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"Der Markt kennt kein Ost und West"

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30 Jahre Mauerfall - "Der Markt kennt kein Ost und West"

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Bastian Pochstein ist der Chef der Brauerei Lübzer, Stefan Zubcic von MIFA. Sie finden: Der Markt kennt kein Ost und West. "Kapitalismus funktioniert überall."

"Wenn mir jemand sagt, du hörst dich ja gar nicht ostdeutsch an, frage ich ihn, ob er sich nicht schämt." Bastian Pochstein wird mit seinen 1,93 Meter Körpergröße, dem strohblonden Haar und den blauen Augen oft für einen Hamburger gehalten. Er ist aber in Schwerin geboren, hat in Rostock studiert. Der Osten ist für ihn facettenreicher als ein bestimmter Dialekt. In Lübz, in Mecklenburg-Vorpommern, leitet er die Lübzer-Brauerei. Auch seine Herkunft hat ihm den Job eingebracht, denn die Marke Lübzer wirbt mit Regionalität – bis in die Chefetage. Sich selbst bezeichnet er aber nicht als Ossi.

Als ostdeutscher Geschäftsführer gehört er in Deutschland zu einer unternehmerischen Minderheit. Nur 25 Prozent der 100 größten Firmen im Osten werden auch von Ostdeutschen geleitet. 60 Prozent sind westdeutsche Chefs.

Stefan Zubcic: "Ein Wessi, der die Firma aussaugt"?

In einer Berliner Küche trifft er auf einen solchen: Stefan Zubcic. Als Wessi sieht er sich nicht, auch wenn er von manchen Angestellten so wahrgenommen wird. Nach seinem BWL-Studium in Mannheim hat er mehrere insolvente Firmen aufgekauft, in den alten und den neuen Bundesländern. Darunter 2017 die MIFA, die mitteldeutschen Fahrradwerke. Jetzt werden im beschaulichen Sangerhausen in Sachsen-Anhalt keine Klappräder der MIFA mehr gebaut, sondern moderne E-Bikes der Sachsenring Bike Manufaktur. Mitarbeiterzahl: 180. Die Lübzer Brauerei beschäftigt 200 Menschen.

Als ich die Firma aus der Insolvenz übernommen habe, war einer der Kommentare in den sozialen Medien: Ein Wessi, der die Firma aussaugt, und dann weiter zieht.
Bastian Pochstein

Beide hat heute.de an den Herd gebeten. Zum Kochen, es gibt Spätzle mit Linsen. Aber auch, um darüber zu reden, wie viel Ost und West in ihrer Welt existiert. Pochstein schnibbelt und Zubcic sinniert über die Übernahme der MIFA. "Als ich die Firma aus der Insolvenz übernommen habe, war einer der Kommentare in den sozialen Medien: Ein Wessi, der die Firma aussaugt, und dann weiter zieht." Das habe ihn betroffen gemacht, sagt er, und lässt die Schultern kurz hängen. Der Eindruck sei manchmal: "Da kommt jetzt wieder ein Besser-Wessi und denkt, er weiß, wie es geht." Seine ostdeutschen Angestellten, findet er, seien besonders loyal und hätten ein unglaubliches Improvisationstalent. Auf der anderen Seite seien sie aber auch sehr beharrlich. "Auf Veränderung per se wird oft zurückhaltend bis negativ reagiert."

Nur 36 der 500 größten Unternehmen sind ostdeutsch

Lübzer-Chef Bastian Pochstein legt sein Messer kurz aufs Brett. Er bemerke bei Ostdeutschen manchmal die Eigenschaft, nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen, erzählt er. Das sei an sich ein angenehmer Charakterzug. "Um einen Job wie meinen zu machen, ist aber das Gegenteil die Voraussetzung." Entscheidend sei nicht, wo man herkommt, sondern was man kann, sagt Bastian Pochstein. Er gibt aber zu, dass sein Vorgänger großen Wert darauf gelegt hat, dass der neue Lübzer-Chef ebenfalls aus der Region kommt. Bastian Pochstein sieht den "Mehrwert" seiner Besetzung als Firmenchef bei seiner Heimat Schwerin. Was genau dieser Mehrwert seiner Herkunft aber ist, und was das mit der Bierproduktion zu tun hat, konkretisiert er nicht. "Von hier. Natürlich" eben.

Aber warum gibt es immer noch so wenig Großkonzerne in Ostdeutschland? Von den 500 größten deutschen Unternehmen sind nur 36 ostdeutsch. Stefan Zubcic sieht das Problem in den zahlreichen Übernahmen direkt nach der Wendezeit. Außerdem: Wo ein Standort einmal etabliert sei, bleibe er meist auch: "Die Headquarter von Daimler und Thyssen werden sich nicht mehr verlagern."

Bastian Pochstein rührt langsam in den Linsen und überlegt. "Um ein großes Unternehmen aufbauen zu können, braucht man Kapital", sagt er. "Und das war und ist im Westen." Wer könnte das besser wissen als er. Kurz nach der Wende wurde die Hamburger Holsten-Brauerei größter Anteilseigner der Lübzer Brauerei - Geld aus dem Westen. Seit 2004 steht die dänische Carlsberg-Gruppe hinter den Firmen. Der viertgrößte Brauereikonzern der Welt. 

"Ossi? Nö. Ich bin Norddeutscher"

Aber wie sieht es aus, wenn man nach den größten, wirklich durch und durch ostdeutschen Unternehmen sucht? Die mit ostdeutscher Chefetage, ostdeutschem Hauptsitz und ausschließlich ostdeutschen Anteilseigner? Laut Olaf Jacobs von der Universität Leipzig sind das ausschließlich mittelständische Unternehmen und die Stadtwerke größerer ostdeutscher Städte. Er hat die Studie "Wem gehört der Osten?" veröffentlicht. 

Bastian Pochstein legt den Kochlöffel zur Seite und blickt auf: "In 30 Jahren sind wir extrem weit gekommen", sagt er. "Ich kenne heute niemanden, der sich ehrgeizig gezeigt hat, der nicht belohnt wurde!" Stefan Zubcic stützt die Hand in die Hüfte und stimmt zu: "Wenn ich mir die Perspektiven junger Menschen anschaue, die im neuen System aufgewachsen sind, ist da kein Unterschied."

Die Spätzle sind durch, werden abgegossen und auf zwei weiße Porzellanteller gegeben. "Ich seh mich nicht als Westdeutscher", sagt Stefan Zubcic, "ich habe eine russische Frau, bin immer viel unterwegs gewesen." Pochstein schöpft die Linsen auf die Spätzle und sagt: "Ossi? Nö. Ich bin Norddeutscher." Am Ende sitzen beide am Tisch, trinken Bier und tauschen ihre Visitenkarten aus. Natürlich wird auch die obligatorische Einladung zur Werksbesichtigung ausgesprochen. Unternehmer scheint Unternehmer. Herkunft egal.

Dieser Artikel ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

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