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Schule in der DDR: "Widersprich nicht"

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30 Jahre Mauerfall - Schule in der DDR: "Widersprich nicht"

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Elke Urban hat drei Jahre als Lehrerin in der DDR gearbeitet. Nur drei Jahre. Das politische System empfand sie als erdrückend. Doch sie wünscht sich mehr Verständnis vom Westen.

Elke Urban
"Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Lehrer im Westen Lust hätten auf ostdeutsche Erfahrungen", sagt Elke Urban.
Quelle: ems/ZDF

heute.de: Wie haben Sie den Beruf der Lehrerin in der DDR empfunden?

Elke Urban: Eigentlich wollte ich nie Lehrerin werden, denn ich wollte auf gar keinen Fall in diese Zwänge geraten, unter diesen politischen Druck. In der DDR wurde jeder, der studieren wollte, gelenkt. Es sei denn, man trat in die SED ein. Eigentlich wollte ich Musikwissenschaft studieren. Aber als ich keinen Platz bekam, blieb mir nichts anderes übrig, als Musik- und Französischlehrerin zu werden. Was für mich extrem schlimm war: Ich wusste, egal wie ich mich anstrenge, egal wie meine Schüler sich anstrengen, wir kommen alle nie dorthin. Das Land unserer Träume bleibt Fantasie. 

heute.de: Wie hat sich ihre Sicht auf das DDR-Schulsystem nach der Wende verändert?

Urban: Ich war nur drei Jahre lang im DDR-Schuldienst, bis 1975. Danach bekam ich Kinder und blieb zu Hause. Nach der Wende habe ich angefangen, im Schulverwaltungsamt zu arbeiten. Die Freiheit, die ich in westdeutschen Schulen erlebt habe, hat mich total umgehauen. Die Lehrer konnten den Unterricht völlig anders gestalten, als wir es in der DDR gewohnt waren. Das waren jedoch Schulen in freier Trägerschaft, die ich später in meinem Beruf auch gegründet habe, weil ich möglichst weit weg wollte vom Schulsystem der DDR. 

heute.de: Ihre persönliche Einschätzung: Was lief damals besser im Schulsystem und im Unterricht? Was schlechter?

Ich finde es bedenklich, dass in westdeutschen Schulen fast kein deutsches Lied mehr gesungen wird.

Urban: Ich finde es bedenklich, dass in westdeutschen Schulen fast kein deutsches Lied mehr gesungen wird. Wenn, dann sind die Lieder meistens auf Englisch oder auf Spanisch. Das macht kein anderes Land der Welt, das macht nur Deutschland so. Andersrum war es in der DDR vollkommen übertrieben: In den Pioniergesetzen wurde verlangt, dass wir die DDR lieben sollen – unser sozialistisches Vaterland. Das haben wir natürlich nicht verinnerlicht, aber das wollte der Staat so. Erst mussten wir das Land lieben, dann die Eltern, und dann die Kriegsführer hassen.

heute.de: Wenn die DDR trotz dieser Anstrengungen nicht geliebt wurde, hatten die Pioniergesetze trotzdem einen Effekt auf die Bevölkerung?

Urban: Der Versuch, durch solche Gesetze ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen, ist natürlich fantastisch gelungen. Alle Kinder hatten eine Verbindung zueinander, alle waren gleich. Nach der Unterrichtsstunde im Schulmuseum bestätigen mir die Jugendlichen heute, dass ihnen dieses Gefühl fehlt. Ich bedauere, dass es in Westdeutschland bis heute kaum die Frage gibt: Was kann der Westen vom Osten lernen? Alleine schon, wenn es um die Ergebnisse der Pisa-Studie geht, bei der ostdeutsche Länder gerade in den Naturwissenschaften besser abschneiden. Und trotzdem gibt es keine Bemühungen von westdeutschen Lehrern, sich davon mal was abzugucken.

heute.de: Was waren bemerkenswerte Unterschiede der beiden Schulsysteme zur Zeit der Teilung?

Ein gravierender Unterschied war, dass in der DDR Schule zentral gesteuert war, und zwar bis in den letzten Winkel hinein.

Urban: Ein gravierender Unterschied war, dass in der DDR Schule zentral gesteuert war, und zwar bis in den letzten Winkel hinein. Mit genauesten Vorgaben für jede Unterrichtsstunde, für jedes Unterrichtsfach. Es gab keinen Wettbewerb. Es gab nur ein Schulbuch für alle - und zwar von Rostock bis Plauen. Pädagogische Freiheit des Lehrers gab es nicht in der DDR. Der zweite riesige Unterschied war, dass wir von der ersten bis zur zehnten Klasse gemeinsam gelernt haben. Die Schulstruktur war völlig anders: Es gab diese Hysterie nicht, zumindest bis zur achten oder zehnten Klasse: Komme ich auf die erweiterte Oberschule, kriege ich das Abitur? Man konnte relativ gelassen bis zur siebten Klasse mitschwimmen und musste nicht überall Einsen haben.

heute.de: Sie waren von 2001 bis 2015 Leiterin des Leipziger Schulmuseums? Dort stellen Sie Schulstunden nach, wie sie damals in der DDR stattgefunden haben. Wie unterrichten Sie das?

Urban: Zu uns kommen vor allem Schulklassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. In einer DDR-Heimatkundestunde, wie sie damals im Lehrplan stand, sollen die Jugendlichen die Erkenntnis gewinnen, dass Widersprechen sehr schwer sein kann. Die meisten Menschen in der DDR waren Mitläufer. Wenn es drauf ankam, dann wurde geschwiegen. Man dachte sich: Widersprich nicht, dann geht’s dir besser. Wenn das am Ende aber alle tun, dann stirbt die Demokratie.

heute.de: Wie reagieren die Besucher, die die DDR noch aktiv miterlebt haben?

Urban: Manche hatten nur positive Erinnerungen und schwärmten von ihrem Klassenlehrer. Andere sagten, es sei total schrecklich gewesen. Dass gelogen wurde, was das Zeug hält, weil man nur das schreiben und sagen konnte, was der Lehrer wollte. Das Schulmuseum vor meiner Leitung wollte zeigen, wie schön Schule im Sozialismus und wie schrecklich sie davor gewesen war. Ein klassisches Schwarz-Weiß-Bild eben. Das musste ich natürlich unbedingt aufbrechen, andere Quellen suchen, gucken wie man es moderner und interaktiver gestalten kann.

heute.de: Ein wichtiges Element im Schulmuseum ist die Demokratieerziehung. Weshalb?

Wer in der Demokratie einschläft, wacht in der Diktatur wieder auf.

Urban: Ich habe gemerkt, dass uns die Demokratie abhanden kommt, wenn wir sie nicht als etwas ganz Wichtiges hervorstellen. Indem wir lernen zu widersprechen. Und am besten lernt man das in der Schule. Wenn Schulen das nicht vermitteln, weil es eben nicht im Plan steht, oder weil der Lehrer zu autoritär ist, dann lernen die Kinder es später nicht mehr. Wer also in der Demokratie einschläft, wacht in der Diktatur wieder auf.

heute.de: Was kann der Westen vom Osten lernen?

Urban: Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Lehrer im Westen Lust hätten auf ostdeutsche Erfahrungen. Ein Konzept für die Zukunft wäre, wenn der hervorragende naturwissenschaftliche Unterricht aus der DDR, der sich bis heute im Osten erhalten hat, als Beispiel angesehen würde, um von uns Ostdeutschen zu lernen.

Das Interview führte Thomas Rostek

Dieses Interview ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

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