anders, wurden Biografien, die Wirtschaft, das Land auf den Kopf gestellt.

Eine neue Identität Ost

"Ich bin froh, Ostdeutscher zu sein", sagt im Film ein Trabi- und Oldtimerfreund aus Rostock, der mit seinem eigenen Leben rundum zufrieden ist, weil er mit einer soliden Ausbildung nach eigenen Worten "das Beste aus der DDR" mitnehmen konnte - bevor sich mit der Wiedervereinigung die ganze Welt für ihn öffnete. "Aber", meint er weiter, "wir sind auch die letzten Ostdeutschen. Für die, die nach 1989 geboren sind, ist das alles Geschichte". Wirklich? Es gibt genug Stimmen, die eine neue Identität Ost beschwören, möglicherweise eine, die sich erst in den 30 Jahren nach dem Mauerfall herausgebildet hat.

An einem alten Grenzturm, der heute verloren in der Gegend herumsteht, treffen wir Touristen, die die Gelegenheit nutzen, um ihren Kindern deutsche Geschichte nahezubringen. Wessis aus dem Rheinland: "Die Menschen im Osten sind durchsetzungsfähiger. Die können sich besser bemerkbar machen, weil sie einen größeren Zusammenhalt haben", kommentieren sie eigenwillig die politische Unruhe im Osten, die sich in den letzten Wahlergebnissen dort spiegelt.

Das historische Gepäck aus der DDR gehört zu Deutschland

Es sind sehr menschliche, sehr ehrliche Begegnungen, die wir entlang des alten Grenzstreifens erleben. Ralph Georgi und seine Frau Ilka waren 1988 im Wagen von Westverwandten aus der DDR geflüchtet. Am Ende eines Urlaubs in Ungarn. Die Rücksitze waren dafür ausgebaut worden, Ralph und Ilka hinein und das Gepäck darüber.

Einige gefährliche Momente bei den Grenzkontrollen in Ungarn und Jugoslawien, stundenlang Platzangst und steife Glieder – und dann wird die Verheißung der Freiheit Wirklichkeit. "Ich wollte lange Hesse werden", sagt Ralph Georgi, "die DDR ablegen". Heute allerdings sieht er es genau andersherum: Die eigene Identität Ost, das historische Gepäck, das er aus der DDR mitgebracht hat, gehört zu ihm, gehört zu Deutschland.

Ralph Georgi gießt mit Auszubildenden des Bauhandwerks in Schlüchtern Kopien der DDR-Grenzpfähle, um sie als historische Wegweiser entlang der alten innerdeutschen Grenze aufzustellen.
Ralph Georgi (Mitte) gießt mit Auszubildenden des Bauhandwerks in Schlüchtern (Hessen) Kopien der DDR-Grenzpfähle, um sie als historische Wegweiser entlang der alten innerdeutschen Grenze aufzustellen. Anpackender Geschichtsunterricht für die Schüler.
Quelle: ZDF

Georgi stellt inzwischen Wegweiser und Kopien der alten Grenzpfähle entlang des ehemaligen Todesstreifens auf, damit Wanderer ihre Route finden und sich der historischen Bedeutung bewusst werden können. Seine Frau Ilka stört, dass in Deutschland derzeit eine Spaltung zu spüren ist, die allzuschnell an der alten Ost-West-Linie festgemacht wird. Auch wenn Rechtspopulisten ihre größten Erfolge derzeit im Osten der Bundesrepublik feiern.

Ein gemeinsames Schicksal von Ost und West

Wie toll wir in diesem Land leben können. Das sollten wir uns bewahren.
Ilka Georgi

"Man hat schon das Gefühl", erklärt Ilka Georgi, "dass der Osten sich insgesamt etwas abgehängt fühlt. Die Metropolen wurden gefördert. Und das Hinterland sieht aus, als wäre es vergessen worden. Die Leute dort, die eigentlich die gleiche Fürsorge verdient hätten, orientieren sich jetzt in eine andere Richtung." Das findet sie ganz furchtbar. "Ich hätte gerne, dass man sich wieder darauf besinnt, was es vor 30 Jahren für eine Wende gebracht hat. Wie toll wir in diesem Land leben können. Das sollten wir uns bewahren."

Im November werden wir drei Jahrzehnte Mauerfall feiern. Deutschland teilt heute keine Grenze mehr, kein Todesstreifen. Dafür teilen wir jetzt unser Leben. Nicht ein Schicksal Ost oder West, sondern ein gemeinsames.

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